Ewiger Computerstaat

Simulation Philipp Schönthalers Roman „Der Weg aller Wellen“ führt in eine Apokalypse ohne Ende
Ewiger Computerstaat
Wenn die Dystopie da ist, wird sie uns gar nicht so dystopisch vorkommen

Foto: Imago Images/Bildgehege

Dieser Roman ist für Leser, die wirklich nicht wissen, ob die „Apokalypse“, die viele meinen, wenn sie vom Zustand der Erde sprechen, so nahe ist, wie es bis in die Kindsköpfe hinein hin Endzeitschleife verbreitet wird. Umgekehrt leben natürlich erstaunlich viele Menschen weiterhin ziemlich sorglos, so „als gäb’s kein Morgen mehr“, und leben also maximal in den Tag hinein. Auch das kann einem surreal erscheinen, befremdlich. Und hier nun ist es interessant, den Blick ein paar Eskalationsstufen weiter nach unten zu richten, so wie in Philipp Schönthalers Der Weg aller Wellen.

„Ich spürte einen Spannungsabfall, den Ausstoß von Dopamin, als wäre ich von irgendwoher auf archaische Weise in meinem Sein bestätigt worden.“ Solche subtilen Beobachtungen findet man im Weg aller Wellen ganz nebenbei, der Ich-Erzähler passiert gerade die Sicherheitsschleuse an einem Flughafen. Doppeldeutig geht es weiter: „Unmenschliche Uhrzeit, was?“, fragt ihn eine Arbeitskollegin, die er zufällig frühmorgens am Gate trifft.

Philipp Schönthaler erzählt aus einer Welt, die gerade nicht mit einem letzten Urknall untergegangen ist und uns alle verschluckt hat, sondern in der es weitergeht, immer weitergeht. So nach dem Motto, der Mensch gewöhnt sich an alles, auch an das, was gestern noch krass dystopisch schien. Warum also nicht an die „Working Homeless“ gewöhnen, an Leute, die kein Zuhause haben, aber zur Arbeit gehen – oder daran, dass wir uns bald per Vene identifizieren? Diese „Handvenenerkennung“ kann Schönthaler so plausibel erklären, als wäre sie schon Realität.

Der Ich-Erzähler arbeitet in einem fiktiven Silicon Valley an einer fiktiven Küste, die diffus abgeschirmt ist vom Rest der Welt. Alles wirkt zukunftsgerichtet und normal – solange man Teil der Normalität ist. Der „Deutsche“ arbeitet in der Abteilung Ad&Sales, ein selbstoptimierter Typ, wie wir ihn kennen und uns wiedererkennen. Er lebt auf der „sunny side of life“, scheint es, bis die Technik eines Tages bei der Identifizierung streikt. Man verwehrt ihm den Zutritt zum Konzern, bald zu seinem Apartment, es wird immer absurder, bis er verschwindet – in der Peripherie, in der Welt da draußen, die zurückgeworfen wirkt in eine analoge Zeit. Und der Leser weiß da nicht genau, ob die Wüste, die ihn dort erwartet, nicht doch die Erlösung ist.

Was „weiß“ man überhaupt? Realität ist im Roman definitiv die allumfassende digitale Kontrolle. Schönthaler erfindet nun aber keine sinistren Gestalten in dunklen Schaltzentralen, der Ich-Erzähler nimmt die Kontrolle „freiwillig“ in Kauf, hat gelernt, sich so zu verhalten, dass es im Internet keinen Interpretationsspielraum hinterlässt. Gelernt, strategisch vorzugehen. So überlegt er einmal, was ihn mehr verdächtig macht: über die Demo recherchieren, in die er geraten ist, oder den Vorfall zu ignorieren.

Der Weg aller Wellen will keine Science-Fiction sein, sondern eher eine Welt vorstellen, an deren Schwelle wir sind, eine Welt, in der „Science-Fiction“ zum Gegenwartsgefühl geworden ist. Das wird zu Beginn dieses Romans klargestellt; der Konzern, für den der Ich-Erzähler arbeitet, weckt „aus der Luft eine Sci-Fi-Assoziation“. Und der undurchsichtige Chef Rheimer trägt das Haar in „farbloser Eichenfurniertönung“, eine „non-deskriptive Frisur“. Es gibt noch Referenzen zu diesen analogen Zeiten.

Es gibt kein Draußen mehr

Philipp Schönthaler hat einen Roman auch für Leser geschrieben, die eigentlich mit Science-Fiction nichts anfangen können, mit dunklen Zukünften à la Star Wars. Der Weg aller Wellen klingt eher wie eine dunkle Version der 2040er Jahre. Klar, alles ist aus der Perspektive des einen einsamen Erzählers geschrieben, und es werden nicht die Arbeits- und Lebensbedingungen von vielen beschrieben. In einer hyperindividualisierten Welt sind haptische Freunde wohl auch zu retro.

Die Sprechweise in dieser Welt klingt dabei ziemlich normal, slightly anders, wie eine fortschreitende Systemanpassung. Und dann die Natur. Sie wirkt wie eine Computersimulation, nichts ist an ihr mehr natürlich. Vielleicht kann unser virtuell geschultes Auge eines Tages nur noch so schauen. Es gibt „radiärsymmetrischen Mohn mit „retroadretten Blütenkelchen“, „antennenförmiges Zyperngras“.

Echt scheint einzig die einschnürende Einsamkeit, immer kurz vor der Hyperventilisation: „Ich wandte den Kopf und sah aus dem Fenster. Draußen flockten sich die Wolken in einem homogenen Reinweiß, schoben sich geräuschlos ineinander und renderten wahnwitzige, wie am Häufungsgrad der eingehenden Daten erstickende, jeden Sinn und Verstand sprengende Schemas und Shapes.“

Diese Welt kennt kein draußen mehr, auch dann nicht, wenn man aus einem Fenster schaut. Die Stimmung, die das erzeugt, kann man eine apokalyptische nennen, aber ohne dass sich irgendein Ende und eine Erlösung oder ein Untergang abzeichnete.

Info

Der Weg aller Wellen Philipp Schönthaler Matthes & Seitz 2019, 269 S., 22 €

06:00 11.10.2019
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