Der Schatten leuchtet

Argentinien Grandios vermischt Hernán Ronsino in „Lumbre“ modernes Erzählen mit südamerikanischer Tradition
Katharina Schmitz | Ausgabe 29/2016

Der Goldfisch hat eine größere Aufmerksamkeitsspanne als mancher Mensch. Neun Sekunden Fokussierung schafft der Fisch, so viel Zeit braucht es ungefähr, dieses Zitat zu lesen: „Als der Kellner die zwei Fantaflaschen abstellt, trifft das Licht der Straße auf die Flüssigkeit und erzeugt dabei einen sommerlichen Effekt, der mich verstört. Die Flaschen, die Kieffer und der Alte in Zuninos Bar bestellt haben, stehen still auf dem Tisch, beide voll bis obenhin. Und glitzern im Licht. Da kondensieren in diesem Licht, das gegen die Farbe der Getränke schlägt und ihre Wirkung steigert, kleine Wassertröpfchen. Als dann der Kellner die Flaschen öffnet, erst die des Alten, dann die von Kieffer, hört man von drinnen ein asthmatisches Geräusch, begleitet von einer kleinen Wolke, und da denke ich nochmals an den Sommer. Nicht an einen bestimmten Sommer, sondern eher an die Idee von Sommer. Zuninos Bar hat den Besitzer gewechselt.“

Mehr als nur melancholisch

Was ist an dieser Szene in Hernán Ronsinos Roman Lumbre so leise hinreißend? Natürlich die erzählerische Präzision dieses argentinischen Schriftstellers, der uns mit wenigen Worten und einfachen Symbolen eine sommerliche Szene so vor Augen führt, dass tatsächlich – wie bei Proust – nicht einfach ein Sommer, sondern gleichsam die Essenz aller Sommer (oder eben die Idee davon) erzählt wird. Man wird in die angespannte Stille aus irgendeiner Filmszene versetzt, eine freilich, deren Pathos lakonisch gebrochen wird, ohne dabei die Spannung dranzugeben: „Zuminos Bar hat den Besitzer gewechselt.“ Nein, Ronsinos moderner Stil, das „asthmatische Geräusch“ begleitet von der kleinen Wolke, bleibt nicht beim Stimmungsvollen stehen. Das ist gut, denn es geht um mehr.

Zoom auf Zuninos Bar (später erfahren wir, dass gegenüber das städtische Krankenhaus liegt, dort erlag die Mutter den Folgen eines Herzanfalls): Der Erzähler Federico Souza, ein erfolgreicher Drehbuchautor, beobachtet die beiden Männer mit dem Blick des Filmemachers. Warum? Nun, Pajarito Lernú, ein langjähriger Freund des Vaters, wird tot aufgefunden. Die Umstände sind ungeklärt. Federico kehrt nach vielen Jahren zurück in seine Heimatstadt Chivilcoy. Angeblich hat ihm der zeitlebens seltsame Österreicher Federico eine (gestohlene) Kuh vermacht. Sie steht nun durstig auf einer Brachfläche herum. Die Kuh ist eine seltsame Chiffre in diesem Roman, sie scheint auch für eine verschüttete Erinnerung zu stehen, eine Episode, die irgendwo im Unterbewusstsein existiert. Die Kuh taucht noch öfter auf, einmal – wie die Auflösung eines Rätsels – als Miniatur auf einem Foto aus Kindheitstagen.

In Lumbre wird jedoch kein Mord aufgeklärt. Die Handlung lässt sich schwer einrahmen, sie macht mal moderate, mal abrupte Sprünge, eine Passage (in der die Kuh vorkommt) wird ein paar Mal im Roman wortwörtlich wiederholt. So als wollte der Autor, dass der Leser zwar mit ihm durch Raum und Zeit mäandert, nur eben im Gedankenstrom nicht verloren geht. Lumbre ist wie ein poetisch-experimentelles Puzzle von Fragmenten aus der (politischen) Geschichte Argentiniens, konkret des Glaxo-Viertels in Chivilcoy und seiner Bewohner. Manches Mal fehlt dem Leser die historische Kenntnis, um zu verstehen, aber das ist nicht schlimm. Wie kann man sich das vorstellen? Die Handlung ist konkreter als etwa bei Patrick Modiano. Man denkt aber an den Nobelpreisträger, weil sich Ronsino ebenso obsessiv mit dem Erinnern und dem Vergessen und ihren Amalgamen beschäftigt. Lumbre (spanisch für „Glut“) ist ein Zitat von Cesare Pavese vorangestellt. „Sich an etwas zu erinnern, bedeutet, es – jetzt erst – zum ersten Mal zu sehen.“

