Kampf für Kunst

Porträt Elisa Rosi leitet das wohl beste Programmkino Berlins, mit genau 32 Plätzen und einem Publikum, das sich nach dem Film auf der Straße die Köpfe heißredet
Kampf für Kunst
„Jeder Kiez braucht ein Kino, mir ist das wichtig“
Foto: Jonas Ludwig Walter für der Freitag

Ihr Name. Der Film. Italien. Ich muss an Signor Rossi denken, meinen Trickfilmhelden aus Kindertagen, und erfahre: Signor Rossi sucht das Glück war in Italien, anders als in Deutschland, gar nicht so bekannt. „Und mein Nachname schreibt sich ja mit einem s, Rosi“, erklärt die Kinobetreiberin, „wie die Regisseure Francesco oder Gianfranco“. Ich kenne weder den einen noch den anderen und nicke jetzt also freundlich. Elisa Rosi durchschaut mich, lässt sich aber nichts anmerken, sie ist kein Snob, man spürt es, sie sagt es auch. Die Italienerin versteht ihr Lichtblick-Kino in Berlin-Prenzlauer Berg keinesfalls als einen exklusiven Ort für nerdige Filmkenner, die wegen der Arthouse-Filme kommen, sondern als ein „Kino für alle“.

In Signor Rossi sucht das Glück reist der Held mit seinem emanzipierten Hund Gastone und mit Hilfe einer Zauberpfeife durch die Zeit. In einer Folge geht Rossi am Abend doch noch ins Kino, weil der Hund Lust dazu hat. Vor dem Kino angekommen fragt Rossi: „Ob der Film was taugt? Es sind verdächtig viele Leute da.“ Verdächtig viele Leute kommen schon deshalb niemals ins Lichtblick, weil mit nur 32 Plätzen dafür die Kapazität fehlt. Immer samstags um Mitternacht, wenn Casablanca, natürlich in der Originalversion mit deutschen Untertiteln, gezeigt wird und das Kino ein bisschen mit dem „Mainstream“ kokettiert, dann kommen vielleicht auch nur zwei Zuschauer.

Es verirren sich auch Touristen hierher, die Berlin oder die Deutschen verstehen wollen, zum Beispiel wenn Wim Wenders’ Der Himmel über Berlin – mit englischen Untertiteln – läuft. Die Leute kommen auch sonst von weit. Aus Cottbus, wegen einer Dokumentation über eine sorbische Band, die außer den Gästen aus Cottbus wohl niemand kennt. Oder sogar aus dem Ruhrpott. Wie neulich, da habe man zum 42. Todestag des RAF-Terroristen Holger Meins die Dokumentation Starbuck Holger Meins gezeigt und im kleinen Foyer zwei Stunden mit dem Regisseur Gert Conradt diskutiert. Und plötzlich habe Conradt noch ein kleines Maultrommel-Konzert gegeben.

Es sind intime, verwegene Abende, in die man hier geraten kann und die es in einem „Mainstream-Kino“ wohl nie zu erleben gibt. Üblicherweise geht man nach einem Film wie Herr Rossi nach Hause, und anders als Herr Rossi verlegt man heute seine Reflexion auf Facebook. Aber ein echtes Gespräch, geschweige denn eine spontane Debatte mit Unbekannten, wo findet so etwas heute noch statt? Die Antwort: zum Beispiel auf dem holprigen Bürgersteig vor dem Lichtblick. Diesen Sommer war ich selbst dabei, als der Film Die Stadt als Beute gezeigt wurde, eine Dokumentation über das gentrifizierte Berlin, über die explodierenden Mieten, die Verdrängung der alten Bewohner, den Ausverkauf der Stadt. Der Regisseur Andreas Wilcke stand etwas verloren mitten im aufgewühlten Pulk herum, möglicherweise war es überhaupt nur seiner Arglosigkeit zu verdanken gewesen, dass ihn die Investoren, Kaufinteressenten und Makler für sein Projekt jahrelang so ungeniert filmen ließen. Jedenfalls, die Leute diskutierten, ob sich da politisches Engagement überhaupt noch lohne, und die rothaarige Frau aus Schöneberg sagte: „Unbedingt! Wir müssen uns einmischen!“

