„Ladenschluss“ bei Galeria Kaufhof: Altmodische Aufregung

Meinung Die Abwicklung der Kaufhauskette Galeria Karstadt Kaufhof geht weiter. 52 der verbliebenen 129 Kaufhäuser müssen schließen. 4.300 Mitarbeiter:innen verlieren ihre Arbeit. Warum wirkt die Aufregung so melodramatisch?
Auch die Filiale in Berlin-Charlottenburg soll schließen
Auch die Filiale in Berlin-Charlottenburg soll schließen

Foto: Stefan Zeitz/Imago Images

Warum sich die meisten doch eher nur künstlich und pflichtschuldig aufregen, weil es zur Jobbeschreibung gehört (Politiker, Gewerkschaftler, Boulevardmedien), das ist doch gerade die Frage. Ich habe mir für diese Frage heute bei Lidl extra „Die Stimme Berlins“ für 1,10 Euro gekauft. Naturgemäß aufgeregt titelte die B.Z. „Kampf um Karstadt“.

Gut, dass von den 129 noch verbliebenen Galeria-Karstadt-Kaufhof-Warenhäusern bis 2024 in zwei Wellen weitere 52 Filialen schließen werden, ist keine schöne Nachricht. In Berlin und Brandenburg betrifft das drei von zwölf Filialen und etwa 300 Mitarbeiter:innen. Aber mal ehrlich, so unter uns Modebewussten, es ist doch ein alter Hut.

Wir befinden uns doch superkrass im Jahr 2023

Die B.Z. jedoch wirkt mit ihrem „Kampf“, nichts für ungut, ein wenig old fashioned, wie ein in die Jahre gekommener Kaufhof oder Karstadt, Ex-Horten oder Hertie, der mit dem Internet kämpft. Auf Seite 18 wird weiter ausgeführt, dass rund 4.300 von 18.000 Mitarbeitern (ungegendert) „gefeuert“ werden. Assoziationen zu den „Schlecker-Frauen“ 2011 werden wach, nach denen googelt man jetzt noch einmal. Mit der „Pleite“ der größten Drogeriemarktkette Europas hatten rund 24.000 – nebenbei gesagt untertariflich – beschäftigte Mitarbeiter:innen ihre Arbeit verloren. Aber waren das nicht andere Zeiten? Warum klingt dann der Tenor in der B.Z. so retro-retro nach eiskalter Insolvenzverwaltung, wo wir uns doch superkrass in anderen Zeiten, im Jahr 2023 befinden? Heißt doch: Es herrscht Fachkräftemangel. Auch und vor allem im Einzelhandel. Warum muss also Dominik Datz von Verdi so arbeitskampf-altmodisch sagen: „Wir werden das nicht kampflos hinnehmen“?

Geht denn nicht ein bisschen mehr fast fashion? Nein, denn „wieder stirbt ein Stück Traditions-Deutschland“. Gleich vier Journalist:innen zeichnen verantwortlich für den Text auf Seite 18, verständlich, es mussten auf die Schnelle bittere O-Töne her. Die Befragten werden gewohnt boulevardesk vorgestellt mit Altersangabe. Warum?! Ein Rätsel. Angerufen haben sie den Chef des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg (70). Er sagt: „Das ist für viele Städte ein verheerendes Signal“. Der Chef des Handelsverbands Stefan Genth (59) betont eine „dramatische Entwicklung“, die „Spuren in den Innenstädten hinterlasse“. Für Robert Habeck (53) sind es „ernste Nachrichten“. Für Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (50) ist es „ein bitterer Tag“. Viel Platz nimmt auf der Seite, neben der rabenschwarzen Landkarte für diesen rabenschwarzen Tag, auf der alle Filialen, die schließen müssen, verzeichnet sind, ein Foto des Investors „René Benko (45)“ ein, mit seiner Frau „Nathalie“, im „Skiort Kitzbühel“. „Liebte Glamour-Auftritte, enttäuschte seine Belegschaft bitter.“

Zum Heulen sind die verbrannten Steuergelder

Bitter, ja. Nur warum kommen der Leser:in nicht die Tränen? Vielleicht, weil die allgemeine Trauer doch arg nach Dienst nach Vorschrift klingt. Hier wäre ein Heulkrampf angesagt: Galeria Kaufhof wurde allein in der Corona-Krise zweimal „staatlich alimentiert“, mit rund 680 Millionen Euro, was unter anderem der Einzelhandelsexperte Hendrik Schröder von der Universität Duisburg-Essen 2022 scharf kritisierte. Davon liest man auf tagesschau.de. „Wenn Galeria argumentiert, dass ein Kredit notwendig sei, weil man systemrelevant in den Innenstädten sei, dann muss man sich fragen, warum es nicht gelungen ist, außerhalb der Corona-Zeit diese Systemrelevanz nachhaltig unter Beweis zu stellen.“ Eben. Vermutlich kamen zuletzt nur noch diejenigen, die vom Personalrabatt ihrer in den Filialen von Cottbus bis Paderborn angestellten Verwandten profitierten. Der Standort Trier soll übrigens erhalten bleiben, was die Autorin wundert.

Fazit: Ein totes Pferd kann man nicht reiten, meistens wird der Versuch erst recht und richtig teuer. Also bitte nicht so künstlich rumheulen. Sondern Konzepte für die nicht erst seit gestern verödenden deutschen Innenstädte entwickeln. Die jetzt schon seit Jahren leer stehenden Kaufhäuser umwidmen und nicht in den Händen der Eigner:innen dystopisch vergammeln lassen. Außerdem entscheiden, welches Rendite-Konsortium oder sonst ein – Pardon Wortspiel – „Windhorst“ hier noch mal auf die Millionen Steuerhilfen angesprochen werden sollte. So ähnlich liest man es übrigens jetzt auch in der guten alten B.Z. online. Davon zu lesen haben die Mitarbeiter von Galeria Kaufhof und Karstadt verdient.

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Geschrieben von

Katharina Schmitz

Redakteurin Kultur

Katharina Schmitz

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