Lesefieber

Die Helikoptermutter Viele freuen sich im Urlaub auf ein gutes Buch. Mein Sohn sieht das anders. Jetzt haben wir einen Deal
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Das Kind unserer Kolumnistin ist nicht allein: Nintendo-Switch-Fans auf der Comic-Con

Foto: Michael Kovac/Getty Images

Freunde brachten aus dem Urlaub folgende Räuberpistole mit: Sie hätten Tablets und all das Teufelszeug zu Hause gelassen, bis auf den E-Book-Reader. So wäre dem Kind nichts anderes übrig geblieben, als zu lesen. Und das Kind habe dann nach jenen Momenten unfassbarer Langeweile einen Wälzer nach dem anderen gelesen, die Tintenwelt-Trilogie, sagenhaft!

Wir stattdessen hatten natürlich wieder alles falsch choreografiert. Hatten zwei Wochen lang ausgeschlafen, dann Espresso gemacht und waren zurück ins Bett zum Lesen gegangen, während die Kinder in aller Ruhe die Videobibliothek in der Ferienwohnung durchguckten, darunter tolle Sachen, den Film Krieg der Knöpfe, der auf dem Kinderbuchklassiker von Louis Pergaud aus dem Jahr 1912 basiert. Und hey, dafür drückten wir noch ein Auge zu, denn es war nicht das Original aus dem Jahr 1936 oder 1962.

Bis mittags mäanderte die Zeit, die Kinder waren derweil nonstop in Action, es musste ja auch die Performance bei Clash Royale verbessert werden, wo diverse Barbaren und Baby Dragon, Riesen und Hexen in „epischen Clankriegen“ kämpfen, (mit Ton aus, also herrlich, diese Stille).

Eine Woche vor Schulbeginn kündigten wir an, dass ab Montag aber wieder andere Saiten aufgezogen würden: ganz klar festgelegte Medienzeiten! Müßig zu erwähnen, wie das alles gar nicht klappt bisher. Denn eine weitere Pandora-Büchse hatten wir bereits geöffnet, wir hatten dem Kind ein ausgedientes Handy zum Geburtstag geschenkt. Gedacht als sogenanntes Nothandy für das Schlüsselkind, während die Eltern auf Arbeit sind, nur – das sogenannte Nothandy wurde schnell zur nächsten Plattform für weitere unautorisierte Mediennutzung.

Abends beim Wein mit einer netten Mutter. Gebannt hört man zu, wie sie die Software erklärt, mit der die Mutter das Medientreiben von ihrem Kind in Echtzeit statistisch auswerten kann, also was und wie lang. Big mother is watching you. Das beste Gadget: Sie kann dem Kind mitten in einer Clash-Royale-Runde den Saft abdrehen. Vom Schreibtisch aus.

Apropos Medienkontrolle. Wenn das Kind Musik hört, schaut es ja im Grunde Youtube-Videos. Eine doofe Grundsatzdiskussion wird das immer. Stilbildung in Sachen Musik haben wir längst aufgegeben. Dann eben die Lochis, die sind gar nicht so blöd, (wenn schon die SZ die berühmten Zwillinge aus Hessen porträtiert). Sie sind streng genommen pickelige Streber, die Justin Bieber, Cro oder das heimliche Spielen vom gemeingefährlichen GTA (reine Erwachsenenunterhaltung mit Anspielungen auf Facebook und Terror) veralbern. Es sind Parodien, die der Kleinere nicht komplett versteht. Er schafft es, gleichzeitig Fan der Lochis und von Justin Bieber zu sein. Für mich sind die Lochis meine armselige Steilvorlage, den Jungs zu sagen, dass man schon irgendwas können muss, selbst wenn man nur Youtuber werden will.

Anyway. Der heißeste Sch... ist gerade die Nintendo Switch, der Große will sie unbedingt haben. Sörens Mutter hat neulich gesagt, dass Sören eine Nintendo Switch bekommt, wenn er 18 Bücher liest. Für eine Nintendo Switch würde mein Kind auch 18 Bücher lesen, es macht sich sofort noch um 21 Uhr an eine Liste, Donald Duck würde als Erstes verschlungen. „Aber das ist ein Comic!“, sage ich. Diskussion. Tränen. Das wird nichts. Die Helikoptermutter beschließt, dieses Bildungsbürger-Kapitel zuzuklappen, sie sagt: „Okay. Du musst dafür sparen.“

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 30.09.2017
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