Für kein Kind kann der Weg das Ziel sein

Erziehung Wohin die Reise geht, ist für Heranwachsende elementar, weiß unsere Kolumnistin
Für kein Kind kann der Weg das Ziel sein
Die Via Appia in Rom, 1880

Foto: Imago Images/Cola Images

Will die Helikoptermutter das Konzept Familie mal nicht als eine Prüfung begreifen, in der sie sich dann oft doch eher einreden muss, dass das alltägliche Scheitern an den blödesten Sachen als eine "Chance" (Psychologe, Ehemann etc.) zu begreifen ist und selbst die blödeste Sache sicher beim nächsten Mal „vorteilhafter“ für alle Beteiligten zu lösen wäre – zum Beispiel mit Humor – , dann wird sie erst den Weg zu Google finden, das ihr in diesem Moment als der einzig wahre Freund erscheint, der einen Rat hat und Trost spendet, oder es weist ihr den Weg zu all den anderen, die ebenfalls Rat suchen in den sogenannten Foren, und das ist im Normalfall eigentlich schon Trost genug.

Wenn aber auch Google nichts ausrichten kann, weil es einfach zu viel wird, wie alle da an einem zerren und etwas wollen und Zetermordio schreien, wenn sie die Sache gerade nicht bekommen, dann, ja dann, sollte die Helikoptermutter einen anderen Weg einschlagen und sich buchstäblich wieder einmal auf den Weg machen.

So wie neulich. Neun Tage durch Apulien, ausgerüstet mit dem Buch Via Appia. Auf der Suche nach einer verlorenen Straße von Paolo Rumiz und einer Begleitung, die ein Ohr für alle Variationen des Kulturpessimismus hat. Neun Tage, die bald auch zu einer Suche nach der verlorenen Zeit wurden. Wie geht das? Wir liefen ziemlich absichtslos durch öfter eher unspektakuläre und selten komplett pittoreske Städte und Landschaften (Gerade das war ja das Gute!) – und einzig die Ortung per Telegram (wir liefen auch getrennt voneinander) und die pedantische Schritte-App meiner Begleitung zeigten noch die Entfernung zum Konzept Familie. Denn: Mit Kindern kann man auf Reisen nicht einfach 16 Kilometer am Stück absichtslos laufen. Wem sag ich das? Kinder wollen wissen, wohin es geht und ob es da gut ist und was „man da machen kann“, und natürlich ist das gnadenlose Urteil immer, da nützt kein Versprechen der Welt (Es gibt ein Eis! Zwei! Drei!), dass der Weg für ein Kind nie das Ziel sein kann.

„Der Weg als Ziel – verstehe ich nicht, die Mama wird wieder mal phisologisch, oder wie das heißt“, sagt das Kind dann. Aber Kind, das sage ich dir jetzt (und du wirst es verstehen, wenn du das hier in vielen Jahren auf einem vergilbten Zeitungsblatt lesen wirst, das ich für dich aufbewahrt habe): Ohne dich kann man problemlos ein Fahrrad am falschen Ort ausleihen, weil man schlecht geplant hat, was die Fahrradtour zu einer Tour ohne richtigen Plan macht, bei der man, weil man nicht umkehren will, auf volles Risiko geht und – Beine hoch – durch die tiefbraune Pfütze fährt (Reisebegleitung: Mach’s wie ich! Es gibt nur ein paar Spritzer!). Nasse Schuhe und braun gefleckte nasse Hose (Reisebegleitung: Kackahose!). Weiter geht’s. Ohne dich, Kind, kann man sich anderntags ziellos auf einen Platz setzen, am Morgen einen Caffè trinken und am Nachmittag einen Aperol Spritz und weiter in der Via Appia lesen, die alte Straße ebenfalls suchen, die Paolo Rumiz versucht zu finden, während er durch ein Italien entlang von Umgehungsstraßen geht – wie die Helikoptermutter. In Bari findet sie dann endlich ein eingezäuntes Stück der Via Appia. Und wenn dann abends der Sänger eine Cantata anschlägt, denkt sie an dich, Kind, und überlegt, wie du, wenn du erwachsen bist, das Leben begreifst und ob, so wünscht sie es sich, du es ihr gleichtun wirst und, ganz ohne Schritte-App hoffentlich, durch die weite Welt ziehen wirst.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 16.06.2019
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