Den Roman durchzieht noch ein Motiv, es ist der reale Mord am Dichter Carlos Ortiz. Hernán Ronsino hat seinen Roman verschachtelt durchkomponiert. Es gibt ein Buch im Buch, das einen Platz einnimmt, einen Film im Buch, einen Dokumentarfilmausschnitt (den mit der Kuh).

Noch einmal, um von der Kuh auf den Goldfisch zu kommen: Warum schwimmt man so gern herum in diesem glitzernden Glas? Man kann es so sagen: Es scheint unmöglich, eine rein illustrative, nur hübsche Stelle in diesem Roman zu finden. Lumbre ist voll von ernsten, auch brutalen Metaphern. So wie die Abrissbirne, die der Erzähler einmal beobachtet, oder die alte Lehrerin, die ihr Bein hinter sich herzieht, als würde sie Erde zuschütten. Da schreibt einer mit einem bezwingenden Ernst.

Federico trifft die, die noch leben, den alten Monte, der die Metzgerei des Großvaters übernommen hat. Er findet Trugbilder, erinnert Albträume, vermutet Lügen, er versucht, etwas zu verstehen. Er wird mit Erinnerungen konfrontiert, die nicht mit den seinen übereinstimmen. Der Tod der Mutter scheint unverarbeitet. Von diesem So-ist-es-nicht-gewesen geht diese eigentümliche Magie aus, nicht zuletzt, weil Federico in diesen drei Tagen im März 2002 von seinem Leben in Buenos Aires abgeschnitten zu sein scheint, er kann seine Geliebte Hélène nicht erreichen, der Telefonkontakt ist gestört.

Man weiß nicht, will sich Federico nicht erinnern oder wollen sich die anderen nicht erinnern? Es klingt abgeschmackt, aber der Leser „taucht“ auch ein in diesen Roman, das ist ja sprichwörtlich wahr, weil Hernán Ronsino auch eine fantastische Anekdote über einen Schwimmwettkampf erzählt oder die Geschichte vom „mutmaßlichen Foster“, der den Tour-de-France-Verrückten Luna zu einem abenteuerlichen Wettkampf überredet. Er soll sechs Tage, 24 Stunden lang durch Chilvilcoy fahren. Luna stirbt. Es gibt Passagen, die in kleine Minaturen münden, der Umriss seines geklauten Fahrrads vor dem Friedhof, auf dem die Mutter begraben liegt. Schweiß auf einem Gesicht. Über mancher Szenerie liegt ein melancholischer Schatten. Ronsino bietet dem Leser nicht zuletzt eine Anschauung der eigenen, ja oft chaotischen Erinnerungsarbeit. Varianten der Vergangenheit. Unausgesprochenes. Dabei geht es – wie gesagt – nur um drei Tage im März 2002.

Wer Lumbre gelesen hat, versteht, warum Hernán Ronsino zu den bedeutendsten lateinamerikanischen Erzählern zählt. Der 1975 geborene Schriftsteller ist tatsächlich im Provinzstädtchen Chivilcoy aufgewachsen, die Stadt ist auch Schauplatz seines sehr gelobten Kurzromans Letzter Zug nach Buenes Aires (2012). Als Gabriel García Márquez starb, hieß es, der magische Realismus sei tot. Es lebe der nouveau roman, will man flüstern, made in Argentinien, und denkt an die Idee von Sommer in Zuninos Bar.

Info

Lumbre Hernán Ronsino Luis Ruby (Übers.), zwölf Schwarzweißfotos von Silva Pocha, bilgerverlag 2016, 340 S., 25,80 €

06:00 03.08.2016
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