Die prekäre Gesellschaft

Debatte #unten hat erreicht, dass nicht mehr nur abstrakt berichtet wird, sondern dass Betroffene selbst reden. Das ist wichtig, wenn wir etwas ändern wollen

Zuerst: Der Freitag ist keine große Zeitung mit einem großen Verlag im Rücken, und es ist eine kleine Ironie dieser Geschichte, dass der Journalismus ja selbst eine Branche ist, in der es mal sanft bergauf, aber viel öfter nach unten geht. Für viele ist das natürlich keine Top-Nachricht; der Einzelne hängt und klammert in diesem Spätkapitalismus wie die Figur an der Leiter in unserer Illustration.

Dass wir mit unserem Wochenthema über soziale Ungleichheit in Deutschland, und vor allem mit der Hashtag-Kampagne#unteneine kleine Eruption auslösen würden, war also nicht absehbar. Wir freuen uns. Wir sind sogar ein wenig stolz. Wir sind ein bisschen optimistisch gestimmt. Es mag pathetisch klingen, aber die vielen Erfahrungen, von denen die Menschen per#untenberichten, fühlen sich an, als hätten wir eine Schleuse geöffnet. Als hätte es diesen Ruf nach draußen gebraucht, sei es in die engen Wohnungen entlang stark befahrener Straßen, wo die Gesundheit mehr leidet als im Grünen, oder in die Provinz, wo es vielleicht viel Grün, aber wenig Arbeit gibt und kein Arzt arbeiten will.

#untenhat erreicht, dass nicht mehr nur abstrakt über Menschen in prekären Verhältnissen geredet wird, über niedrige Löhne, Hartz IV, trostlose Renten, explodierende Mieten, das ist alles wichtig, keine Frage, sondern dass Betroffene selbst eingeladen sind, zu reden, mit eigenen Worten über ihren Wahnsinn zu sprechen, der ja oft das Prekäre in vielen Facetten meint.

Einige der Berichte sind hier auf Freitag.de zu lesen. Sie werfen Fragen auf. Ein paar Tage nach dem Start twitterte jemand: „Ist es eigentlich nur meine Filterbubble oder ändert sich tatsächlich etwas darin, wie und wie viel wir über soziale Missstände und Ausgrenzung sprechen?“ Es könnte doch sein, dass viele Filterbubbles zusammen eine neue Wirklichkeit ergeben, mindestens aber eine Dringlichkeit. Hallo, Politik, es geht so nicht weiter!

Und es gibt Kritik. In derFASwurde vermerkt, dass Twitter eben nicht jeden und jede erreiche, vor allem die ganz unten nicht. Bei Twitter schrieb einer: „DerFreitagverharmlost die Klassengesellschaft, indem er#untenals Vorurteils- und Diskriminierungsproblem bespricht.“

Eine neue Dringlichkeit

Sicher, die meisten Anekdoten handeln von Diskriminierung – und von Scham, Resignation, von Rückzug und Fatalismus. Aber Verharmlosung? Nein, wir finden, es ist ein Anfang. Wir finden, diese Wirklichkeit bringt eine neue Dringlichkeit hervor, die man nicht mit Polit-Floskeln wegmoderieren kann. Das Unten-Sein wird in unserer Gesellschaft viel zu oft als individuelles Scheitern gewertet. Eine gute Gesellschaft muss sich bewusst machen, wie perfide, ja wie neoliberal dieses Narrativ ist. In einer Zeit voller Verwerfungen ist der Einzelne nur noch bedingt seines eigenen Glückes Schmied. In einer gerechten Gesellschaft muss es mehr geben als formale Voraussetzungen dafür, sein Leben glücklich zu gestalten. Ein Bildungsfetisch reicht nicht. Es muss aber – als ersten Schritt – echte Chancengleichheit geben.

Und „Diversity“ bitte auch unten. Mein Vater zum Beispiel war Viehhändler, kein Arbeiter. Am Küchentisch saß er öfter mit speckigem Hemdkragen, in dem Hemd, in dem er geschlafen hatte. Meine Mutter war dagegen machtlos. Eine schrecklich nette Familie waren wir nicht, von wegen Herzensbildung der einfachen Leute. Bitte keine Romantisierung des Unten! Es ist eng da. Ich wollte raus, in die Weite. Ja, es stimmt, viele derer, die via#untenvon ihren Erfahrungen berichten, erzählen, wie sie trotz aller Widrigkeiten den „sozialen Aufstieg“ geschafft haben. Die politische Zuschreibung „sozial benachteiligte Schicht“ verwischt dies jedoch unzulässig. In jedem Fall aber ist eines klar: Es sind subtile Privilegien, die einen Erfolg wahrscheinlicher machen – wie immer man diesen Erfolg definiert, die meisten wünschen sich wohl einfach soziale Sicherheit und mehr Lebensqualität.#untenkann auch das aufzeigen: Weiter „oben“ zu stehen, ist nicht nur euer Verdienst, ihr, die ihr es leicht hattet, Stichwort: Erbengesellschaft. Ein bisschen mehr Demut bitte, mehr Ehrlichkeit. Die Angst, (wieder) abzusteigen, wird uns zukünftig alle lähmen.

Mein Vater wählte CDU. Er war ein Anhänger der sozialen Marktwirtschaft. Noch in den 1990ern glaubte er an die Idee, dass man es zu etwas bringen kann, wenn man nur fleißig ist. Die Wirklichkeit ist voller Poesie, wenn es Hoffnung gibt: Ich habe gerne mit ihm gestritten, denn es gibt auch in einfachen, sogenannten bildungsfernen Haushalten eine Streitkultur, Freunde. Dass ich dabei „links“ argumentierte, war mir gar nicht bewusst. Ich kannte keine Theorien, ich kannte niemanden, der eine Meinung links von der CDU vertrat, in dem Dorf 50 Kilometer entfernt von Karl Marx’ Geburtsort. Nicht zuletzt dieser Umstand hat sich durch das Internet geändert. Wir sind viele, und wir sind schnell beieinander. Ein Hashtag ist niederschwellig. Das gilt auch dann, wenn die Politik, die die Verhältnisse ändern will, zu einem schweren Geschäft wird.

06:00 15.11.2018
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