Im Sommer meines Lebens lebt die Melancholie

Die Helikoptermutter Ausnahmsweise erinnert sich unsere Kolumnistin an die Zeit, in der sie selbst noch Tochter war – und darüber hinaus
Im Sommer meines Lebens lebt die Melancholie
Der Vater unserer Autorin versteckte sich vor dem Krieg im Wald. Später, um Spaziergänger (oder Altnazis?) zu erschrecken

Foto: Steinach/Imago

Mein Vater war Jahrgang 1928. Als man in seinem Dorf Ernst machte mit dem Deutschen Volkssturm, lief er weg und versteckte sich drei Wochen lang im Wald. Diese Geschichte meines Vaters beeindruckt mich heute noch. Mein Vater hatte sein Leben riskiert, um nicht als junger Mann zu sterben. Er war kein Faschist gewesen, das Abenteuer war der Beweis. Er hat mir nie gezeigt, wo genau er mit knapp 17 auf das Kriegsende wartete, ich stellte mir in meiner Fantasie vor, wo es gewesen sein musste, ein anderes Mal nahm ich mir Bilder aus einem Roman von Siegfried Lenz dazu.

Es war vielleicht nahe dem kleinen Weiler Buchholz. Wie vertrieb er sich die Zeit? Hatte er Angst? Könnte auch sein, dass er sich nur tagsüber versteckte, abends heimkam und die erzkatholische Anna, seine Mutter, die Hitler nicht ausstehen konnte, dem Deserteur die Bratkartoffeln servierte. Fast alle sind tot, die man noch fragen könnte.

Bei einer Familie im Dorf kamen drei von vier Jungen nicht ins Dorf zurück, erzählte mein Vater mir manchmal mit Melancholie im Blick, und irgendwie ist in dem 250-Seelen-Dorf, in dem er aufwuchs, die Volksschule besuchte, Viehhändler wurde, seine Geschwister ausbezahlte, das Elternhaus um einen Trakt erweiterte, unsere Familie gründete, diese Melancholie immer stark zu spüren. Im Sommer, wenn am späten Nachmittag ein stilles Lüftchen weht, als wolle der Wind mir etwas von meinem Vater erzählen. Oder wenn man entlang des alten Kreuzwegs hinauf zum Friedhof von Buchholz spaziert, ein Kloster war einmal dort, heute noch zwei stille Gehöfte. Hohe Tannen rauschen machtvoll vom Schicksal. Die Wehmut ist gegenwärtig im Sommer, im Garten, wenn man bemerkt, dass oben am Himmel nur noch der Milan kreist (oder das riesige Aufklärungsflugzeug vom amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Spangdahlem dort gleitet, eine halbe Autostunde entfernt).

Die Schwalben kommen nicht mehr. Der Schwalbendreck an der Wand, der schwarz-weiße Mörtel, ist nur noch Kindheitserinnerung, weil der Kuhstall schon lange Zeit kein Kuhstall mehr ist. Der alte Kuhstall mit den vielen Schwalbennestern unter der Regenrinne ist eine Garage mit elektrischem Tor für den Kleinwagen meiner Mutter.

Es ist das Dorf, in dem ich groß wurde. Wenn ich im Sommer heimfahre, denke ich an Dr.-Oetker-Vanillepudding, den gab es früher mit frischen Erdbeeren aus dem Garten. Nach der Schule wartete meine Mutter mit dem Mittagessen auf mich. Einmal hörte ich die Geschichte, dass ein Haustrakt im Krieg zu einer Zahnarztpraxis umfunktioniert gewesen war und Tante L. dem Zahnarzt assistiert hatte. In unserem Haus wurde demzufolge Militär ärztlich behandelt, aber niemand hat das je richtig auserzählt. Mein Großvater – hieß es auf Nachfrage zum Mitläufertum – hatte dem örtlichen Nazi-Funktionär einmal seine Meinung auf offener Straße in Manderscheid gegeigt. Eine Anekdote ist, dass bei den Großeltern mütterlicherseits der Franzose Vincent, das Wort Zwangsarbeit fiel nie, beschäftigt war. Jahre nach dem Krieg blieb man in gutem Kontakt zu Vincent. Immer wollte ich mir ein Aufnahmegerät zulegen, um diese Geschichten aufzuzeichnen.

Mein Vater war auch ein großer Witzbold. Nach dem Krieg versteckte er sich wieder im Wald, um Spaziergänger (oder Altnazis?) zu erschrecken. Er rief dann so etwa „Da wei, da wei“, es heißt auf Russisch … Ach, aber lassen wir das. Genug Melancholie einer Tochter, die nächstes Mal, versprochen, wieder die Helikoptermutter sein wird.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 03.07.2018
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