Flirten am Limit

Die Helikoptermutter Unsere Kolumnistin ist sich sicher: Ihr Anorak strahlt etwas aus. Nur was?
Flirten am Limit
Wer wird bei diesem Anblick nicht wild?

Foto: Imagebroker/Imago

Flirten (unverbindliches!) geht bei diesen Temperaturen wunderbar. Die Leute verhalten sich seltsam aufgekratzt, einfach nur, weil sie bei der Kälte immer noch jemandem auf dem Rad begegnen, morgens an der stark befahrenen Kreuzung auf der Linksabbiegerspur. Wenn die Ampel dann auf Glutrot steht und die Autoabgase dicke Wolken fabrizieren, zieht man sich den Schal auf diese interessante Weise näher ans Kinn und schaut – mir hat dabei schon manch einer einen Tick länger in die Augen geschaut.

Ich folge zudem ohne direkte Flirtabsicht der Empfehlung des Modemagazins Cosmopolitan, die ich aus einem Flirtdossier aus den 90er Jahren kenne. Ich trage zwar nichts Auffälliges mit mir herum, zum Beispiel eine aufblasbare Giraffe unter dem Arm, dafür trage ich einen Anorak mit Leopardenmuster, der regelmäßig zu einer Reaktion animiert. Leopardenkleidung ist nicht jedermanns Sache, manche werden richtig wild beim Anblick, so berichtete S., dass ihre fancy Schuhe in Leopardenoptik fast zu einem Eklat in ihrer WG führten, allein die linksalternative Doc-Martens-Form konnte ihr Ansehen noch retten. Sicher ist, der Leopard an und in einem lockt zum Widerspruch – oder zu was auch immer.

Gut zwanzig Jahre später gehe ich modisch mit der Zeit und mit den neuen Herausforderungen der Gesellschaft, Vereinbarung von Familie und Beruf, Sie wissen schon. Mein Anorak signalisiert, dass das Alleinversorgermodell für mich ganz sicher keine Option ist. Ich könnte auch unter Patchworkbedingungen halbwegs auf eigenen Füßen stehen, mein Anorak funktioniert noch, auch wenn der Alltag der alleinerziehenden Helikoptermutter an manchen Tagen ganz gewiss keiner mondänen Kutschfahrt im Leopardenmantel gleicht. Mein Anorak sagt: Diese Frau fährt zur Arbeit, sie fällt, wenn überhaupt, nur Samstagfrüh übernächtigt im Kunstpelz aus der letzten Boheme-Kneipe dieser Stadt, dann, wenn das Kind beim Papa ist. Wie überhaupt aus den letzten Boheme-Kneipen dieser Stadt nur noch extrem kapriziöse It-Girls in den Morgen glamourn, sie haben oft nicht mal mehr einen charmant dunklen slawischen Akzent.

Wiewohl ich nicht gut flirten kann, selbst wenn ich wollte. Vorgestern – als mich der aparte Radfahrer so nicht eindeutig dechiffrierbar anschaute, machte mich das derart verlegen, dass ich mich mit einem abschätzigen Blick abrupt zur Seite wandte. Meine Körpersprache bebte voll Ingrimm: Wird’s denn bald nun grün?! Gestern, ich dachte über diese Kolumne nach, lachte ich sehr seltsam in mich hinein, ich muss definitiv etwas Überspanntes ausgestrahlt haben. Was wird er gedacht haben, der interessante Radfahrer mit der dunkelblauen Cordhose. Genau meine Kragenweite!

Neulich – in der Sauna, wo sich Flirten ja sowieso grundsätzlich verbietet, auch für Frauen, ich käme also nicht im Traum darauf. Dennoch war ich extrem darauf bedacht (ähnlich dem grundlos schlechten Gewissen, wenn ein Polizist den Weg kreuzt), mich absolut tadellos zu verhalten. Es wurde kompensiert mit einem allzu forschen Öffnen der Saunatür, so als würde ich mit der Tür ins Haus fallen. Dann fiel der Schrankschlüssel zu Boden. Die Klappliege im Ruheraum klappte mir zweimal lautstark wieder nach vorne, was den jungen Mann mit Vollbart aus seinen Träumen riss. Für die Sauna wäre wohl tatsächlich am besten, ich käme mit einer aufblasbaren Giraffe und später zu Hause brächte mir mein Mann eine gemütliche Leopardendecke.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 23.02.2019
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