Der Sog der DDR

Interview Woher kommt die politische Entfremdung vieler Menschen im Osten? Die Verletzungen? Der Rostocker Soziologe Steffen Mau forscht darüber

Kann man eine Gesellschaft wie eine Festplatte re-formatieren? Schwierig. Deshalb gibt der ostdeutsche Soziologe Steffen Mau auch keine Reparaturempfehlung. Was er auch nicht will: durch Besserwissen von heute die Erfahrung von damals entwerten.

der Freitag: Herr Mau, Sie sind im Rostock der 70er Jahre aufgewachsen. Im Plattenbauviertel Lütten Klein.

Steffen Mau: Man sagte damalsja „Neubaugebiete“. Sie schossen überall in der DDR ab Mitte der 60er Jahre aus dem Boden. In Rostock wohnten hier fast 70 Prozent der Bevölkerung. 70 Prozent!

Der Nachbar konnte ein Opernsänger sein, ein Oberst, ein Werftarbeiter. Es gab keine großen Lohnunterschiede und damit keine Klassenunterschiede. Klingt idyllisch …

Diese soziale Nivellierung und Angleichung der Lebensweisen in materieller, sozialer und kultureller Hinsicht war ja eine Art DNA der DDR. Das war prägend und ist auch von vielen Werktätigengruppen als positiv gesehen worden. Das ist heute auch eine Erklärung dafür, dass es diese starke Ungleichheitskritik in Ostdeutschland gibt. Vergessen sollte man aber nicht die zugleich existierende hohe Machtkonzentration.

Aber das legendäre DDR-Gemeinschaftsgefühl war eben schon auch real ...

Die DDR war ja eine kleine und überschaubare Gesellschaft. Mit 18 Millionen Einwohnern. Isoliert und homogen. Provinziell auch. Die DDR hat eine enorme Sozialisationsleistung gegenüber der Bevölkerung erbracht. Die Leute wurden geradezu in die DDR hineingesogen. Und die so entstandenen Gemeinsamkeiten sind auch der Humus für dieses besondere Miteinander. Manches davon wird heute idealisiert, aber man stand schon näher beieinander. Es bildeten sich Formen der Gemeinschaftlichkeit, der sozialen Netzwerke, der wechselseitigen Hilfestellung heraus, natürlich auch eine informelle Ökonomie, die von Tausch und sozialer Reziprozität lebt. Die Kehrseite dieser Binnengemeinschaftlichkeit ist in gewisser Weise aber die harsche und ablehnende Haltung gegenüber Personen, die als andersartig, fremd wahrgenommen werden.

Und die Nivellierung der Klassen wurde dann ja auch ein Problem, das bis heute nachwirkt.

Um das zu verstehen, muss man die DDR periodisieren. In den 1950er und 1960er Jahren war die DDR eine Aufstiegsgesellschaft par excellence. Viele aus einfachsten und untersten Schichten kamen zum ersten Mal in bessere Bildungsanstalten und in höhere Positionen. Ab Mitte der 1970er schlossen sich dann diese Mobilitätskanäle. Alle Positionen waren besetzt. Die DDR begrenzte damals als das einzige industriegesellschaftlich fortgeschrittene Land die Studierendenzahlen. Weder konnten also die in den guten Positionen davon ausgehen, dass ihre Kinder auch einen ähnlichen Sozialstatus erreichen würden wie sie selbst, noch konnten die Kinder aus der Arbeiterschicht nach oben kommen. Es gelang der DDR dann nicht mehr, durch Aufstiegsversprechen so etwas wie Loyalität herbeizuführen, was einen Teil ihres Untergangs mit erklärt.

Die Wende verschärfte also ein bestehendes Problem?