Programmkinos in Deutschland

Programmkinos vertreten den Anspruch, die Kunstform Film nicht ausschließlich ökonomischen Profitinteressen unterzuordnen. Damit grenzen sie sich von den sogenannten Mainstream-Kinos größerer Betreiber, die oft in Ketten organisiert sind, ab und bieten Besucherinnen und Besuchern ein auch an künstlerischen Maßstäben orientiertes Filmprogramm. In der Regel sind Programmkinos kleinere Filmtheater mit einer überschaubaren Zuschauerkapazität.

Sie zeigen zumeist deutsche und europäische Filmproduktionen, die es aufgrund der Dominanz des US-amerikanischen Films oft nicht in die größeren Kinos schaffen. 2015 gab es in Deutschland 660 reine Programmkinos. Bundesweit lockten diese innerhalb von 12 Monaten 15,6 Millionen Besucher in die Kinosäle und erzielten damit einen Umsatz von rund 112 Millionen Euro. Das entspricht einem Marktanteil von 11,2 Prozent. Anzahl sowie Publikumszuspruch von Programmkinos sind über die vergangenen Jahre relativ stabil geblieben. Gravierende Unterschiede bestehen in ihrer regionalen Verteilung: Hier dominieren urbane Ballungsgebiete. In Berlin zum Beispiel kommen 33.510 Einwohner auf einen Programm-Kinosaal.

Derweil sind es in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt je mehr als 200.000, bundesweit im Schnitt 104.973 Einwohner pro Saal. Größte Interessenvertretung der Branche ist die Arbeitsgemeinschaft Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater e.V. mit 353 Kinos sowie Verleihern und Verbänden als Mitgliedern. Sie vergibt seit 1977 den Gilde-Preis in mehreren Kategorien, als bester deutscher Film wurde 2016 Maren Ades Toni Erdmann ausgezeichnet. Daniel Böldt

Jüngst, als Fidel Castro starb und es in den sozialen Medien um die Frage ging, ob man den Diktator jetzt ernsthaft als letzten Revolutionär und Helden romantisieren wolle, da wurde, wer sich mit dieser Frage trug, im Lichtblick-Programm fündig: Elisa Rosi hatte die Dokumentation Somos Cuba aus dem Jahr 2015 auf die Leinwand gezaubert, nun der Film der Stunde.

Um was geht es? Sieben Jahre lang hat der kubanische Schriftsteller Andres Rodriguez mit einer kleinen Videokamera sein Leben in einem Arbeiterviertel von Havanna gefilmt. Annett Ilijew schmuggelte das Material aus Kuba heraus und montierte den Film. Im Januar werden Regisseurin und Schnittmeisterin schon zum zweiten Mal im Lichtblick zu Gast sein. Man stellt sich vor, wie später im Foyer treue Altkommunisten auf politisch bewegte Hipster treffen, Argumente tauschen, Rum schlürfen und irgendwo glimmt eine Cohiba. Für Castro spricht übrigens die angeblich vorbildliche Gesundheitsvorsorge und damit hohe Lebenserwartung der Kubaner, von der Haitianer nur träumen können.

Das Gespräch ist zum Markenzeichen des Lichtblick-Kinos geworden. „Mit über 100 Filmgesprächen hat sich das Kino fest als Forum des Austauschs zwischen Besuchern und Filmschaffenden etabliert“, heißt es in der Jury-Begründung zum Kinoprogrammpreis 2015. Es waren sogar 189, ergänzt Rosi. Zum vierten Mal in Folge hatten die Betreiber die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung des Medienboards Berlin-Brandenburg gewonnen. „Das klingt jetzt nach viel Geld“, sagt Rosi. Nein, klingt es nicht.

