Die Welt nahe Belfast

Kult Mit Sean Duffy hat der Nordire Adrian McKinty einen starken Ermittler geschaffen. Das gilt auch für „Rain Dogs“

Einen wie Sean Duffy hat man eben doch gerne als Freund. „Bist halt immer noch der Alte“, ist die Floskel, die man sich verkneift, wenn man ihn mal trifft. „Der katholische BulleDuffy ist in Adrian McKintys fünftem Band sowieso immer noch zu jung, um schon der Alte zu sein.

Alles bekannt also, der private Schlendrian des Mittdreißigers, die mittleren Dramen: Gleich zu Anfang zieht die Freundin aus, Duffy will endlich mit dem Rauchen kürzertreten, er zögert neuerdings, ob er seinen Tee jetzt wirklich mit Whiskey aufpeppen sollte. Weitere Vorsätze: „Auf keinen Fall auch nur einen einzigen Song der Volltrottel von U2 anhören und keine einzige CD kaufen“, informiert exklusiv der Suhrkamp-Verlag, der den Kult um Duffy mitspielt, und seine zehn Lieblingswhiskeys listet (auf den ersten Plätzen liegen: Lagavulin, Bowmore, Ardbeg). Duffy ist auch sehr (nord-)irisch.

In den Duffy-Bänden steht kein konstruiertes Zeug. Der Übersetzer der Bände, Peter Torberg, bestätigt meinen Eindruck: McKinty verorte alles so, dass der Leser es finden kann, erläutert er im Telefongespräch. Er übersetzt andere große Autoren wie David Peace (GB84, 2014) oder den Hardboiled-Künstler Daniel Woodrell (Tomatenrot, 2016) oder den Meister des Spionageromans John Le Carré. Als gelernter Historiker prüft Torberg, ob die Realien stimmen, und bei McKinty sei sehr vieles historisch verbrieft. Auch das Bombenattentat in Brighton von 1985, das in Die Verlorenen Schwestern (2016) vorkommt.

Der aktuelle Band Rain Dogs spielt im Jahr 1986. Duffy ermittelt auf Verdacht gegen den britischen BBC-Moderator Jimmy Savile. In der Realität wurde der hundertfache Missbrauch an Kindern und Jugendlichen über Jahrzehnte erst nach dem Tod von Savile im Jahr 2013 aufgedeckt. Polizisten hatten jahrelang Hinweise ignoriert. Diese Tatsache allein lässt erschaudern. In Rain Dogs verfolgt eine Journalistin der Financial Times eine Spur, die zu Savile führt. Sie wird später tot aufgefunden. Selbstmord? Ein unheimlich guter Kniff, den Missbrauchsskandal in seinen Anfängen zu „rekonstruieren“. Die tatsächlichen Ermittlungen hatten ergeben, dass man Savile vor Jahrzehnten hätte stoppen können. Duffy gerät durch Zufall in diesen Fall, und bleibt als studierter Psychologe beruflich nicht unter seinen Möglichkeiten.

Überhaupt, in der Top Ten der identifkationsmächtigsten Krimihelden liegt er ganz weit vorne: schwarzer Rolli, schwarze Lederjacke, hört Ella Fitzgerald. Die Lieblingsalben seines Erfinders Adrian McKinty findet man im Blog The Psychopathology of Everyday Life, darunter Johnny Cash, Velvet Underground, Radiohead - Sie wissen schon ... Duffy ist der hoffnungslose Nostalgiker mit dem melancholischen Etwas, Kulturpessimist genug, um interessant zu sein, aber nicht zu sehr. Der prüfende Blick unter den BMW ist auch eins seiner Rituale, Autobomben im Nordirland der 1980er Jahre sind Alltag. Duffys Revier ist das nordirische Carrickfergus, 18 Kilometer von Belfast entfernt. Er lebt seit ewig in 113 Coronation Road. Der einzige Katholik in einem protestantischen Wohnviertel. Die Coronation Road gibt es wirklich. Selbstverständlich. Carrickfergus ist ungefähr so provinziell, wie der Name sich anhört – abgesehen von den Unruhen natürlich und dem imposanten Carrickfergus Castle, hier wird in Rain Dogs auch ermittelt. Wie konnte der Mörder, wenn es denn Mord war, die Burg verlassen?

Crabbie, der Protestant

Politisch ruft McKinty beim Leser in Erinnerung, was dieser schon fast vergessen hat. Die Zeit der nordirischen Unruhen, die ja auch in Deutschland ihren Widerhall fanden, wie Peter Torberg ergänzt. IRA-Anschläge in Dortmund zum Beispiel. Der Ruhrpottler erinnert sich noch gut an die 1970er, 80er, 90er Jahre und „was da los war“, in ganz Europa.

Ihm, dem langjährigen Übersetzer, sind inzwischen alle aus der Sean-Duffy-Serie ans Herz gewachsen. Kollege Lawson, der Klügste beim RUC, von dem Duffy immer fürchtet, dass Belfast ihn abwirbt. Lawson würde Duffy fehlen, nicht alle verstehen seinen tief trockenen Humor. Und natürlich Crabbie, der Protestant. Erzkonservativ. Duffy ist Patenonkel von Crabbies Kind.

McKinty, der 1968 in Carrickfergus geboren wurde und heute in Australien lebt, hadert etwas damit, dass die Amerikaner ihn etwas weniger lieben als wir, sagt Torberg. Dass er sich in Deutschland besonders gut verkaufe, liege an den Übersetzungen, generell sei die Übersetzungskultur hierzulande einfach hervorragend.

Zurück zu Rain Dogs (übrigens ja ein Tom-Waits-Albumtitel von 1986). Die Eingangsszene ist grandios, findet Torberg auch, aber: hier habe McKinty großzügig fiktionalisiert: „Liest sich wie echt, nicht wahr?“ Muhammad Ali war mehrmals in Irland, weil er irische Vorfahren hatte, diese Szene hat sich aber nie abgespielt. Dass er sich allen Sicherheitsvorkehrungen zum Trotz bis zu den Skinheads vorarbeitet, dem verblüfften Anführer die Hand schüttelt, ist aber toll zu lesen und bringt Duffy schon auf den ersten Seiten ins Schwitzen.

Info

Rain Dogs Adrian McKinty Peter Torberg (Übers.), Suhrkamp 2017, 404 S., 14,95 €

06:00 20.04.2017
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