Ja, die Wiedervereinigung war zwarfür den Westen durchaus noch mal die Gelegenheit, Aufstiegsmobilität auszulösen, weil es Vakanzen in mittleren und höheren Positionen im Osten gab. Aber viele im Osten rutschten zeitgleich in die Prekarisierung ab. Die Verbreitung des Niedriglohnsektors wurde hier im Prinzip vorweggenommen. Lütten Klein, gerade noch Viertel der privilegierten und arrivierten Werktätigenschaft, war plötzlich ein Problemviertel. Der Betrieb, in dem ich gelernt und dann auch gearbeitet habe, Schiffselektronik Rostock, der hatte 3.000 Mitarbeiter und ist dann auf 40 zusammengeschrumpft. Sozialstrukturell versteinerte die ostdeutsche Gesellschaft.

Es bildeten sich neue „Frakturen“.

Denken Sie an den vollständigen, rücksichtslosen Institutionentransfer, das Abräumen von allem, was als DDR-mäßig kontaminiert galt, auch an das Unverständnis für Vor-Ort-Strukturen, Mentalitäten etc. – das alles wirkt nach. Man könnte noch mehr nennen: Die politische Entmündigung der Ostdeutschen im Zuge der Wiedervereinigung, die demografische Struktur, die massenhafte Abwanderung von engagierten, qualifizierten Personen, der Geburteneinbruch nach der Wende, das alles sind solche Frakturen. In Lütten Klein und Ostdeutschland insgesamt gibt es in der Kohorte von 25 bis 40 deutlich mehr Männer als Frauen, wodurch die Männer auch eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, Single zu bleiben, mit all den damit verbundenen Problemen.

Problemen wie dem Rechtspopulismus ...

Der Männerüberschuss liefert einen bestimmten Teil der Erklärung, aber man darf dies nicht zu hoch gewichten. Es gibt viele andere Verletzungen, die bei einigen das Zu-kurz-Kommen zum Teil des Lebensgefühls machen. Man könnte einen darauf bezogenen Hang zur emotionalen Buchführung diagnostizieren, bei dem vieles immer wieder verrechnet wird. Wenn man heute mit den Leuten spricht, hört man gegenüber den Flüchtlingen ganz oft das Argument: Als wir in die Bundesrepublik gekommen sind, da mussten wir alles abstreifen, neu lernen, nichts durfte so bleiben, wie es war, und wenn die Flüchtlinge jetzt kommen, sollen die weiterhin alles so machen können wie bisher. Die müssen sich nicht anpassen, die dürfen ihr Kopftuch tragen und so weiter. Kurz: Da werden die Zumutungen, die man selbst auszuhalten hatte, auf andere Gruppen projiziert.

Zur Person

Steffen Mau, geboren 1968, wächst in den 1970er Jahren im Rostocker Neubauviertel Lütten Klein auf. Als die Mauer fällt, ist er bei der NVA, nach der Wende studiert er, wird schließlich Professor. Sein Buch Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft erscheint dieser Tage bei Suhrkamp

Die eigenen Diskriminierungserfahrungen werden also projiziert?

Genau. Ich würde nicht von offener Diskriminierung der Ostdeutschen sprechen. Wenn aber eine kulturelle Herkunft aus sich selbst heraus keine Anerkennung erfahren kann, ist das für diejenigen, denen diese etwas bedeutet, ein Problem. – Angela Merkel ist ja im Prinzip der Prototyp von Invisibilisierung von Herkunft. Dass sich jemand herkunftsmäßig verschatten muss, um politisch erfolgreich zu sein, das ist für mich ein Ausdruck von kultureller Deklassierung dieser Herkunftskultur.

Deklassierung erfahren auch die Bewohner im Rust Belt der USA. Die DDR ist trotzdem ein Sonderfall. Warum?