Die deutsche Filmförderung scheint weitaus besser aufgestellt. Dachte man neulich noch zornig, als man den unsäglich schlecht gemachten Kinderfilm Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt ertrug, der sich mit Mitteln der Film- und Medienstiftung NRW, der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, der Filmförderungsanstalt, des Medienboards Berlin-Brandenburg und des Deutschen Filmförderfonds finanzierte. Von so etwas können Programmkinos nur träumen. „Das Lichtblick kämpft täglich um den weiteren Bestand des Kinos. Es kostet uns sehr viel Energie, unser Publikum zu erreichen und uns trotzdem treu zu bleiben“, sagt Elisa Rosi.

Signor Rossi mit dem Hund, Arbeiter in einer Fischfabrik, der aus seinem Alltag in surreale Abenteuer flieht, würde auch gut in das (Kinder-)Programm des Lichtblick passen. Das Filmtheater wurde 1994 gegründet und wird seither kollektiv organisiert. 2008 begann Elisa Rosi als Filmvorführerin, seit 2012 ist sie im Vorstand. Zusammen mit dem Politologen und Publizisten Hansi Oostinga und dem Grafiker Friedemann Bochow vom Atelier Milchhof werden das Programm, die Pressearbeit und das Marketing beschlossen.

Rosi schätzt die flache Hierarchie. „Ohne die anderen Enthusiasten, die hier arbeiten und alle irgendwas mit Film oder Theater zu tun haben, wäre das Lichtblick nicht, was es ist: ein echtes Kiezkino. Mir ist das wichtig, jeder Kiez muss ein Kino haben.“ Die Kastanienallee im Prenzlauer Berg hat sich jedoch, frei nach dem Film Die Stadt als Beute, massiv verändert. Die unrenovierte Fassade des Lichtblick wirkt wie ein letztes Bollwerk neben Clochard-Chick-Boutiquen und gefühlt 70 bis 90 italienischen Restaurants. Rosi hält aber nichts von Untergangsstimmung. „Egal was die Leute sagen, ich liebe diese Straße und meine Nachbarn. Wir haben jetzt eine Kooperation mit dem Comicladen, der neu eröffnet hat. Wir verstehen uns super mit dem kleinen türkischen Bäcker von nebenan.“

Klassisch links

Woher kommt die Liebe zu Berlin, zum Film? Rosi, 35 Jahre alt, stammt aus Perugia. Sie wuchs in einem Arbeiterhaushalt auf. Die Eltern arbeiteten in einer Modefabrik, die in Hochglanzzeiten Mode für den Pariser Designer Emanuel Ungaro produzierte. Anfang der 90er Jahre musste die Fabrik schließen. „Meine Heimat Umbrien oder die Toskana“, sagt Rosi, „ist eine klassische linke Gegend. Ich kenne nichts anderes!“

Sie hat sich schon immer für Sprachen interessiert, ein Sprachgymnasium besucht, ein Kloster mitten in der Altstadt. Wegen des Erdbebens sei die Schule heute geschlossen und werde vermutlich ihre Pforten nicht mehr öffnen. 2000 machte Rosi dort Abitur. Sie war – wer nicht – fasziniert von Berlin und gehörte wohl zum Easyjetset, den es in die deutsche Hauptstadt zog. Rosi sagt, sie habe sich schon immer für deutsche Kultur interessiert. Momo war ihr Lieblingsbuch. Kafka ihr Lieblingsautor. Nach dem Abitur studierte sie in Perugia Deutsche Kulturwissenschaften.

