Machen diese Bücher uns fit für die Zukunft?

Lehre Wer über Schule schreibt, schreibt gern vom „Bildungsnotstand“. Woraus besteht der? Wir haben mal reingelesen
Machen diese Bücher uns fit für die Zukunft?
Wenn sie nicht zum Lernen taugen, wissen Kinder, wie man Bücher sonst noch vielseitig einsetzen kann

Foto: Carl Court/AFP/Getty Images

Ach du liebe Zeit, da platzte der Zeit, die mit reformpädagogischen Konzepten im Allgemeinen ja eher sympathisiert, neulich aber der Kragen: Genug mit den permanent schlechten Zeugnissen für das hiesige Bildungswesen, befand Bildungsexperte Thomas Kerstan, die die üblichen Verdächtigen auf dem Bildungsbuchmarkt mal wieder ausstellen. Diese „gebildeten und einflussreichen Autoren“ beförderten jenen „Bildungsnotstand“, den sie zu beklagen vorgäben. Was Kerstan dennoch einräumte: dass beispielsweise zu viele „der acht Millionen Schülerinnen und Schüler mit 15 nicht richtig lesen und rechnen können“. Er konzedierte auch den „schleppenden Einzug neuer Technik in die Lehranstalten“, womit er sich als einer derer erwies, die die digitale Transformation der Schule nicht kritisch hinterfragen. Gerade diese Transformation ist es aber, die von den inkriminierten Autoren für eine der großen Fehlentwicklungen im Bildungswesen gehalten wird. Während Kerstan sich vor allem über die tatsächlich alarmistischen Titel der Bücher aufregte und diese mit deren weitaus unaufgeregteren Inhalten einfach kurzschloss, wurde auf zeit.de das neue Buch des „Thilo Sarrazin der Erziehung in Deutschland“, Michael Winterhoff, ausführlicher verrissen.

Berühmt und berüchtigt wurde Winterhoff mit Warum unsere Kinder Tyrannen werden (Goldmann 2009) . Schon damals teilten nicht alle die Diagnose des Bonner Kinder- und Jugendpsychiaters, nämlich dass die eklatante Zunahme an Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen – quer durch alle sozialen Schichten – vor allem am zunehmend fehlenden Selbstverständnis von Eltern liege, die in einer nervösen Welt zu wenig Orientierung böten, weshalb ihre Kinder immer öfter allen auf der Nase rumtanzten, immer häufiger ADHS etc. entwickelten. Der Vorwurf: Winterhoff sei antiquiert, er wolle die autoritäre Erziehung zurück. Etliche Bücher später erschien kürzlich Winterhoffs aktuelle Diagnose: Deutschland verdummt: Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut (Gütersloher Verlagshaus 2019), es wird als bestverkauftes Buch unter anderem in der Kategorie „Bildungspolitik“ geführt.

Arbeitsblatt-Austeiler

Was Winterhoff einmal mehr umtreibt: Die Schulpolitik erwarte von der Lehrern und Erziehern, dass sie sich als „Lernbegleiter praktisch unsichtbar“ machten. Ein „ganzer Berufsstand wurde zu Arbeitsblatt-Austeilern und Formblattausfüllern degradiert“. Zweifelsohne gibt es auch in diesem Buch Winterhoffs zu viele Ausrufezeichen, und ja: Manche Thesen wiederholen sich. Aber aus der Luft gegriffen sind sie deshalb nicht. Der Autor rauft sich wohl nach wie vor die Haare angesichts einer deutschen Bildungspolitik, die aus Fehlentwicklungen immer noch den falschen Schluss zieht: Mehr davon! Nur besser! Dass sich aber der sogenannte schülerzentrierte Unterricht aus entwicklungspsychologischer Sicht als eher wenig förderlich für Schüler erweist, sich übrigens geradezu fatal auf Kinder aus bildungsfernen Schichten auswirkt, ist schon länger kein Befund mehr, der als reaktionär abgeschmettert werden kann.

