Impfstatus: top!

Online-Dating Charakter war gestern, heute zählt der richtige Hashtag. Wie die Corona-Pandemie das Flirten verändert

In Maria Schraders preisgekröntem Film Ich bin Dein Mensch erklärt sich die Wissenschaftlerin Alma bereit, an einer KI-Studie teilzunehmen. Sie verbringt einige Tage mit einem humanoiden Roboter, der direkt aus der Werkstatt bei ihr einzieht. Tom ist perfekt auf Almas Vorlieben und Bedürfnisse konfiguriert. Tom ist klug, charmant, attraktiv und es ist daher unwahrscheinlich, dass sich Alma nicht in diesen Tom verlieben könnte. Er versteht viel von ihrer Arbeit im Museum, denn er kann sich in Sekundenschnelle alles draufschaffen. Tom spricht mit britischem Akzent, weil Alma das mag. Und weil Tom mit der Information versorgt wurde, dass 97 Prozent aller Frauen ein Schaumbad mit Rosen und Kerzen mögen, arrangiert er auch einmal das. Es stellt sich dann aber heraus ...

Die KI-Forschung muss noch ein bisschen tüfteln, und solange die Liebe zu einem Androiden eine Fiktion ist, wird man als Single bei der Partnersuche wohl weiter die klassischen Wege bestreiten müssen, zu denen inzwischen Internet-Dating gehört. Fast 30 Prozent der Deutschen haben laut einer Umfrage aus dem Jahr 2020 schon einmal eine Online-Kontaktbörse ausprobiert. Bei der Hälfte entstand daraus eine Partnerschaft oder ein sexuelles Intermezzo. Wenn der Frühling kommt, könnte es also wieder losgehen, denn anders als in den Lockdowns der vergangenen zwei Jahre sind Blind Dates wieder legal, allenfalls nicht so richtig romantisch, geschweige denn flirrend, die Pandemie hat uns doch alle libidinös gehörig eingeschüchtert.

Technisch betrachtet funktioniert so eine Kontaktbörse wie Tom, „der Mensch“ versorgt die jeweilige Dating-Seite mit Informationen zu Charakter, Lebensstil, Familienstand, Lieblingsfilm, sexueller Orientierung und was man sonst noch so preiszugeben bereit ist. Und anhand dieser Daten „matcht“ es. Sich zu matchen bedeutet: Man passt gut zueinander, oder auch: Es gibt exakte Übereinstimmungen. Match bedeutet natürlich auch Wettkampf. Der Unterschied zum Match mit einem Androiden ist freilich, dass man es mit Menschen aus Fleisch und Blut zu tun hat.

Wie „natürlich“ die Person aber noch ist, ist weniger leicht auszumachen, denn der moderne Mensch wirkt irgendwie immer künstlicher, er kuratiert sein Ich, der Kulturhistoriker Andreas Reckwitz nennt es ein kompliziertes „Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit, die zu erreichen freilich nicht nur subjektiver Wunsch, sondern paradoxe gesellschaftliche Erwartung geworden ist“.

Haltung statt Psychologie

Jeder kennt Tinder. Hierzulande nicht so bekannt ist die Dating-App OkCupid. Anfangs stolpert man über den Namen und lacht, OkCupid kann man super zu OkStupid verballhornen. Der Name wird natürlich wie „occupied“ ausgesprochen und steht für das finale Projektziel, oder etwa nicht? Man wird gedatet. Gegründet wurde die US-amerikanische Kontaktbörse 2004, und besonders in deutschen Großstädten scheint OkCupid auf dem Vormarsch, so jedenfalls private Erhebungen aus dem Bekannten- und Freundeskreis.

Die App scheint ein Ort, wo sich besonders das kuratierte Ich noch unter seinesgleichen fühlt. Im Unterschied zu anderen Kontaktbörsen geht es hier weniger um Charakter und Psychologie, sondern vielmehr um Haltung, Hashtags, um Attribute und Assets, die man ab- und anlegen kann. Adressiert wird die urbane Elite, ein akademisch gebildetes, kosmopolitisches Klientel (auch wenn es mit schlechtem Gewissen fliegt), das der englische Publizist David Goodhart als die neue Klasse der Anywheres, „Überall-Menschen“, klassifizierte. Ihnen, in einem Kulturkampf gegenüber, stünden die Somewheres, die „Irgendwo-Menschen“. Diese Gruppe beschrieb Goodhart als weniger mobil, konservativ, finanziell schlechter aufgestellt. Mit seiner Sozialtheorie versuchte Goodhart 2017 den neuen Populismus der Leute zu erklären. Corona-Leugner aus Sachsen oder Bayern gab es damals noch nicht. Die Benutzeroberfläche von OkCupid ist jedenfalls auf Englisch voreingestellt, was schon mal einige ausschließt, die sich im Englischen nicht so wie der Fisch im Wasser bewegen. Man ist erstaunt übrigens, wie viele deutsche Uwes hier weltläufig, fluently Rede und Antwort stehen. Und ein Freund meinte neulich unverhohlen, dass er die Voreinstellung „sehr sinnvoll“ fand. Seine neue Partnerin stammt aus den USA.

