Ich? Bei der RAF?

Spaltung Gerhard Falkners lyrischer, grandioser, kaputter Roman „Apollokalypse“
Katharina Schmitz | Ausgabe 43/2016

Auch die patente Vermieterin des geheimnisvollen Herrn Autenrieth hat eine Meinung zum autobiografischen Roman, an dem er gerade schreibt. Georg Autenrieth hat ihr sein Manuskript zum Lesen gegeben, eine Episode, die Gerhard Falkner gewitzt in seinen Roman Apollokalypse gewoben hat. Es könne doch nicht Sinn der Sache sein, dass sich der Leser damit „abkaspert“, irgendeinen Zusammenhang in diesem Roman zu entdecken, schimpft die Vermieterin. Man wisse nie, „wo man sich zeitlich gerade befindet“. Frauenfeindlich wie Max Frisch sei dieser Erzähler. Autenrieth kommentiert die Tirade mit einer vermeintlich weiteren Passage aus seinem „Machwerk“. Das Zitat stammt aber aus Rainer Maria Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.

Klar, die Vermieterin, das sind natürlich wir, die Leser und Leserinnen dieses großartigen Romans mit seiner Unzahl an Volten und Pointen. Gerhard Falkner, einer der wichtigsten deutschen Dichter der Gegenwart, soll 30 Jahre an seinem Romandebüt gearbeitet haben. Es ist ein großflächiges, opulentes Werk geworden: Ost- und Westberlin samt Auftritt von David Bowie, die Wende, ein fränkischer Industriellensohn namens De Pruy, eine bulgarische Geliebte, die das Chaos liebt und zu viel trinkt, die RAF, die USA, Nürnberg.

Breiter Horizont

Apollokalypse ist also ein Epochenroman aus Fragmenten, ohne lineare Erzählung. Er wurde für den Deutschen Buchpreis 2016 nominiert, kam aber nicht in die engste Auswahl. Warum eigentlich nicht? Autobiografie ist en vogue, und was will man mehr, als wenn sie sich mit sprachlicher Wucht und erzählerischer Hochintelligenz verbindet. Mal abgesehen davon, dass auch dieser Georg Autenrieth ein manisch-depressiver Mann ist (was nicht gegen Thomas Melle auf der Liste spricht).

Es geht genauer um eine im Wortsinn gespaltene Person. Das ehemalige RAF-Mitglied Georg Autenrieth hat seine Vergangenheit so von sich weggeschoben, dass er diesen RAF-Autenrieth schlicht als Doppelgänger empfindet. Ist er das? Autenrieth macht sich daran, sein Leben zu rekonstruieren. Rätselhaft und anspielungsreich, versteht sich. Der Leser stolpert ständig über Bezüge, zwischen den Zeilen und Zeiten, oder einfach als name dropping. Von Gudrun etwa ist schon die Rede, als die RAF noch sehr vage im Spiel ist, ist also wirklich die Ensslin gemeint? Falkner kratzt an der Eitelkeit seiner Leser, die nur in wenigen Fällen seinen zeitgeschichtlichen Horizont haben dürften. Andauernd legt er Fährten. Spricht er jetzt von den Manson-Morden? Erinnert der psychisch kranke Künstler Heinrich Büttner an Martin Kippenberger? Ein Maniker war Kippenberger definitiv und auch von der RAF wie so viele Künstler seiner Zeit angestrahlt. Und während man noch verschüttete Zeitgeschichte zurückgoogelt, legt Falkner im nächsten Erzählschritt schon selbst die Karten offen und macht unsere Bemühungen zunichte.

Natürlich öffnet Falkner auch einen breiten Lektürehorizont. Wie war das gleich mit Oskar Roehler und seiner Romanautobiografie Herkunft (2011)? Roehler erzählte dort, wie er wurde, was er vielleicht nie werden wollte, aber wie einer nun einmal wird, wenn er als Kind der westkommunistischen Schriftstellerin Gisela Elsner geboren wird, die ihren Sohn nicht will. Der Vater stürzt später ab als Frauenheld und Trinker, als Kassenwart der RAF. Roehlers Leben steht exemplarisch für ein „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, für Aufbegehren, Exzesse, Abgründe.

Kein Zufall also, dass Roehler bei Falkner erwähnt wird. Eine andere Figur, De Pruy, verkörpert hingegen den wohlstandsverwahrlosten Industriellensohn aus Franken, der – ähnlich wie der Robert in Herkunft – eine Faszination in der Analyse der eigenen Ausscheidungen findet. Die tägliche Scheiße als Sinnbild der verwüsteten Existenz. Zwischendrin gibt es unverschämt viel Sex, und – da sind wir als Leserin anderer Meinung als die Vermieterin – dieser wird überaus anregend durchgespielt. Bis zu einer entgrenzten Situation: Als Autenrieth einmal zwei Jungs bezahlt und beim Sex beobachet, spürt selbst er, dass er sich jetzt nicht mehr spürt. Er weint. In einem anderen Kapitel biegt Freund Büttner, den Autenrieth längst verraten hat, er hat ihm die Geliebte gestohlen, ab in Richtung Kottbusser Tor. Wir sind also gerade im Berlin-Kreuzberg der 1980er Jahre, als sie da waren, die Bowies, Kippenbergers, Roehlers.

Die Zeit steht an diesem Morgen still, in Franken und auch in Berlin, so still wie auf einem Feldweg in Combray. Denn (ironische) Reminiszenzen an Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gibt es auch zuhauf. Jetzt – mit Büttner – soll sich die Leserin rechterhand eine „Ibiza-Torremolinos-Architektur“ vorstellen. Das ist lyrisch. Das ist grandios. Das ist Punk, in seiner Poesie des Kaputten. Übrigens: Noch nie, behauptet die Rezensentin einfach mal, ist ein manisches Krankheitsbild so dicht erzählt worden, als würde die Verzweiflung aus dem Buch direkt ins Herz springen.

Das Klischee umfahren

Falkner biedert sich indessen nicht mit Trivialpsychologie an. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Gefahr der Verklärung und Verkitschung dieses Kapitels deutscher Zeitgeschichte besteht. Man denke nur an Baaders Machismus. Einmal zeigt der manische Büttner einem Galeristen Bilder, worauf er zur Antwort bekommt, gute Fotos „mit geilen Titten“ seien ihm lieber. Falkner bemerkt dazu durch seinen Erzähler: „Aber das war eben die Zeit. Eine Melange aus dem Erbe der Sechziger, dem Raushauen des Erbes in den Siebzigern und schließlich diesem Dem-allem-noch-eins-Draufsetzen in den Achtzigern. Man brauchte sich ja bloß zu erinnern, mit welchen Sprüchen Andreas Baader und seine Leute die revolutionäre Disziplin am Laufen gehalten hatten. Diese Sprache war, wenn es hart auf hart ging, auch unsere Sprache, zumindest die, mit der man sich immer wieder zurechtfinden musste, besonders in Berlin.“ Mit dieser Sprache baut Falkner seine Literatur, wickelt die Sätze zu Girlanden, dass einem beim Lesen der Atem stockt. Beim Lesen der Atem stockt? Fragen wir Autenrieth. „Scheußlich, dachte ich laut, als ich das später aufschrieb“. Merke: Umfahre das Klischee, indem du direkt auf es zufährst.

Info

Apollokalypse Gerhard Falkner Berlin-Verlag 2016, 432 S., 22 €

06:00 09.11.2016
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