Harald Welzer kritisiert langen Applaus für Serhij Zhadan

Meinung Solidarität für die Ukraine? Viele Deutsche haben offenbar Vorbehalte, dass sogar über angemessenen Applaus für den ukrainischen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels debattiert wird
Harald Welzer bei der Lit.Cologne Spezial
Harald Welzer bei der Lit.Cologne Spezial

Foto: Imago Images/APress

Im Frühjahr, auf einer Veranstaltung während der improvisierten Leipziger Buchmesse, soll Deutschlands bekanntester Osteuropa-Historiker Karl Schlögel gesagt haben, dass er hoffe, „die Öffentlichkeit möge zu einer Sprache finden, die nicht im Duktus des Talk-Show-Zirkus ende“. Auf der Buchmesse in Frankfurt, die am Sonntag mit der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan zu Ende ging, äußerte sich Schlögel ähnlich.

In deutschen Diskursen über den Ukraine-Krieg würden die kompliziertesten Kunststücke aufgeführt, anstatt sich mit dem „Offensichtlichen“ zu befassen. Während auf den Podien der Buchmesse diskutiert werde, „stürzten jeden Tag Raketen auf ukrainische Infrastruktur, mit dem erklärten Ziel, ein Land dem Erdboden gleichzumachen und Millionen Europäer im nahenden Winter der Kälte und dem Hunger auszusetzen.“ Er sehe nicht, so Schlögel, dass das Ausmaß dieses Verbrechens, das in der Ukraine stattfinde, in Deutschland nur ansatzweise begriffen werde.

Kann man Karl Schlögel widersprechen? Verstehen wir Deutsche denn gar nichts? Es kostet jedenfalls Zeit und Zeilen mit dem Aufzählen des Boulevards, mit dem wir Deutsche uns seit dem 24. Februar obsessiv beschäftigen, statt mit dem „Offensichtlichen“, wie Karl Schlögel es nennt. Ob der ehemalige ukrainische Botschafter Andrij Melnyk sich so unverschämt gerieren dürfe bis zu der Frage, ob Richard David Precht ein richtiger Philosoph sei. Wir Deutsche streiten ja sogar über angemessenen Applaus, wenn zum Beispiel ukrainische Intellektuelle für ihr Land eintreten.

Tag 243 im Ukraine-Krieg, etwa 1000 Talkshows später. Streit über Applaus? Was denn nun schon wieder? Harald Welzer, man muss ihn nicht weiter vorstellen, äußerte sich bei der Lit.Cologne Spezial am Montag in Köln im Nachklapp zur Frankfurter Buchmesse. Ihm sei der Applaus für den Friedenspreisträger Serhij Zhadan zu anhaltend gewesen.

Welzer sagte: „Die Veränderung des zivilisatorischen Sprechens, die sich unter anderem in bestimmten Sätzen des Friedenspreisträgers ausdrückt in Bezug auf die Gegner – die verstehe ich psychologisch aus seiner Perspektive, will ich auch überhaupt nicht kritisieren – aber sie sind kein Beitrag zur Zivilisation, sondern sie sind Teil eines dezivilisierenden Prozesses, der von anderen angestoßen worden ist. Und die eigentliche Kulturleistung von uns, den Dritten, würde doch genau darin bestehen, dass man sich in diesen Dezivilisierungsprozess nicht reinziehen lässt.“

Solidarität mit der Ukraine: Nur unter Vorbehalt?

Man würde Harald Welzer Unrecht tun, ihm hier nur für ein kompliziertes Kunststück zu applaudieren. Aber ist der Subtext seiner Einlassung nicht eigentlich maliziös, kalt, rational und auf eine andere Art dezivilisiert zu nennen? Fest steht: Welzers Einlassung und jede Debatte über den „richtigen“ Applaus in Deutschland umschifft gekonnt das „Offensichtliche“.

Nicht so bekannt, jedoch nicht ohne Reichweite, ist der Journalist Carsten Otte. Otte hatte für den SWR von der Frankfurter Buchmesse berichtet. Auf Facebook schrieb er, dass ihn der Video-Auftritt des ukrainischen Präsidenten „beschäftige“. Wolodymyr Selenskyj sei von den versammelten Journalist:innen wie ein „Popstar“ empfangen worden. „Standing Ovations“, gar „Jubel“ habe es gegeben für die Rede, „die aus bekannten und rhetorisch hochwirksamen Versatzstücken bestand.“ Die politische Situation der Ukraine sei unerträglich, schreibt er weiter, der russische Angriffskrieg ein Kriegsverbrechen. Aber zur „Truppe“ der „Claqueure“ wolle er sich trotzdem nicht einreihen.

Popstar? Truppe? Claqueure? Hoch wirksame Versatzstücke? Wollte Otte „Propaganda“ sagen? Es klingt jedenfalls wie eine sehr unterkühlte Interpretation des Auftritts eines Präsidenten im Krieg, der natürlich die Chance ergreift, Gehör zu finden. Und einem Auditorium, das offensichtlich erfasst, nicht sitzen bleiben wollte. Warum artikulierte der Journalist sein berechtigtes Unbehagen so – wie soll man sagen – unterschwellig feindlich? Warum klang es nach: Man will uns „reinziehen“ (Welzer) in den Krieg. Auf Facebook störten sich wenige Leute an der Wortwahl. Sowieso: Harald Welzer und Carsten Otte sprechen vielen Deutschen aus der Seele. Die Autorin würde das gerne besser verstehen.

Die Autorin fragt sich sehr vorsichtig: Ist es eine speziell „deutsche Eigenheit“, sich mit der Ukraine immer nur unter bestimmten Vorbehalten zu solidarisieren? Muss immer wieder besonders betont werden, dass die Ukraine ein Problem mit Rechten hat, immer noch ein Problem mit Korruption und ja auch selbst „nicht ganz unschuldig“ ist am Krieg. Was ist das? Unterschwelliges Ressentiment, verletztes Ego, weil zerstörtes Weltbild, ein „falscher Pazifismus“, wie Serhij Zhadan es nennt? Die Autorin hat keine Antwort. Seit der Ukraine-Krieg begonnen hat, hört die Autorin jedoch oft dieses „Aber“, wenn es um die Ukraine geht. Man kann viele bekannte Sätze mit „Aber“ bilden, wenn es um Antisemitismus geht oder um Rassismus, um Feminismus. Oft erklärt sich nach dem „Aber“ erst, was der Sprecher, die Sprecherin eigentlich sagen will.

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