„Fleiß ist hilfreich“

Interview Lola Randl sucht auf dem Land nach Sinn und findet, dass das Sozialleben wie ein Komposthaufen ist
„Fleiß ist hilfreich“
„Ich würde Therapie jedem empfehlen. Statt einer Fernreise“

Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz

Mit ihrem Partner wohnt die Münchner Regisseurin und Autorin Lola Randl seit zehn Jahren in Gerswalde, in der brandenburgerischen Uckermark. Vor ein paar Jahren kaufte Randl eine alte Gärtnerei dazu. Sie holte sich ein Sattelschwein, es kam das Schaf Abraham mit Frau und Kind. Dann lud sie kreative Stadtmenschen ein, ihr beim Ackern auf Feld und Wiese zu helfen. Es entstanden viele Workshops. Ihr Liebhaber Bernd verlagerte seinen Lebenmittelpunkt nach dort, Randls Mutter auch. Es wurde ein bisschen kompliziert. Von alldem erzählen der Film Von Bienen und Blumen und ihr Roman Der große Garten.

der Freitag: Frau Randl, unser Gespräch findet in der Reihe „Gartentherapie“ statt, können Sie damit etwas anfangen?

Lola Randl: Unbedingt. Es geht ja vor allem im Buch ganz viel um Therapie und um den Garten als Therapeut.

Kommen Sie inzwischen klar mit Ihrem Garten? Oder hat Ihre Mutter weiterhin den Hut auf?

Meine Gartentherapie ist nicht ohne meine Mutter zu denken. Das Tolle ist, dass man jedes Jahr neu einsteigen kann. Darum geht es ja auch, um das Werden und das Vergehen im Garten. Wie man auf den großen komplexen Zusammenhang einwirkt. Versucht, Frieden herzustellen. Wie man den Garten auch mal die Führung übernehmen lassen kann.

Es gibt auch Trends. Unkräuter heißen jetzt Beikräuter.

Die Zeit schreibt sich in den Gärtnermethoden immer weiter ein. Die Permakultur ist ja schon länger im Kommen. Unser Abwassersystem ist eigentlich absurd, also dass man im Klo alles mit Wasser vermischt und dann wieder klären muss. Dabei gibt das Zersetzen durch Mikroorganismen einen wunderbaren Nährboden. Im Permakultur-Workshop gewinnt der, der die Komposttoilette sauber machen will. Davon muss man die Teilnehmer aber erst überzeugen.

Laissez-faire ist beim Gärtnern nicht geboten, oder?

Disziplin und Fleiß sind total hilfreich, vor allem im Garten. Man kann aber auch einfach nur einen Wildgarten haben. Man muss nicht sagen, dass die Quecke da weg muss. Man kann auch sagen, die Quecke ist eine starke Wurzelpflanze und sehr schön, so wie sie ist. Es gibt ja die verschiedensten Ansätze im Garten, romantisch, therapeutisch oder utopistisch. Man ist ja nicht zu irgendwas verdonnert und so lange es die Ökodiktatur nicht gibt, kosten ja die Radieschen nur 59 Cent im Supermarkt. Die eigenen werden übrigens schnell holzig, wenn man sie zu spät erntet.

Improvisation scheint möglich. Der Baum, den die Ziegen anfressen, wird von Bernd und Philipp mit Ringelblumensalbe und einem Verband verarztet.

Aber der ist ja doch noch gestorben! Der hat sich doch noch entschieden zu sterben.

Streng genommen sind Sie Pioniere der Gentrifizierung des flachen Landes...

Ich weiß nicht. Gentrifizierung hat so einen negativen Beigeschmack. Die einen beklagen, dass die Dörfer sterben und wenn man was dagegen macht, ist es die Gentrifizierung. Ja, die Gegend ist beliebt, die Mieten und die Hauspreise steigen. Das Land ist momentan ein Hype in den Köpfen der Städter. Aber im Winter sieht man kaum Hipster. Und es kommen eben auch Familien, die sich fest ansiedeln wollen. Das ist doch gut.

