Mit Sonnenbrille hört sich schlecht

Die Helikoptermutter Gute Laune, sobald die Sonne scheint? Ginge, findet unsere Kolumnistin, wenn nicht überall die happy Peoples wären

Die Verlotterung der westlichen Welt schreitet zügig voran, sobald die Sonne strahlt und wärmt. Die Welt ist jetzt voll mit lockeren Peoples, die das Life genießen. Tagsdrauf quellen die Mülleimer über mit Coffee-to-go-Bechern, Hundekacktüten, Windeln. Wofür zahlt Mensch in diesem Land Steuern? Richtig!

Nehmen wir den (Spiel-)Platz vor unserem Mietshaus. Der war mal eine Art Brache mit Bäumen drumrum. Das war vor der Gentrifizierung. Inzwischen hat man den Platz aufgewertet. Mit einem Café zum Beispiel. Das Café war zu DDR-Zeiten ein Toilettenhäuschen, ein Dark Room für Homosexuelle. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Das Café hat keine Toilette. Das öffentliche Dixie-Klo wäre fußläufig zu erreichen, aber dazu später.

Ist das schön heute! Man fragt sich nur, wo die Leute alle wohnen oder, hoffnungsvoll: wann sie wohl abreisen!? Ich finde angesichts der übervollen Mülleimer, die Schwaben unter den Schwaben könnten sich hier ruhig noch schwäbischer aufführen. War doch nicht alles schlecht an der Kehrwoch!

Ab Mai stehe ich hier konsequent nur noch mit Sonnenbrille herum. Die Brille schluckt die Reize, außerdem höre ich seltsamerweise mit Brille nicht gut, bin insgesamt weniger gereizt, weil abgeschirmt vom bunten Treiben. Der Ghettoblaster zum Beispiel, der ab jetzt bei der Tischtennisplatte wummert, dringt kaum zu mir durch. Seit dem TT-Hype nämlich sitzen sie hier am Betontisch und trinken Bier, zwischendurch schlenzen sie die Kellen – dazu wummert der Ghettoblaster.

Wäre das schön heute! Sitzen da aber nicht nur die Ghettoblaster-Typen, sondern stehen am Tisch freche Kinder, die mit einem Fußball über die Platte knolzen. Das Netz aus Metall scheppert. Sage ich den Kids: „Leute, das ist ein Fußball.“ „Ist doch egal“, sagen die frechen Kinder. Fragt man die Jungs mit dem Ghettoblaster: „Wolltet ihr spielen?“ „Eigentlich ja.“ Verscheucht man wie ein Kiezkopp die Kinder. Ich darf das: Es sind meine eigenen Kinder.

Während meine Kids wieder mit dem Fußball Fußball spielen, beobachtet man zwei Männer, die lebensfroh an einen Baum pinkeln. Die Bäume tragen ja noch kein Laub, man sieht es also besonders gut. Hatte man uns Eltern nicht jahrelang geschimpft wegen der unverschämten Kleinkindpinkelei in den Büschen? Kaum scheint die Sonne, herrscht hier am Platz Oktoberfestfeeling. Nicht zu überhören, nicht zu übersehen, ich muss mir langsam dunklere Brillengläser zulegen. „Ihr seid doch erwachsen“, tadele ich die Pinkeljungs, worauf sie mich unflätig betiteln, ist zum Glück nicht alles akustisch zu verstehen. Dann gehen sie zu ihren Rotkäppchen-Girls und den Kinderwagen, es sind junge fröhliche Eltern. Die Piccolos landen vermutlich später in der Tonne, beim Coffee-to-go-Müll, den Hundekacketüten, Windeln.

Hab ich was gegen junge Eltern? Ja! Unbedingt! Zweifellos! Ich verspießere, wie alle vorhergesagt haben. Bald brauch’ ich eine andere Vorrichtung für die Augen. Finster gucke ich mich um. Die Ghettoblaster-Jungs rücken ihre Bierflaschen ordentlich zurecht und schlendern davon. Gehen einfach! Ich will rufen, ihr braucht jetzt aber nicht auf Flaschensammler-Charity zu machen!

Abends. Der Kiezkopp (ich!) ist noch mal raus, obwohl er keinen Hund hat. Weil’s dunkel ist, braucht er seine Sonnenbrille nicht. Leise wummert irgendwo Musik. Leise fährt ein junger Mann auf dem Rad mit Satteltaschen vorbei und sammelt Flaschen ein. Mein leeres Becks nimmt er mit.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über das Politische im Familienalltag

06:00 06.05.2018
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