Ich kenne diese Menschen nicht!

Kommunikation Unsere Kolumnistin liest Elternchats bei Whatsapp und bleibt dabei ganz ruhig – zumindest noch
Ausgabe 32/2019
Wer sammelt sie diese Saison ein, die Svens und die Maxims? (Nicht im Bild: Ulf)
Wer sammelt sie diese Saison ein, die Svens und die Maxims? (Nicht im Bild: Ulf)

Foto: Imago Images/Camera 4

Die Anforderungen im Job als Helikoptermutter steigen stetig, jede Saison. Zu jedem Schulstart sind neue Skills gefragt, spätestens mit größeren Schulkindern würde sich wohl zeigen, wie professionell alles handlebar wäre, hätte man einen Bachelor in digitaler Kommunikation.

Es muss auch ohne gehen: In Elternchats auf Whatsapp zum Beispiel, so wurde mir klar, darf man bestimmte Topics noch nicht einmal ignorieren. Die Helikoptermutter liest zwar immer mit, sie steigt aber erst dann ein, wenn es wirklich relevant wird. Irgendwie sinister, diese Strategie, aber egal. Einlassungen von Pappenheimern sind als das zu behandeln, was sie sind: Einlassungen von Pappenheimern. Ich folge strikt den Empfehlungen auf karrierebibel.de, ich identifiziere das Wichtige im Postfach. Ich priorisiere. Ich archiviere. Ich prokrastiniere.

Bei vier Whatsapp-Kanälen ist die Helikoptermutter einfaches Mitglied, bei zwei Vereinschats, zwei Klassengruppen. Eine Administratorentätigkeit kann sie sich nicht vorstellen. Es gilt zum neuen Schuljahr, die Gruppen-Namen zu ändern, die 3a ist bald stolze 4a, 5b demnächst 6b. Der neue D1-Handballtrainer muss nicht nur einen komplett neuen Liga-Chat erstellen, er braucht einen E-Mail-Verteiler, muss die T-Shirt-Bestellung organisieren. Der Vereins-Slogan lautet: „Einfach machen“, was jetzt auch wieder auf den T-Shirts steht. Es gibt viel zu machen.

Es gibt Eltern, die sich never ever einer Whatsapp-Gruppe anschließen würden. Eine solche Verweigerung scheint so sinnvoll wie der Versuch, gesellschaftliche Debatten heute ohne das Internet zu führen. Besagte Eltern hätten ja auch für einen besseren Messenger streiten können. Seit Jahren tun sie eingeschnappt. Machen auf Super-Checker, verpassen aber alles, machen Probleme, für die man dann in den Chats wiederum Lösungen suchen muss.

Zum Ende der Ferien werden die Kanäle wieder hochgefahren. Ich scanne die Handball-Gruppe flüchtig, staune, was plötzlich los ist, scrolle mitten rein, ans Ende. Es geht um einen Shuttle zum ersten Spiel der Saison, darum, welche Svens von welchen Ulfs eingesammelt und wieder nach Hause gebracht werden. „Danke, dass ihr Maxim mitnehmt! Angelika, Mama von Maxim!“ Ich kenne diese Leute nicht! Warum kenne ich die Handballeltern nicht, dafür aber die Fussballeltern des anderen Sohns? Meide ich den Kontakt zu Handballeltern, weil diese versnobter sind als die Fußballeltern? Gerade bei den Handball-Turnieren tobt nie ein Kommunikationsbär. Man sagt Hallo, man sagt Tschüss, und dazwischen feuert man den Sohn an. Weshalb ich nun im Chat überhaupt nicht durchblicke. Um 22.34 Uhr meldet sich Thorsten, er hätte doch noch einen Platz im Auto frei. Ich schlage zu! „Danke, Katharina (Mama von ...)“.

Und damit weiter zum Klassenchat der 3a, bald 4a. Da fragt jemand nach dem Liedzettel für die Einschulung, dem Ständchen, das die Großen den Ersties geben werden. Ob den jemand reinposten kann? Das ginge ja noch, aber solche Fragen dienen eigentlich nur dazu, sich zu verzetteln. Darum gleich auch noch nach dem Orgazettel fürs neue Schuljahr fragen, der vor den Ferien ausgehändigt wurde! Warum nicht weitere Unklarheiten schaffen, wo vorher keine waren? Schließlich ist Montag wieder Schule. Man kann die Uhr danach stellen. Plötzlich fällt den Eltern ein, dass noch so was von viel unklar ist! Vermutlich gehöre ich dazu, aber da ich nur durchscrolle, kann mich nichts davon stressen. Noch.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

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