Grenzenlos verwandt

Essays Die britische Schriftstellerin Zadie Smith glänzt in „Sinneswechsel“ mit Entdeckerlust und kosmopolitischem Charme

Wir waren auf einer Party * gerade beim Thema: Warum schreibt eigentlich niemand über den neuen Essayband von Zadie Smith? Einer stichelte: „Vielleicht ist der Band ja einfach schlecht?“ Nennen-wir-ihn-Max wollte das nicht gelten lassen: „Ihre Essays sind besser als ihre Romane!“ Der Kritiker hatte die Schriftstellerin in Berlin getroffen, auf dem Tisch hatte er den Essayband deponiert, mit vielen gelben Post-its für die Fragen. Die nicht nur von ihm bewunderte Zadie Smith wollte aber gar nicht über den Essayband sprechen.

* Tatsächlich fand die Party auf Facebook statt, aber man wünscht sich, dass sie von dort wieder ins Leben findet

Angesichts des Kuddelmuddels in diesem Band, angesichts der Mischung aus literaturkritischen Aufsätzen, schwärmerischen Erinnerungen, Uni-Vorlesungen über das Schreiben oder Reportagen für den Guardian oder New Yorker, verwundert das erst einmal auch nicht. Man denkt: ein Band von der Sorte „Der Verlag bittet seine Starautorin, so tief in die Schublade ihres Schreibtischs zu greifen, bis man das Ganze in zwei Buchdeckel pressen kann“. In ihrem Vorwort schreibt Zadie Smith denn auch, es handle sich um „Gelegenheitsessays“, die sie verfasste, während die Deadlines für das große Sachbuch und den Roman, auf den alle warten, verstrichen.

Außerliterarische Gefühle

Berühmt wurde Zadie Smith mit dem Debüt Zähne zeigen (2000). 2012 erschien London NW, ein Roman über Freunde, die sich seit der Kindheit kennen und es nach oben, in die Mittelklasse schafften oder nicht. London NW fand Lob, es sei nur leichter, den Roman zu bewundern, als ihn zu lieben, fand Ijoma Mangold in der Zeit.

Smiths Essays sind vielleicht nicht immer glänzende Analysen, in jedem Fall aber guter Stoff für den Leser, und das auch in einem ganz genuinen Sinn; dass er sich mit seiner Rolle als Leser auseinandersetzt. In einem dieser Essays fragt Zadie Smith, ob die Identifikation mit den Figuren eines Romans eine legitime Art des Lesens sei. Ohne hier die Antwort zu geben, kann man sagen, dass das eine grundlegende Frage für den Leser eines jeden Romans ist und sich bei Zadie Smith besonders dringend stellt. An Zähne zeigen erinnere ich mich jedenfalls nur diffus. Damals war ich hingerissen, ungefähr so wie von Jonathan Franzens Korrekturen (2002). Warum eigentlich? Ich liebe Familiengeschichten, das Rührende im Dysfunktionalen. Und, genau: Vor allem hatte ich mich mit den Figuren in Zähne zeigen identifiziert oder Verwandte wiedererkannt – was eigentlich absurd ist, schließlich spielt Zähne zeigen in London, und auch sonst ähnelt nichts meiner Biografie, nicht nur der Fakt, dass ich nicht schwarz bin.

Im Mittelpunkt stehen der englische Kleinbürger Archie, dessen jamaikanische Frau Ophelia nach 30 Jahren die Scheidung einreicht, und ein Schlüsselerlebnis aus dem Zweiten Weltkrieg. Nun ist mein Vater Deutscher, er versteckte sich 14-jährig im Wald bis zum Kriegsende. Archie erinnerte mich aber eben trotzdem an meinen Vater oder genauer: an das Verhältnis, das ich zu ihm hatte, ähnlich wie mich der Vater in Franzens Korrekturen an ihn erinnerte, manchmal reicht ja schon ein Fernsehsessel. Ebendiese (vermeintlich) naive Art der Lektüre eines Buchs greift Zadie Smith in Sinneswechsel nun auf und spinnt den Faden weiter, bis er um die Ecke reicht, so also, wie das ein guter Essay leisten sollte: Die Mutter legt der 14-jährigen Tochter ein Buch der schwarzen Ikone Zora Neale Hurston ans Herz. Smith fragt die Mutter renitent, ob ihr das Buch etwa schon deshalb gefallen solle, weil die Autorin schwarz sei? „Ich fürchtete mich vor meinen ‚außerliterarischen‘ Gefühlen für sie. Ich wollte eine objektive Ästhetin sein.“