Das Dilemma ist auch: Junge Lehrer lernen an der Uni die reformpädagogischen Konzepte lieben und stellen dann später in der Praxis fest, dass das alles nicht so super funktioniert. Nicht mit dem Personalschlüssel in Zeiten des Lehrermangels, nicht bei dem Lärmpegel. Denn das seit Jahren propagierte Konzept des offenen Lernens ist auch laut, und Lärmschutzkopfhörer zur Abhilfe sind eine bizarre Lösung. Romantisch bleibt die Idee, dass Kinder freiwillig lernen, was Mühe macht. Zum Beispiel Vokabeln. Und natürlich hapert es mit dem Schreiben, wenn Diktate als autoritäre Praxis verpönt sind, deshalb aus dem Curriculum gestrichen wurden.

Der nächste Pisa-Test kommt bestimmt. Es hilft also wenig, wenn argumentiert wird, dass das eigenverantwortliche Lernen nach Lernzielen mit einem Lehrer, der nur begleitet und kaum noch anleitet, überhaupt nicht flächendeckend praktiziert wird – die flächendeckende Einführung ist ja nach wie vor politisch gewollt.

Interessierten Lesern sei Hans Peter Kleins Abitur und Bachelor für alle – wie ein Land seine Zukunft verspielt (zu Klampen 2019) empfohlen Der Didaktik-Professor zeigt darin auf, wie drastisch sich das Studium auf Lehramt gewandelt hat und was es für Folgen hat, wenn etwa die Mathematik aus dem Unterricht verschwindet, zugunsten einer kompetenzorientierten Schülermathematik. Er widerspricht dem Argument, dass Mathematik im Abiturkanon überbewertet sei. Grundlegende Mathematikkenntnis brauche man sogar im Fach Psychologie. „Noch bis zum Ende des letzten Jahrhundert war es üblich“, schreibt Klein, „dass Lehramtsstudenten aufgrund ihrer umfangreichen Ausbildung auch eine Promotion anstreben konnten.“ Aufgrund des Lehrermangels und aus politischen Gründen habe man jedoch in mehreren Ländern wieder das „Konzept des Einheitslehrers“ hervorgekramt. Klein warnt, dass klassische Fächer wie Biologie immer mehr interdisziplinär in Kombifächern wie „Natur und Technik“ aufgingen. Er beklagt insgesamt eine Entfachlichung der Fächer.

Das alles ist nachdenkenswert und diskussionswürdig. Thomas Kerstan von der Zeit fiel aber zu Jürgen Kaube auch nicht viel mehr ein als der Hinweis, dass die Frage Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder? eine rhetorische sei und das Buch „Geraune“. Nun, in einem Deutschunterricht, wie Kaube ihn sich vorstellt, würden die Schüler auch eine Idee davon gewinnen, was eine gute Glosse von einer billigen unterscheidet. Die spannendste Frage in seinem Buch bleibt unerwähnt: Sollte Schule nicht etwas anderes bieten als zweifelhafte Aufstiegsversprechen oder „fit zu machen für die digitale Zukunft“? Braucht man Bildung, um „nationalen Wohlstand“ zu sichern? Ist Schule überhaupt der richtige Ort, wo politische Versäumnisse in der Sozialpolitik, bei Integration und Inklusion ausgeglichen werden können?

Kerstan ist übrigens selbst erfolgreicher Buchautor. Zuletzt erschien Was unsere Kinder wissen müssen (der Freitag 36/2018). Ein Kanon. Kennen müsse man Bachs Weihnachtsoratorium oder Dylans Like a Rolling Stone. Aber „kennen“ ist nicht wissen. Lehrer fördern im besten Fall gerade nicht nur schnöde die Akkumulation von abfragbaren „Inhalten“, sondern schulen so etwas Wertvolles wie die eigene Urteilskraft.

06:00 02.07.2019
Geschrieben von
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

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