Karen Duve statt Frankreich

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Die Griechen waren schon immer konsequent, wenn es um die Dekoration ihrer Taverne geht. Landestypisch reichte da nicht, traditionell musste auch immer die Hochkultur dafür herhalten, wohl wissend vielleicht, dass nicht eben die Küche das Land berühmt gemacht hat. Obligatorisch also hat irgendein Onkel die Akropolis an die Wand aquarelliert, ein anderer Büsten hingestellt, hinten in der Ecke die umgefallene Säule, Fischernetze bieten Intimität. Willkommen im Poseidon, nur wer eigentlich geht noch zum Griechen. Der Italiener dagegen probiert es oft mit Schwarz-Weiß-Fotografien von Sophia Loren oder wie heißt der Pfarrer und sein korrupter Bürgermeister gleich. Man sitzt für gewöhnlich wie auf einer Piazza, also die Wände haben handelsübliche Patina, eine Wäscheleine baumelt über den Köpfen, rot-weiß karierte Tischdecken und unvermeidlich: Öl, Essig und die angeberisch große braune Pfeffermühle auf dem Tisch.

Chez Maurice heißt ein Franzose im Berliner Bötzow-Viertel und allein der Vorname mit Präposition stellt klar, derlei Firlefanz hat das savoir vivre Land wirklich nicht nötig. "Gehen wir zu Maurice", sagt man und sieht sie gleich vor sich, die Jean-Pauls und Mariannes aus vielleicht Francois Ozon Filmen, die stundenlang am Tisch sitzen und gestikulieren, essen, flirten, rauchen, trinken, ihre verstrickten Beziehungen existentialistisch aufarbeiten, sich hin oder her später doch noch sexuell arrangieren, der Freund der Freundin, ein Durcheinander jedenfalls, Sie wissen schon. Chez Maurice heißt einfach, die Franzosen sind lässiger und die Französin sieht dann hinreißend aus, wenn sie unglücklich ist.

Bei Chez Maurice steht in Deiner Vorstellung noch der Patron (Hercule-Poirot-Schnauzer) hinterm Tresen und fragt Dich, comme toujours? Und Du denkst,Dein Leben ist zwar nicht schön, aber dafür ziemlich interessant. Chez Maurice heißt Leben, wo wir Deutschen nur den Abend in geselliger Runde kennen.

„Fermez la porte!“ hatte der Kellner mit diesem klassischen arroganten Charme geranzt, als wir hereingetreten waren und anders als früher waren wir nicht ganz so glücklich, weil es eben nicht wie früher war in Paris oder sonst wo in Frankreich. Wie oft hatte man in ziemlich korrektem Französisch etwas bestellt und war ehrfürchtig gewesen, hatte gewartet, ob der Kellner einmal nicht uns den Rücken zukehrend, murmelnd etwas vermutlich Abfälliges sagen würde. Und dann der Katzentisch, unwirsch dazu der Kommentar zu unserem Entsetzen, man sei halt belegt, kam man nichts machen, comme vous voulez. Um Himmels willen, dachte man (siehe oben), wir müssen jetzt dennoch jeden Eklat vermeiden, verhandelte mit dem Chef und nahm den dann doch gnädig noch frei geräumten etwas größeren (Personal)-Holztisch.

Die Karte hatte canard, loup de mer, escargots, so distinguiert mit Retrocharme irgendwie. Wir wählten und sahen gerne ein, dass zu Ente UND Blutwurst UND Fisch eigentlich nur dieser eine rote Wein aus der war es die Bourgogne passte, und auch der konnte nur mit größten Bedenken, wirklich, eigentlich lieber nicht, aber wenn, comme vous voulez zum Fisch empfohlen werden. Dann stutzte ich. Hatte mein Schwiegervater gerade gesagt, Entenstopfleber käme schon lange nicht mehr auf seinen Teller? War das dahinten nicht die Duve? Und Moment, der da drüben, mit der Nickelbrille, Jonathan Safran Foer? Was machte die Radisch an einem Mittwoch in Berlin? Alle auf Lesereise? Das Essen war anständig fettreich, schmeckte, wie soll man es ausdrücken, unzeitgemäß, weil man später eben nicht noch auf einen Treck mit Maria Furtwängler muss. Eigentlich lag es schwer im Magen. Wir brauchten also den Calvados, nicht nur deshalb, das alles, es war so aufgesetzt.

20:56 11.02.2011
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