Der ureigene Geschmack

Zadie Smith will sich die Rezeptionsvorgaben (für schwarze Leserinnen) nicht vorschreiben lassen. „Als Leserin beanspruche ich grenzenlose Verwandtschaft mit guter Literatur; ich will sagen können, dass Zora Neale Hurston meine Schwester ist, dass Kafka mein Bruder ist und Nabokov ebenfalls, wie alle Leser will ich, dass mein ureigener Geschmack solche Grenzen zieht, nicht der Melaninanteil meiner Haut.“ Der Geschmack als einzige Universalie des Lesens also, das hat was. Zadie Smith plegt einen eleganten journalistisch-analytischen Stil, beherrscht aber auch den modischen Blick in die „authentische“ Werkstatt des Schreibenden. Sie macht das freilich so unprätentiös, dass ihre Selbstzweifel nicht abgeschmackt wirken. Bei der Auswahl der Sujets der Essays fällt auf, wie wenig wir unseren eigenen Kanon noch zum Sprechen bringen. Wer spricht noch auf einer Party über Max Frisch, anders ist das mit Jane Austen in Great Britain. Zadie Smith beherrscht die salonhafte Kunst, gleichzeitig geistreich und oberflächlich zu sein, ein Snob ist sie aber nicht. Die Tür steht für den Laien weit offen, der den ausführlichen Gedankenspielen mit etwas Geduld lange folgen kann (bis zum Punkt vielleicht, an dem sie David Foster Wallace analysiert, aber das liegt sicher primär an Wallace).

Anregend auch ihr Reporterblick auf Liberia. Oder: Sie lobt eine Kafka-Biografie von Louis Begley, ein Gegenstück zu Max Brods kafkaeskem Kafka, mit weniger Respekt, dafür mehr Humor. Dass der Erste Weltkrieg ausbrach, steht beispielsweise in seinem Tagebuch gleichberechtigt neben der Tatsache, dass er an dem Tag schwimmen war. Sicher, manches ist dann doch recht weit weg, einige Filme, sehr Abseitiges aus der britischen Literaturgeschichte. Aber solche „Gelegenheitsessays“ sind eben auch einfach eine schöne Fundgrube. Man kriegt Lust, Preziosen über amazon.uk zu ordern: E. M. Forster zum Beispiel, der lange Jahre (wie auch T. S. Eliot) eine Literatursendung beim BBC-Hörfunk hatte. Dieses Some Books muss ein wenig so gewesen sein, wie wir uns die Neuauflage des Literarischen Quartetts jetzt wünschen (nur eben mit Herman Melville und D. H. Lawrence statt mit Volker Weidermann und Maxim Biller).

Assoziationen auch durch andere Texte. „Hier möchte ein interessanter Gedanke zu uns durchdringen, aber der Geist des Literarischen brennt ihn weg und lässt nur das Gerüst übrig, einen hübsch konstruierten Satz, klangvoll und syntaktisch beeindruckend, der (praktisch) nichts bedeutet“, beschreibt Zadie Smith nicht etwa einen Vortrag in Klagenfurt, sondern selbstkritisch die schale Gefahr des Gegenwartsromans, bei dem sie zuweilen eine „merkwürdige Lust auf ein Pissoir“ bekommt. In Klagenfurt würde sie davor vielleicht der einzige Avantgardist bewahren: Jürg Halter. Und so wie ich ihren Aufsatz über Vladimir Nabokov verstanden habe, müsste dort der Leser sterben, damit der Autor leben kann, der ja selbst vor allem für „Künstler, Mitkünstler und Folgekünstler“ schreibe, aber das will ich noch einmal ganz genau nachlesen.

Info

Sinneswechsel. Gelegenheitsessays Zadie Smith Tanja Handels (Übers.), Kiwi 2015, 480 S., 22,99 €

06:00 24.06.2015
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