Über ein Stipendium kam sie zum ersten Mal nach Deutschland. Irgendwann fing es an mit der Liebe zum Film. „Mein Professor sagte, ich könne alles machen, was ich will.“ Er gab ihr ein Buch über die UFA. Beim letzten Kapitel blieb Rosi hängen: Sie wollte ihre Magisterarbeit nun über die ostdeutsche DEFA schreiben. Ein gewagtes und großes Thema für eine junge Italienerin Mitte 20. Vielleicht zu gewagt, erkannte Rosi und grenzte ihr Thema ein, es ging nun um das Berlin-Bild am Beispiel von zwei Verbotsfilmen. Rosi wählte Kurt Barthels Fräulein Schmetterling. Das Drehbuch stammt von Christa und Gerhard Wolf, noch der Rohschnitt wurde 1966 im Zuge des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED verboten. Nach der Wende wurde Fräulein Schmetterling rekonstruiert und 2005 im Berliner Programmkino Babylon wiederaufgeführt. Christa Wolf sollte sie auf einer Lesung im Brechthaus treffen, da fegt gerade Orkan Kyrill durch Deutschland. Da habe die Wolf besorgt angerufen, Rosi solle das Haus nicht verlassen, es sei zu gefährlich. Sie versprach, die Fragen per Fax zu beantworten. Rosi sagt, die Wolf sei keine Hexe gewesen, wie viele sagen.

Der andere Verbotsfilm war Berlin um die Ecke von Wolfgang Kohlhaase. Mit Kohlhaase funktionierte beim ersten Treffen das Aufnahmegerät nicht und die beiden mussten sich nochmals treffen. Rosi lernte Ralf Schenk kennen, der die Restaurierung von Fräulein Schmetterling kuratiert hatte. Er wurde ihre Bezugsperson. Denn Literatur zu ihrem Thema gab es zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht. Sie traf noch Kurt Maetzig, den Gründer der DEFA, der vor vier Jahren im Alter von 102 starb. „Für eine Magisterarbeit habe ich mir viel zu viel Mühe gegeben“, sagt Rosi und lächelt. Es folgten Praktika beim Kurzfilmfestival Interfilm. Regieassistenzen. Eine Station beim Filmverleih Neue Visionen. Dort lernte sie Torsten Frehse kennen, der das Lichtblick mitgegründet hatte. „Ich liebe meine Arbeit, ich mache das zur Selbstverwirklichung, aber das ist nicht das Wichtigste, ich mache das für die Gesellschaft.“ Elisa Rosi sagt das so und sieht dabei so aus wie eine Frau, der es peinlich ist, so viel Idealismus in Worte zu fassen, womöglich klingt es noch kitschig.

Klassischer Mann

Dann zeigt sie mir noch das Lichtblick. Früher, zu DDR-Zeiten, war das Kino eine Fleischerei. Ein Schwarzweißfoto vom alten Tresen mit den hängenden Würsten hängt an der unverändert gekachelten Wand. Rosi zeigt mir die alte Vorführmaschine für die Filme der älteren Generation. Mit dem neuen Gerät kann man jetzt auch digitale Formate zeigen. DCP-Formate für kleinere Sachen. Noch mehr Independent-Filme. Rosi zeigt nicht nur auf die Geräte, sondern klappt hier auf, klappt da zu. Ihre Liebe zum Film ist auch eine Liebe zu den Gerätschaften. Zweimal im Jahr wird der 16-mm-Projektor angeworfen. Um Weihnachten werden Klassiker gezeigt, die immer seltener zu bekommen sind. Dieses Jahr hat sich Rosi für „neue Klassiker“ entschieden, es gibt eine Auswahl aus der Filmografie des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki. Der soll mal gesagt haben: „Ich bin ein klassischer Mann, der klassische Filme macht.“

Und so ist Elisa Rosi wohl eine klassische Cineastin, weil sie die Frage nach dem einen Lieblingsfilm abwehrt: „Ich habe eher Lieblingsbilder und Szenen, die meine Bildwelt wechselnd prägen.“ Der Vorspann von Pier Paolo Pasolinis Große Vögel, kleine Vögel (1966), die Ausstattung in Stanley Kubricks Filmen, Greta Gerwig tanzend auf die Noten von David Bowies Modern Love in Frances Ha (2012) und Denis Lavant tanzend auf dieselben Noten in Mauvais Sang (1986) etwa. Und, ja, Shoshanna Dreyfus alias Emmanuelle Mimieux in Tarantinos Inglourious Basterds – die Filmvorführerin, die ihr eigenes Kino in die Luft sprengen lässt, um die dorthin gelockten Nazis zu treffen.

06:00 11.01.2017
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