Himmel und Erde

Die Helikoptermutter Denkt unsere Kolumnistin an ihr Jahr 2018 zurück, kommt sie nicht daran vorbei, auch über den Tod nachzudenken
Himmel und Erde
Manchmal wird es dunkel

Foto: imago/Blickwinkel

Das Neue Jahr, der glamouröse Neuanfang ist ja doch eine mehr oder weniger optimistische Hilfskonstruktion für den neuen Mut der Verzweiflung, eine Illusion. Viel mehr hangeln wir uns doch an den diversen (Jahres-) Tagen unseres Lebens entlang, halten es vielleicht wie Susan Sontag, die in ihrem legendären Rolling-Stone-Interview von 1979 sinngemäß sagte, dass sie unermüdlich versuche, etwas über sich herauszufinden, etwas, was sie noch nicht wisse.

Keiner gestorben, das ist für viele schon mal die beste Nachricht. Nicht so meine Freundin B., die sich ein paar Tage nach ihrem 41. Geburtstag das Leben nahm. Wir waren noch mal rausgefahren zu einem Spaziergang, nur sie wusste von dem „Noch mal“. Das Wetter: viel deprimierender als zurzeit, noch deprimierender. Nirgends war ein richtiger Wald, der uns mit mirakulöser Energie hätte durchströmen können. Der Wald war ein dummer Forst gewesen, nah an der Straße, mich plagte Kopfweh. Danach gingen wir noch Gans mit Rotkohl bei Rewe essen. Ziemlich trocken war die Gans, B. hatte sich Sauce nachgeholt, am Auto noch eine Zigarette geraucht, nervös von einem Bein aufs andere tretend, zurück in die Stadt.

Zur Beerdigung konnte ich nicht gehen, es ging nicht. Im letzten Sommer – jetzt kommt der lustige Teil – suchte ich, dirigiert per Whatsapp von ihrer erwachsenen Tochter, das Grab, bog immer wieder von Neuem vor der Kapelle links ab. Was stimmte nicht? Es stellte sich heraus, ich suchte auf dem falschen Friedhof. Es war so typisch für mich! Die Tochter und ich waren uns einig, dass B. das lustig gefunden hätte, weil mir so etwas immer passiert.

F. hat um diese Zeit vor einigen Jahren ihren Bruder verloren. Er starb an Krebs, und alle waren bei ihm, die letzten Tage im Krankenhaus, die erste und die zweite Frau, die Mutter, die Kinder und F. Meine Freundin F. ist die einzige Person, die mir von ihren vielen Reisen en detail erzählen darf, einfach weil sie erzählen kann. Ratten auf dem Zwischendeck in dieser Hütte in Thailand, ich konnte das Gescharre der Ratten sehr gut hören und schüttelte mich vor Lachen und Ekel. Einmal, als man sich wieder am Krankenbett versammelt hatte, unter Hochsicherheits-Voraussetzungen, ich glaube, man musste so etwas Ähnliches wie Raumfahrtanzüge tragen, dann durch eine Schleuse, weil sein Immunsystem nicht noch mehr geschwächt werden durfte, wurde hysterisch gelacht, erzählte mir F. Hysterisch, weil irgendwie der Druck raus musste. Zu lachen, erzählte sie, war befreiend gewesen, hysterisch zu lachen war schön gewesen, weil niemand sich schlecht dabei fühlen musste.

Eine große Liebe warf vor sehr langer Zeit einen Fön in die Badewanne, so ein Blödmann. Es hieß, er sei unglücklich in eine Frau verliebt gewesen. Aber wer kann schon einen Suizid erklären. Der Zeitpunkt seines Freitods war ziemlich genau mit dem Umstand zusammengekommen, dass ich endlich seine Festnetznummer vergessen hatte, Handy hatte man noch nicht. Ich war jung, es war mirakulös, ich war also über ihn hinweg?! Sontag würde hier nicht von einem Wunder sprechen, weil man letztlich alles immer in einer Kette von Ereignissen rational erklären kann, sie würde es eine Epiphanie nennen.

Zurück in der Heimat suchte ich einmal nach seinem Grab und fand es. Die Sonne schien warm in mein Herz. Mit einem Mal wurde ich von Orgelmusik aufgeschreckt, ein Feiertag! Vielleicht „berührten sich Himmel und Erde“, wie es in einem schönen Kirchenlied heißt, wo „Menschen neu beginnen“.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 05.01.2019
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