Im Film geht es um die Sinnsuche des „spätkapitalistischen Individuums“ …

… des postkapitalistischen. Aber spätkapitalistisch passt eigentlich besser. Wir sind ja noch mitten drin.

Ich musste an Peter Handke denken, der ist nicht so lustig, eher todernst bei der Sinnsuche.

Ich kann mich mit Ironie oft retten, sie ist dann eine Befreiung. Aber die Lage ist schon ernst. Das gibt der Ironie Dellen, aber das macht die Ironie ja erst interessant.

Volker Koepp näherte sich in seinen Filmen behutsam den Menschen und ihren Geschichten in der Uckermark. In Ihrem treten sie auf und ab wie in einem Komödiantenstadl.

Mir kommt die ganze Sache manchmal wirklich mehr vor wie ein Kaspertheater. Der eine erzählt was, dann kommt der andere und haut ihn auf den Kopf und am Ende werden alle vom Krokodil gefressen. Kann natürlich auch sein, dass das alles eher getragene Monologe in entsättigten Farben sind, aber so hat eben jeder seine Sicht auf die Dinge.

Das Schicksal spielt mit, wenn zum Beispiel eine der lustigen Zwillingsschwestern stirbt, die man im Dorf Perlhühner nannte. In der nächsten Szene werden echte Hühner gerupft. Die Dorffrauen kommentieren dabei ungewollt komisch Ihre Affäre.

Es ist eine meiner Lieblingsszenen, wenn die beiden über die Liebe auf den ersten Blick sprechen. Und über die Nachteile, wenn man immer wieder neuen Verheißungen hinterherrennt. Dabei rupfen sie ganz pragmatisch die Hühner.

Zur Person

Lola Randl, geb. 1980, ein bis zwei Männer, zwei Kinder, studierte an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Zuletzt entstanden ist die WDR-Fernsehserie Landschwärmer (2014), aktuell der halbdokumentarische Spielfilm Von Bienen und Blumen, der Roman Der große Garten. (Matthes & Seitz, 320 S., 22 €)

Haben Sie tatsächlich gedacht, dass Sie mit Ihrem Gartenprojekt neue Formen der Gemeinschaft ausprobieren?

Ich hatte das nicht vor. Aber es stellt sich ja schon stark die Frage, wie man leben will. Wie es anders gehen kann, als in Städten zu wohnen, sich um sich selbst zu drehen, im System von Wachstum und Optimierung festzusitzen.

Was wird aus der Arbeit? Ihre Hobby-Aussteiger schaffen „arbeitsähnliche Situationen“, da ist die „Kompostgruppe“.

Es ist die große Frage, was mit der Arbeit wird. Ob man besser ganz aufhört zu arbeiten. Man kann dem Kapitalismus nicht entfliehen, aber man muss es versuchen.

Ein wenig nerven diese Kreativen ja schon, die die Rückkehr zu alten Produktions- und Lebensweisen vor allem ästhetisch verwerten. Auf Instagram.

Das ist der ästhetische Kapitalismus. Man kommt da schwer raus, so lange es keinen gibt, der die ganzen Billigreisen verbietet, der das System quasi zerschlägt, gibt es eben immer noch die tausend Möglichkeiten, wie man vielleicht leben könnte. Und wenn man den Versuch einer Möglichkeit postet, dann kriegt das damit irgendwie eine Realität.

Wir denken im „Freitag“ über eine Ökodikatur nach.

Ich bin total dafür. Ohne den entfesselten globalen Handel gäbe es wieder viel mehr Berufe. Die Leute müssten wieder selbst Dinge herstellen. Sich Hosen nähen. Schuhe machen. In der Sehnsucht nach dem Dorf steckt das alles drin.

