Endlicher Spaß

Technik Am Theater herrscht eklatanter Nachwuchsmangel. Für das Bühnenbild wird das zum Problem
Endlicher Spaß
Es kommt jetzt eine Flut! Leider keine von Bewerbern

Foto: La Scala Oper in Mailand von Alessandro Scotti/Agentur Focus

Der Letzte macht das Licht aus – das wird am Theater zukünftig rein technisch nicht einfacher werden. Auf der Beleuchterbrücke, beim Rampenlicht, bei der Obermaschinerie und auf der Unterbühne fehlt der Nachwuchs, es herrscht Fachkräftemangel. Statt am Theater arbeiten Bühnentechniker heute lieber in der Eventbranche, die ist lukrativer. Ehedem konnten geringe Saläre durch die Anziehungskraft des Theaters wettgemacht werden. Besonders an den Theatern im Osten ist die Identifikation mit dem Haus legendär, sie funktionierte wie eine Kompensation. Man war Teil einer Theaterfamilie, die Berliner Volksbühne war bis zu ihrer „Zerschlagung“ ein Symbol dafür. Aber in den letzten Jahren wurden überall massiv Stellen abgebaut. Und wenn das so weitergeht, zudem die alten Meister in Rente gehen, wird in fünf Jahren nur noch die Hälfte der Premieren von heute zu realisieren sein. Davor warnte jedenfalls Hubert Eckart vom Fachverband Theatertechnische Gesellschaft kürzlich in der FAS.

Und dann? Nimmt dann das „Theatralische“ des Theaters wieder zu? Also in seiner eher enervierenden Bedeutung des Begriffs, nämlich „in seinem Gehaben, seinen Äußerungen gespreizt-feierlich, pathetisch“, siehe Duden? Haben wir dann wieder ein Theater, in dem sich der Schauspieler auf einer maximal kargen Bühne die Seele aus dem Leib spielt, so unvergessen wie zu Zeiten eines Gert Voss? Fraglich, ob „das“ Theater, bitte verzeihen Sie diese Verallgemeinerung, dann gegen Netflix konkurrieren kann; denn um die Konkurrenz zum Film geht es ja ständig beim Theater, das um seine Existenzberechtigung ringt.

Das Dilemma lässt sich aber nicht wegspielen: Wird es zu theatralisch, scheint das Theater umso entrückter von den Konflikten unserer Zeit. In Anna Bergmanns Persona, das zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen war, spielte Corinna Harfouch die Schwester Alma zwar in Perfektion, aber zum Glück bildete das Element Wasser einen urgewaltigen Kontrast, schien perfekt geeignet, weibliche Krisen zu zeigen, wenn „Regen“ machtvoll auf die Bühne prasselte, die weiße Maske verlief. Ganz so monumental wie unter Kaiser Titus wurde es im Deutschen Theater zwar nicht (zur Einweihung des Kolosseums hatte er die Bühne für eine Seeschlacht fluten lassen), aber klammheimlich dachte man, all die Effekte mit dem Wasser sowie das experimentelle Spiel mit Szenen aus Ingmar Bergmans Film retteten Harfouchs Spiel vor der Theatralik.

Ein Defekt an der Sprinkleranlage hat im April das Duisburger Stadttheater unter Wasser gesetzt. Es kann vorerst nicht bespielt werden. Eine Kostprobe solcher Verwerfungen wurde auch beim Theatertreffen öffentlich. Ersan Mondtags Internat, 3sat-Preisträger 2019, konnte hier nicht wieder aufgeführt werden. Das Bühnenbild, „als wäre Fritz Lang wieder auferstanden“ (SZ), verstaubt in Kisten bis auf Weiteres am Schauspiel Dortmund. Zu aufwendig und teuer sei der Wiederaufbau, hieß es.

2016 war Mondtag nicht nur als Nachwuchsregisseur des Jahres ausgezeichnet worden, sondern auch in den Kategorien „Bühnenbildner und Kostümbildner“. Die Realität ist nämlich auch, dass die Technik schon gar nicht, aber auch das Bühnenbild seltener die Lorbeeren erhält, auch wenn die Theaterwelt redlich bemüht ist, Würdigungen gleichmäßig zu verteilen. Es ist ein bisschen wie beim Übersetzer in der Literatur oder wie beim Schnitt im Film. Wird jemals einer wieder so berühmt wie der Volksbühnenbildner Bert Neumann, der 2015 früh verstarb? Berühmte Bühnenkünstler kennen die meisten allenfalls dem Namen nach, Katrin Brack, Caspar Neher, Anna Viebrock, Wilfried Minks, Robert Wilson – in ungeordneter Reihenfolge. Lieber als mit Dercon an der Volksbühne zu arbeiten, wollte er ein Tattoo-Studio eröffnen, sagte Neumann einmal.

Darsteller im Nebel

Als Bühnentechnik bezeichnet man „auch die Berufsgruppe der auf der Bühne nicht künstlerisch tätigen Personen“ (Wiki), heißt: Irgendwer musste auch bei Bert Neumann die Knöpfe drücken. In diesem Jahr blieben rund zweihundert Stellen im technischen Bereich an Theatern offen. Im Fall von Thorsten Lensings ebenfalls eingeladener Inszenierung Unendlicher Spaß war das nicht das größte Problem, schließlich mussten für die wunderbare Szene aus David Foster Wallace’ Roman nur Kopfkissen für die Geschwister an die Wand genagelt werden, damit die im Bett über Verzweiflung und Einsamkeit flüstern konnten – stehend. Die grandiose Ursina Lardi (hier funktioniert das Stück tatsächlich fast nur durch das überragende Schauspiel) brauchte nur einen überdimensionierten Adidas-Turnschuh mit Plateausohle anzuziehen, um wie der Teenager Hal auszusehen. Ansonsten ist vor allem das in Mode gekommene Gastspiel schön für das Publikum, aber ein Problem für die Bühnentechnik, die dann mitreisen muss. Kaum ein Theater kann aber gut mal eben auf seine Leute verzichten, es fehlen nicht nur die Schauspieler, es fehlen Techniker, Maskenbildner, Requisiteure et cetera.

Dabei können die Kollegen im Hintergrund so viel beitragen. In der Zürcher Aufführung Girl From The Fog Machine Factory von Thom Luz ist fast schon radikal die Technik der eigentliche Star. Luz präsentiert ein minutiöses Illusionstheater im Nebel, welches das Spiel der Schauspieler*innen überaus kunstvoll vernebelt. Die technische Leitung hat hier Li Sanli, über die kaum etwas zu lesen ist.

06:00 22.05.2019
Geschrieben von

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare