Krieg den Datschen!

Die Helikoptermutter Freitags in Berlin fährt Hinz mit Kunz zur Datsche. Oder. Tut mal nicht affig: zum sanierten Vierkanthof
Krieg den Datschen!
Alles Datscha

Foto: Hans Blossey/Imago

Datscha sagt man auf Russisch. Die Bezeichnung für ein Wochenendhaus auf dem Land gehört zu den russischen Wörtern, die in den DDR-Wortschatz eingegangen und bis heute geblieben sind. Vor den Toren Berlins, in der Uckermark, nennt so ziemlich jeder eine Datscha sein eigen, beziehungsweise, jetzt tut mal nicht so affig, öfter ist es mehr ein Vierkantgehöft. Freitags fährt der Hipster, das alte Ensemble der Volksbühne, die neue Boheme, kurz: Hinz mit Kunz zum Zweitwohnsitz. Rasch die Shabby-chic-Decke auf den Tisch, (letztens hat die Glut der Zigarette einer exaltierten Schauspielerin ein Brandloch hinterlassen), später gibt’s Brot vom vorletzten Ostbäcker der Stadt, von dem man den Besuchern zum x-ten Mal erzählen wird, wo Bartel sein Brot kauft. Warum ich lästere? Weil wir keine Datscha haben. Krieg den Datschen!

Wieso sagt man nicht Datscha, mit a am Ende, wie man es im Russischen schreibt? Weil Datscha auf Russisch wie Datsche klingt. Die besonders seit den 1920er Jahren weitverbreitete Schrebergartenkultur gelangte in der DDR zu neuer Blüte. In der DDR soll es etwa 3,4 Millionen Datschen gegeben haben, angeblich die weltweit höchste Dichte an Gartengrundstücken. Aha? Vom Immobilienmarkt aus gesehen, gibt es de facto dann weniger „Wendeverlierer“. Weil: Manch einer hat heute noch die DDR- Datsche. Oder das Grundstück veräußert. In S-Bahn-Nähe zu Berlin für um die 149.000 Euro.

Auch im Westen war der Schrebergarten beliebt. „In einer Zeit, da jeder zweite Bundesbürger in einer Etagenwohnung lebt,“ vor allem in Familien mit Kindern, „die die Nachteile der zunehmenden Verdichtung im Städtebau ganz besonders spüren“. Ökologischer Sozialismus: „Gut zwei Millionen Bundesbürger verbringen ihre Freizeit auf meist von Kommunen und der Bundesbahn gepachteten Parzellen“, schrieb der Spiegel 1979: Wem sagst Du das, Spiegel, im Jahr 1979? Uns geht’s 2018 genauso. Wir würden uns sehr gern ab und an mal aus dem Waldweg gehen.

Wer einmal einen Dauergarten ergattert habe, genieße den „weitgehenden rechtlichen Schutz vor Preiserhöhungen und Kündigung“. Es sei denn, eine Autobahn musste da durch. Heute, siehe Die Stadt als Beute (Andreas Wilcke, 2016), wird die Kolonie vielleicht an einen skandinavischen Investor verhökert. Der baut hochpreisig für die native speaker der Stadt, die Chris Dercon nicht in die Volksbühne locken konnte ... aber, ich drifte ab, in meiner Hängematte, die in meinen Träumen zwischen zwei Birnbäumen befestigt ist, direkt neben dem Haus von Botho Strauß oder dem von Martenstein, oh Schreck!

Krieg den Datschen! Die Uckermark ist aufgekauft! Neulich haben wir uns eine zur Miete angesehen, nahe am See, die Nachbarn: keine Datschenmenschen, Einfamilienhausleute, wie in einem Tatort. Und auch: Will man neben Bodenversieglern wohnen? Neoromantisch: 250 Euro Miete im Monat, kein fließend Wasser, Sägemehlklo, die Zufahrtswege werden demnächst zubetoniert. Im Grunde reinste Datschenspekulation.

„Petersburg ist leer im Sommer“, notierte schon Puschkin nicht ohne Wehmut. Die Datscha feierte er dennoch als soziale Utopie – gab ja genug zum Trinken. Auch Tschechow hatte ein ambivalentes Verhältnis zur Datsche, wie man in Marina Rumjanzewas Auf der Datscha (2009) nachlesen kann. Bekannt ist die Sehnsucht nach der Stadt von einer der Drei Schwestern. Sie rief: „Nach Moskau! Nach Moskau!“

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 05.06.2018
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