Nicht die Ordnung macht uns kirre

Die Helikoptermutter Unsere Kolumnistin räumt auf, bevor das neue Schuljahr losgeht
Nicht die Ordnung macht uns kirre
„Ordnung ist das halbe Leben“, lautete einst der Kleinbürgerschreck von Spruch
Foto: Photothek/Imago

Die Sommerferien sind fast vorbei, und wer jetzt noch keine Bücher für das nächste Schuljahr bestellt hat, der kommt zu spät, den bestraft die Buchhandlung, kein Wunder, wenn der Junge mal ein Studienabbrecher wird, weil er in so einem planlosen Haushalt aufwächst! Besser also nichts wie hin zum Laden, dem man jetzt Umsatz bringt. Und sich nun wundert, dass die Buchhändlerin die Bestellung nicht allzu überschwänglich entgegennimmt. „Hallo?! Ich könnte auch im Internet bestellen?!“ Egal, übermorgen sind die Bücher da.

„Ordnung ist das halbe Leben“, lautete der Kleinbürgerschreck von Spruch und dagegen hatte man, als die Türen weit offen standen und alles (bis auf die Buchhändlerlehre) möglich schien, natürlich rebelliert. Die profane Tugend überzeugte später: Mit etwas Ordnung geht einfach auch weniger kaputt oder verloren. Weshalb die Helikoptermutter noch heute die Federtasche vom Kind inspizieren wird, höchstwahrscheinlich fehlt ja wieder die Hälfte! Wie soll sie dem Kind endlich klarmachen, dass „kreatives“ Chaos ein billiges Argument für noch mehr Konsum im Büromaterialkapitalismus ist?

Die Helikoptermutter denkt jetzt über ihr abgebrochenes Studium nach, ihre Notizen der Vorlesungen in Osteuropäischer Geschichte waren damals total unordentlich. Hätte sie gewusst, dass man Ordnung nicht nur politisch, sondern auch philosophisch begreifen kann, als einen Spiegel der inneren Ordnung, das Studium wäre anders gelaufen. Kurz: Wenn es ihr nicht zu blöd wäre, würde sie sich heute sogar einen Seneca an den Kühlschrank heften: „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern es ist unsere Meinung über die Dinge.“ Denn seit Jahren bemerkt die Mutter finster, dass das klassische Schulbuch ausgedient hat. Vorbei die Zeit, als die Mutter das Buch noch ordentlich und rundum erfüllt von dieser Tätigkeit mit Zellophan einschlug, man sogar den Weltatlas vererben konnte; nicht jeden Tag fiel schließlich eine Mauer oder wurde ein System von einem anderen abgelöst.

Das Kind arbeitet heute vor allem mit Arbeitsheften, die es zudem meist nur halb vollschreibt, weil der Lehrer zusätzlich die bewährten Arbeitsblätter in Kopie verteilt, die das Kind in eine bald knittrige Kladde heftet, dann in die Schulmappe stopft. Ständig fragt sich die Mutter, woher das Kind diesen Mangel an Sorgfalt hat, ertappt sich dabei, zu denken, er ist halt ein Junge.

Das Arbeitsheft ist auch deshalb halb voll, weil viele Stunden ausgefallen sind, worüber sich die Mutter nicht beschwert. Sie ist froh, dass das Kind an dieser Schule zum Beispiel das Schreiben nicht nach Gehör lernt. Und mit größerer Genugtuung verfolgt sie, wie Deutschlands Schulen gerade reumütig zur Grammatik zurückfinden. Grund für das Verschwinden des Schulbuchs ist nämlich auch das von der Helikoptermutter gefürchtete reformierte Lernen in all seinen Variationen. Sie bevorzugt die Oldschool, in der alle Kinder in einer Schulstunde machen, was der Lehrer sagt, also zum Beispiel Aufgabe 3 im Buch auf Seite 27 (bis auf einen Torben, der nix versteht). Die Helikoptermutter kann dann, wenn es ihr Torben ist, beim Lehrer nachfragen, was zu tun wäre. In der reformierten Schule muss der Lehrer mit dem Lernstand der Kinder jonglieren und gleichzeitig Torbens Mutter beschwichtigen, (deren Sorgen aber vollkommen berechtigt sind). Die Schule vom Kind hat sich sanft rebellisch gegen so manchen Reformquatsch gestellt. Die Helikoptermutter ist sehr froh darüber.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 30.08.2017
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