„Meinst du die Horrorhabsburgerin?“

Die Helikoptermutter Wie blöd wird es wohl? Mit Angstlust zum Elternabend
„Meinst du die Horrorhabsburgerin?“
Die Ruhe vor dem Sturm? Elternabende sind vielen ein Graus

Foto: Josep Lago/AFP/Getty Images

Es ist diese Angstlust, die viele im Vorfeld des ersten Elternabends nach den Sommerferien verspüren, es gibt nur keiner zu. In der Klinischen Psychologie ist die Angstlust „eine zwiespältige Gefühlslage“, bei der aus einer „bedrückenden Angstphase oder aus dem erfolgreichen Überstehen ein erregendes Erlebnis erwächst“.

Klinisch? Was heißt das? Ach egal, mir ist wichtig, dass der Alltag funktioniert. Was mich angeht, ich spüre jedes Mal eine seltsame Vorfreude. Ich frage mich, wie blöd der Elternabend konkret wird, inklusive des nicht geringen Risikos, dass man sich selbst blamiert.

Neulich, beim Elternabend vom Großen, flippte ein Vater erst aus, als wir beim Stichpunkt Herbstfest angelangt waren. Zum letzten Fest hatte er seine Zuckerwattemaschine zur Verfügung gestellt, und keiner von uns ignorantem Elternpack war zum Dienst gekommen. Volle Klassenkasse, er mit Sehnenscheidenentzündung und Riesenhals, nun, ein Jahr später, erfuhr man davon. Dass es sich um ein Missverständnis handeln könnte, konnte selbst die Elternsprecherin mit viel Mediation nicht rüberbringen. Der Mann hatte sich in einen Furor geredet, zum Glück rief ich nur in Gedanken: „Steck dir doch deine Zuckerwatte an den Hut!“

Beim Elternabend vom Jüngeren noch mehr pikantes Futter für die Angstlust: Ich wollte Elternsprecherin werden. Aber dafür keinesfalls die Hand heben, falls die Lehrerin fragt, wer sich zur Kandidatur stellt. Der Elternsprecher ist ein äußerst undankbares Amt ohne jedes Prestige, man muss sich also bitten lassen. Folge: Ging ohne Amt nach Hause. Dafür mit einem Eklat. „Meinst du die Horrorhabsburgerin?“, fragte der Mann, als ich ihm alles brühwarm erzählte, und ich dachte, Xenophobie rules in diese Richtung heute, sehr okay. Die Horrorhabsburgerin ist eine Österreicherin, die ständig Bewährtes nassforsch in Frage stellt. Sie hatte vorgeschlagen, das traditionelle Grillen zum Elternkennenlernen in ihren privaten supergroßen Garten zu verlagern, in dem Kinder- und Jugendclub sei man „ja nie so ganz unter sich“. Die Yeah!-Sager der Klasse fanden es „voll nett“, dramatisch unterschätzend, wie die übergriffige Österreicherin das Elend der Gentrifizierung verkörperte, samt unser aller Ignoranz, weil wir manchmal einfach gar nichts mehr merken, zum Beispiel, dass wir damit der Lehrerin vor den Kopf stoßen.

Einzig ich schien den Affront klar und deutlich zu sehen, befand mich aber in einem Dilemma. Ich wollte ja zur Elternsprecherin berufen werden, durfte also jetzt auf keinen Fall durch Querulanz auffallen! Also bloß nicht den voll nett gemeinten Vorschlag der Horrorhabsburgerin hinterfragen und an die alten Werte der Schule erinnern! Waren hier Ähnlichkeiten zu Martin Schulz und seiner SPD?

Das erinnere sie an ein Weihnachtsbasteln, erzählt mir meine Bekannte S., mit der man solcherlei Dinge erörtern kann, „diese Horrorhabsburgerin erinnert mich an eine Mutter, die, kein Scheiß, mit ihrem grauen 100-Prozent-Seide-Hosenanzug, den sie nicht mehr trug, zum Weihnachtsbasteln kam, fertig zum Zerschneiden. Ein Jahr später, es war EM, die Klasse traf sich zum Abschluss der Klassenfahrt samt Eltern auf einem Marktplatz in der Provinz, wollte sie spontan mit ihrem Mann eine Leinwand im Mediamarkt kaufen, weil die da nur einen Fernseher zu stehen hatten. Und keiner sagte etwas!“

Ich beschloss, nächstes Mal hebe ich die Hand, getrieben von Angstlust. Könnte ja sein, dass doch mal eine Querulantin gewählt wird.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 11.11.2017
Geschrieben von

Kommentare