Was kriegen also Frauen wie Alma präsentiert, wie kann sich Uwe von seiner Schokoladenseite zeigen? Bei politischer Einstellung sind Angaben im Spektrum liberal, moderat, konservativ oder „other political ideas“ möglich, (was auch immer das heißt, es klingt verdächtig). Was fehlt: links oder linksliberal. Aber sogar die Irgendwo-Menschen wissen natürlich, was sie ankreuzen sollten. Logisch also, dass die Mehrheit „liberal“ angibt oder sogar „moderat“. Einige setzen noch eins drauf und schreiben „No AfD!“ dazu. Und wie sich das für eine gut kuratierte Bewerbungsmappe gehört, wenn man den Job will, und die Liebeswerbung funktioniert ja ähnlich, beichtet man besser nicht maßlos. Marihuana wird kaum noch geraucht, obwohl ja fast legalisiert und sogar als Covid-Therapeutikum diskutiert und obwohl gefühlt 70 Prozent der Akademiker, Künstler, Kreativen, Fridays for Futures, Black-Lives-Matter-Aktivisten aus dem verkifften Friedrichshain-Kreuzberg kommen. Blöder Scherz, sorry! Ernsthaft: Es tummelt sich hier (gefühlt, nicht empirisch) der Mainstream, auch die Anywheres kochen mit Wasser, egal wie eine/r sich anstrengt, was sich übrigens auch am Fitnesslevel (hoch!) ablesen lässt.

Bemerkenswert ist, dass einige angeben, geimpft zu sein. Ganz oben im Profil: I am vaccinated. Genießt der Impfstatus demnach oberste Priorität? Man rätselt, welches Motiv dahintersteckt. Die kulturelle Hegemonie nimmt die kosmopolitische Klasse für sich in Anspruch, ist das also jetzt nur als eine neutrale Gesundheitsinfo zu verstehen oder ein leicht übergriffiges Statement? So ein bisschen wie der Hoodie-Slogan: „Kein Sex mit Nazis“? Will man sichergehen, dass man nicht „subkulturell“ unterwandert wird? Gar nicht einladend wirkt definitiv der „Pool“ der „Vaccinated Daters“, wo man verlässlich nur Geimpfte findet, im Gegenteil, man fühlt sich abgestoßen.

Bin ich repräsentativ? Eine Freundin meinte, das sei doch eine „nützliche“ Information. Nützlich trifft es in der Tat. Michel Houellebecq soll gesagt haben, dass er den Virus langweilig fände, weil Covid nicht sexuell übertragbar sei. Irgendwie zutiefst romantisch ist sein Zynismus und ich stelle mir vor, wie ich einem Mann zuerst meine Impf-App zeige, bevor wir (vorläufig mit Maske) spazieren gehen. Symbolisch steht das auch für: Ich führe auch sonst kein ausschweifendes Leben. Ich bin vorsichtig. Ich übernehme Verantwortung.

Jetzt aber wirklich: Der ultimative Abturner, müsste man meinen, ist im Pool der Geimpften ein Foto von so einem Uwe oder Thorsten mit medizinischer Maske. Aber mitnichten. Maskenverweigerer wirken hässlich, Menschen mit Maske wirken attraktiver, das hat ein Team der Universität Cardiff herausgefunden, berichtete neulich der Spiegel, die Wissenschaftler sollen selbst überrascht gewesen sein.

Wer konfiguriert solche Seiten? Maschinen oder Menschen? Es waren Amerikaner und offensichtlich hat man an einer deutschen Redaktion oder an einer Überarbeitung für den europäischen Markt gespart. Anders lassen sich auch die dümmlichen „Fangfragen“ nicht erklären. Dem Single ist mehr Aufmerksamkeit garantiert, je mehr er von sich erzählt. Dabei helfen Fragen, die Auskunft darüber geben, ob man noch hinter dem Mond wohnt. Ob ich zum Beispiel klatsche, wenn das Flugzeug landet. Ob ich tolerieren würde, wenn der Partner klatscht. Jedes Landei würde mit Nein parieren, wir haben uns alle sublimiert, gucken Netflix, bevorzugen Kaffee aus der Siebträgermaschine. Höchstens der humanoide Tom würde mit „Ja“ antworten. Weil er liebenswürdig ist. Gar nicht wissen kann, um was es geht. Und weil Klatschen eigentlich ganz nett ist.

Genderfluid, aroflux, ketogen

Unter Präferenzen kann der Mensch schließlich noch alles auswählen oder ausschließen, was es so gibt. Es gibt naturgemäß viel. Wir befinden uns im genderfluiden Zeitalter, es gibt naturgemäß schwul, lesbisch, heteroflexibel, grausexuell, rezipromantisch, akioromantisch und aroflux. Ich kann das nicht alles googeln, aber für Menschen, die ihren Impfstatus wie eine Monstranz vor sich hertragen, klingt es mutig, aus dem Safe Space rauszukommen und sich mit einem arofluxen Menschen einzulassen. Bei Ernährungsgewohnheiten findet sich neben dem Üblichen, laktovegetarisch, ketogen (das ist eine kohlenhydratarme, sehr fettreiche Kost), intermittierendes Fasten. Bei „ethnischer Zugehörigkeit“ könnte die kosmopolitische Alma das Häkchen bei „Pazifikinsulaner“ rausnehmen, sie könnte auch sicherstellen, mit einem „amerikanischen Ureinwohner“ auf keinen Fall aus Versehen im Bett zu landen.

Sylt oder Ballermann? Wo würde Alma hinreisen? Beim Schaumbad mit Rosen gehörte sie zu den drei Prozent, was mich angeht, ich will zum Ballermann.

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