Jesper Juul macht vor Berlin halt

Kritik Mit "Schulinfarkt" legt der Pädagogikguru eines seiner schwächsten Bücher vor
Ausgabe 16/2013
Wenn die Pädagogik auf den Hund kommt ...
Wenn die Pädagogik auf den Hund kommt ...

Foto: Daniel Roland/ AFP/ Getty Images

Ein Freund, Sachbuchautor, meinte verständnisvoll, man müsse schon viele Sachbücher schreiben, ein, zwei Bestseller garantierten noch keinen gemachten Mann. Jesper Juul muss sich gewiss nicht mehr sorgen, der 1948 in Dänemark geborene, sehr berühmte Familientherapeut, der wegen seiner streitbaren Thesen auch gerne das „enfant terrible“ der Pädagogik genannt wird, hat an die 20 Bücher veröffentlicht, sein erfolgreichster Ratgeber Dein kompetentes Kind (1995) wurde in 13 Sprachen übersetzt, die Hauptthese darin: Beziehung ist elementar, Erziehung nicht so sehr. Als Mutter hat man Juuls Philosophie halbwegs so verinnerlicht, (Anspruch und Wirklichkeit mal ausgenommen): Dein kompetentes Kind ist kein Trotzkopf, in der alltäglichen Tobsucht steckt eine kompetente Botschaft, man muss nur die Nerven haben, sie zu lesen, dann kooperiert das Kind ganz automatisch. Zentral bei Juul auch: der Unterschied von Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Das eine kriegt man, weil man etwas gut kann, das Selbstwertgefühl aber ist eine Frage kindlicher Integrität, die Eltern mit dieser Basta-Macht immer verletzen. Damit hat Juul uns eine Aufgabe fürs Leben und Kinderaufziehen übertragen.

Schulinfarkt heißt nun sein neuestes Plädoyer (Kösel-Verlag), ein reißerischer Titel, dabei will Juul doch kein reißerischer Ratgeber sein. Auf knapp 200 Seiten ist sein Denken hier auf die Schule übertragen, die sei nämlich nichts anderes als das Elternhaus, ergo: Beziehung ist elementar, Erziehung nicht so sehr, Selbstvertrauen ist wichtig, existenziell aber das Selbstwertgefühl. Der Ton: polemisch as usual. Schulen seien kein Bildungsort, sondern Zwangseinrichtungen, statt Schulpflicht solle es ein Bildungsrecht geben. Was ja absolut richtig ist. Noch vor 60 Jahren fand Schule in Norwegen nur an drei Tagen in der Woche statt, fürs Leben lernte das Kind in der Landwirtschaft. Auch das wollte man unbedingt unterschreiben.

Auch richtig, Bildung ist ja längst nicht so wichtig, wie „die“ uns ständig weismachen wollen, weiß doch jedes Kind. Deshalb nicht richtig: Wir Eltern dächten schon beim Vierjährigen an die Uni, Amy Chua ist nicht nur für Juul kein Vorbild, wir wollen der Tigermutter auch nicht grad im Dunkeln begegnen.

Und deshalb habe ich mich geärgert. Ärgerlich ist, dass Schulinfarkt eine ziemlich halbherzige Variation der Juul’schen Philosophie ist, ein Sammelsurium starker Verallgemeinerungen, nimmt man zum Beispiel die Altersgruppen und Milieus. Juul spricht vom überforderten Grundschulkind, erwähnt, freilich ohne genauer zu belegen, „deutsche Schulpsychologen gehen davon aus, dass gut die Hälfte aller deutschen Grundschüler eine Psychotherapie brauchen“, um dann eine Seite später bei zwölf jugendlichen Schulverweigerern aus Dänemark zu landen und noch später bei Heimkindern. Eine andere Randnotiz ist, es gäbe mehr Sonderschulen, was wundert, siehe auch Deutschlands ratifizierte UN-Konvention.

Das Mischen von bunten Fallbeispielen oder Anekdoten ohne Fakten und Analyse funktioniert deshalb logischerweise nicht, weil sich die Probleme von Berliner Schulen schon von denen in Hamburg fundamental unterscheiden. In Berlin haben die vor einigen Jahren eingeführten Schulreformen, zum Beispiel die Einschulung mit fünf Jahren, zu riesigen Problemen geführt, nicht nur Kinder aus Migrantenfamilien waren extrem überfordert, auch „Prinzessinnen“ vom Prenzlauer Berg. Die Reform wird nun vielleicht abgeschafft, gerade weil Eltern protestieren (und nicht alle kapitulieren, wie Juul sagt). Vielleicht sollte ihm das einer sagen. Was man von Schulinfarkt mitnimmt? Den Mut zum Feiern, wie die Feste fallen. „Lieber Jakob/Annika, wir danken Dir von Herzen, (...) dass Du zur Schule gegangen bist“

Katharina Schmitz lernt nicht jeden Tag dazu

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Geschrieben von

Katharina Schmitz

Redakteurin Kultur

Katharina Schmitz

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