Die Hipster müssten im Grunde die Landeier erziehen. Die wollen die alten Berufe ja nicht mehr ausüben. Wie der Schäfer, der das Hausschaf Abraham schert.

Eher müssten die Landeier die Hipster erziehen. Da kommen diese Städter, die sich für diese uralten Dorftechniken interessieren. Aber ohne eine diktatorische Entscheidung bleibt es bei Fotos auf Instagram.

Wenn man dem modernen Mensch sagen würde, du darfst jetzt die Kuh selbst melken, ginge das einen Workshop lang gut.

Aber er leidet unter seiner Individualisierung und unter dem perfekten Lebensentwurf, den er immer wieder optimieren muss. Das führt in die Depression.

Und heraus führt eben nur die Therapie...

Ich finde Therapie etwas Wunderbares. Ich würde sie jedem empfehlen statt einer Fernreise. Sie ist Seelsorge, Reflexion. Das kann ja nicht schlecht sein. Die Therapie steht immer noch im Ruf, Luxusprobleme zu verhandeln.

Führt man solche Gespräche mit den Leuten auf dem Land?

Viel zu wenig. Dabei wäre es schon nötig. Aber die Meisten denken doch gleich wieder ans Posten eines Matcha-Cheese-Cakes. Deshalb möchte ich eigentlich eine Akademie gründen. Eine Akademie ist für Konsumtouristen ja auch wirklich unattraktiv.

Gerswalde ist ja nicht gerade optimal angebunden. Wäre es schlecht, wenn die Berliner S-Bahn bis dahin führte?

Es ist schon wichtig, dass man hier eben etwas zu weit weg ist von der Stadt, um zu pendeln. Pendeln wäre in der Ökodiktatur ja als Erstes verboten.

Aber wer wäre der Diktator?

Vielleicht eine Maschine, die alles ausrechnet.

Im Roman kriegen die Charaktere ein Eigenleben.

Ja, das ist so. Die Menschen und die Dinge hier haben ihre ganz eigene Dynamik, und die ist manchmal auch recht stur. Man kann das dann nur beobachten und seine Schlüsse daraus ziehen, und dann können die Anderen das wieder beobachten.

Kann man sich vom Witz der Landleute etwas abschauen?

Vielleicht ist es ihr größter Witz, keinen Witz zu haben. Die haben diese sehr direkte, aus dem Leben gegriffene Art. Die Stadtmeschen gucken nur fassungslos und am Abend lachen die Landleute sich dann heimlich kaputt.

Welches sind die schönsten Momente in so einem Landleben?

Jetzt wird man ja gerade total belohnt von der Natur, nach einem Winter. Und vor allem: Es wird nicht weniger gut, je häufiger man das schon erlebt hat. Selbst so ein unruhiger Geist wie ich hat da total viel Therapie aus der Natur.

Vermissen Sie etwas?

Natürlich habe ich manchmal Lust auf so eine U-Bahnfahrt, wo keiner mich kennt, und ich in der Masse versinken kann. Hier wohne ich direkt am Dorfplatz. Ich kenne jeden, sehe wohin jeder geht. Ich bin Teil des kollektiven Unterbewussten des Dorfes.

Im Buch hat der Liebhaber sich eine Heizung eingebaut. Das war eine Störung im Gefüge.

Es ist interessant, dass alles ein Gleichgewicht ist. Wenn dann durch eine Heizung plötzlich alles zu warm ist, verlagern sich die Konflikte. Man erkennt, dass alles ein komplexes System ist, inklusive der Beziehungen und den darunterliegenden Schichten. Das ist wie ein großer Kompost, der von Zeit zu Zeit umgewendet werden muss, und dann ist alles anders.

So schön grün hier

Dieser Text ist Teil einer fünfteiligen Serie des Freitag zum Thema Garten. In Deutschland allein gibt es eine Million Gärten. In Zeiten von Artensterben und Klimaschutz werden sie zur heimlichen Macht

06:00 13.05.2019
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