Nehmen Sie die Eliten- und Globalisierungskritik oder die Geltungsverluste tradierter Lebensformen, das gibt es vielerorts. In Ostdeutschland aber gab es zudem diese spezifische Form der Übernahme – im Grunde ein Inkorporieren einer ganzen Gesellschaft in das westliche Modell. Die Vorteile der Aufnahme in die westdeutsche Wohlstandsgesellschaft sind mit dem Verlust an eigenen Gestaltungsmöglichkeiten, Ohnmachtsgefühlen und kultureller Subalternisierung erkauft worden. Hinzu tritt, dass sich die Ostdeutschen auch ökonomisch mit den unteren Rängen begnügen mussten. Als gemeinsame Identitätsressource blieb dann das Deutsch-Sein übrig.

Kapitalismuskritik ist in Mode. Es gibt sogar eine neue Affinität zu Vergesellschaftungsideen. In Ostdeutschland gibt es aber wiederum eine höhere Affinität zur Diktatur. Wie kommt das?

Ostdeutsche haben durchaus eine kritische Haltung gegenüber den erkennbaren Schwächen und Problemen der Demokratie. Kritisch sehe ich natürlich, dass es in Richtung autoritärer Führerschaft geht oder gehen kann. In der Bundesrepublik haben wir nach dem Zweiten Weltkrieg ja auch immer von der skeptischen Generation gesprochen, wenn die letzte Jugendgeneration des Nationalsozialismus zum Thema wurde. Die politische Urerfahrung war der Zusammenbruch eines Systems, das gilt auch für die Jugendgeneration der späten DDR. Die Wiedervereinigung bedeutete letztlich eine Expansion des westdeutschen Parteiensystems mit wenig Rücksicht auf die lokalen Besonderheiten und die autochthonen politischen Mentalitäten. Die DDR ist in den Schoß der Bundesrepublik kollabiert, und damit verlor die Bevölkerung an Einflussmöglichkeiten und gerade gewonnener Handlungsmacht. Zur Wende wurden dann viele Führungskräfte nicht nur der politischen Elite aus dem Westen importiert. Es gab keine Elitenbildung von unten. Das ist ja heute noch so. Nur 25 bis 30 Prozent der Eliten im Osten kommen aus dem Osten, bundesweit nur zwei bis drei Prozent. Wären die Ostdeutschen phänotypisch erkennbar, wäre das schon längst skandalisiert worden.

Sie wollten schon vor über 20 Jahren über Ostdeutschland promovieren. Warum erst viel später?

Ein potenzieller Doktorvater in Italien hat mir damals gesagt: Lassen Sie das mal lieber, das interessiert niemanden. Ich glaube, dass er recht hatte, das war alles viel zu nah, wissenschaftlich kaum bearbeitbar. Aber mit einem Abstand von 30 Jahren habe ich mir gesagt, es ist einen Versuch wert, das mal anzugehen und das Dabeigewesensein zu nutzen, zumal die ostdeutschen Stimmen auch Eigenes zu bieten haben.

Für einen ehemaligen Schiffbauarbeiter haben Sie eine steile Karriere hingelegt. Sie sind nun auch einer aus der kosmopolitischen Elite. War das ein Problem bei Ihrer Forschungsarbeit?

Man muss bei dem Begriff vorsichtig sein – der hat sich analytisch abgenutzt und ist zum Kampfbegriff geworden. Die Frontstellung zwischen kosmopolitischen Eliten und kommunitaristischen Massen wird ja oft behauptet, aber das sind vielfach nur graduelle Unterschiede. Ich hätte diese Art von Ortsbegehung aber nicht ohne den Stallgeruch machen können, den ich habe. In diesem Fall ein Herkunftsbonus. Oft sagten die Leute, das wissen Sie ja, Ihnen muss ich das ja nicht erzählen. Es gab aber auch einige, die mich gegoogelt und dann auch wieder abgesagt haben. Die Selbstthematisierung aus zeitlicher Distanz ist aber eine Gratwanderung. Ich nutze meine Biografie vor allem dort, wo sie gewissermaßen die Textur der DDR-Gesellschaft spiegelt. Ich möchte soziologisch verstehen und entschlüsseln, empathisch, aber nicht, indem ich mich mit jedem gemeinmache.

06:00 12.09.2019
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