Ich, adoptiert?

Die Helikoptermutter Unsere Kolumnistin tut sich schwer mit dem Aufbewahren. Mit unabsehbaren Folgen
Ich, adoptiert?
Mal in Gestalt eines fehlenden Stammbaum-Eintrages, mal als verlorener Impfpass: Mitunter werden Kinder am Abend von (freundlichen) Dämonen heimgesucht

Foto: imago/stockillustrations

Die Tochter würde morgen volljährig und die Mutter postete auf Facebook am Abend vor dem großen Tag das Foto von einem Karton, den sie der Tochter mit in die weite Welt geben wollte. In diesen Karton hatte sie liebevoll alles Mögliche gelegt und gefaltet, womit die Tochter aufgewachsen war: einen abgelaufenen Kinderpass, ihren Impfausweis, vielleicht einen kleinen Pulli. Hinzugelegt hatte sie Zeitungsausschnitte, Artikel, die sie über die Jahre geschrieben hatte. Die Mutter, langjährige Kolumnistin einer Frauenzeitschrift, hatte viele Jahre ihren Familienalltag in einer Kolumne zum Besten gegeben, oder: verewigt.

Mein Herz wurde schwer, wie ein warmer Stein beschwerte es zusätzlich ein schlechtes Gewissen. Ich schreibe an diesem Platz nun auch seit etwa einem Jahr über unser Familienleben, bin aber schlecht im Archivieren. Andererseits, wer alles abheftet, klammert vielleicht zu sehr, vergisst vor lauter Buchhaltung die Gegenwart, das Jetzt. Lange füllte die Oma die Fotoalben, schrieb eine Momentaufnahme dazu, klebte eine Eintrittskarte daneben. Leider hat sie das aufgegeben. (Sowieso, seit die Kinder nur noch Grimassen schneiden, wird seltener fotografiert.) Als sie das Haus verkauften, warfen sie kistenweise alte Familiendias in den Container, es war kein Platz dafür im neuen Lebensabschnitt, und in unserer Rushhour des Lebens hatten wir nicht gerade gefleht, sie sollten den Container bitte doch in die neue Wohnung stellen, damit wir ihn eines Tages …

Sollte ich in ein paar Jahren eine Kiste packen, käme eines von Omas Fotoalben hinein, der Impfausweis aber würde fehlen. Ich habe ihn verloren. Was mich neulich in die Bredouille brachte. Das Kind berichtete von dieser Wunde am Bein und kriegte plötzlich Angst, es war ja Abend, da wird es bekanntlich gruselig. Das Kind malte seine Blutvergiftung in schaurigen Bildern aus. Mein Blut gefror mit. Wie oft hatte man mir als Kind damit Angst eingejagt. Plötzlich würde die Ader am Unterarm erst blau, dann unaufhaltsam zum Herzen wandern, zack, tot.

Schluss jetzt! So schnell bekommt man nun auch keine Blutvergiftung, sagte ich. Außerdem sei er gegen Tetanus geimpft. Ob ich das sicher wisse? Ja. Wie ich mir da so sicher sein könne? Es stehe im Impfausweis. Ob ich nachschauen könne? Da wurde mir erneut heiß und kalt, und weil ich nicht beichten wollte, ich verstrickte mich weiter im Dickicht des Abends. Mir fiel „plötzlich“ ein, ich hätte ihn „dummerweise ja verlegt“! Ich spürte, was das Kind fühlte, eine tief liegende Unsicherheit wie der Schatten, den das Licht von draußen ins Zimmer warf. Wie kann das sein, dass Mama so etwas Lebenswichtiges verlegt? Morgen rufe ich die Ärztin an, versprach ich, du kriegst einen neuen Impfpass. (Praktisch für mich: Ich hätte dann einen für die Kiste in ein paar Jahren zur Volljährigkeit.)

Ja, wie kann das sein? Einmal, als ich Kind war, fiel mir unser Familienstammbuch in die Hände. Ich blätterte ehrfürchtig. Ich war aufgeregt. Hatte ich eine gewisse Vorahnung? Hochoffiziell standen hier Mutter und Vater, meine große Schwester, mein ein Jahr später geborener Bruder, dann die mittlere Schwester, dann – ich fehlte! Kein Eintrag. Ich spüre noch heute, welch ein Schauer mich durchfuhr. Bin ich überhaupt? Ja! Ich bin. Folglich bin ich adoptiert! Wie oft war mir dieser Verdacht schon gekommen! Meine Mutter beruhigte mich, der Eintrag wäre schlicht vergessen worden. Wie konnte das sein? Morgen kümmere ich mich um den Impfpass.

06:00 02.12.2018
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