Ruhig, Blauer

Privatschulen Das Kind eines AfDlers wird von einer Waldorfschule abgelehnt. Ein Skandal? Mal langsam!

Wie oft wird er wohl in seinem Leben gefragt, der (ehemalige) Waldorfschüler, ob er denn auch seinen Namen tanzen kann? Am besten, man zählt die Witze, die man selbst schon gemacht hat. Über Waldorfschüler wird gern gelästert wie sonst nur noch über Hardcore-Veganer oder bloggende Feministinnen. Zu denken gibt, dass manche immer dann ihren Senf dazugeben, also ihre starke Meinung gegen jetzt zum Beispiel die Spielarten der Reformpädagogik oder Privatschulen ganz grundsätzlich vertreten, wenn es scheinbar ums Ganze geht, so (gesellschafts)politisch.

Womit wir bei den Rechtspopulisten wären. Unter dem verschärften politischen Klima leiden inzwischen die Schulen, immer öfter hört man vom Schulfrieden, der gestört ist oder in Gefahr. Und wo Politiker einen ganzen Pressestab beschäftigen und trotzdem in Fettnäpfe stolpern, sind die Schulen für den Umgang mit der AfD überhaupt nicht gewappnet. Plötzlich steht sie mittendrin, die Schule, im Shitstorm.

Zum Skandal geriet zuletzt, dass an einer Berliner Waldorfschule das Kind eines AfD-Abgeordneten nicht aufgenommen wurde. In Wien wurde erst der Köchin Caroline Sommerfeld gekündigt, aufgrund ihrer Aktivitäten für die Identitären, danach wurde den Eltern – Sommerfelds Ehemann ist der renommierte linke Sozialwissenschaftler Helmuth Lethen – der Schulvertrag für die beiden Söhne gekündigt (mehr im Gespräch auf freitag.de). Was soll man davon halten? Fatal ist erst mal, dass selbst die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) unter Social-Media-Echtzeitbedingungen fix unter denjenigen war, die die Berliner Schule ermahnten, kein Kind dürfe ausgegrenzt werden. Die AfD muss inzwischen so einschüchternd wirken, dass eine zurückhaltende Reaktion offenbar die größere Courage erfordert. Läuft also an den Schulen für die AfD. Erst wird gestört, dann die Debatte forciert, zum Beispiel darüber, ob Freie Schulen jetzt nicht grundsätzlich auf den Prüfstand gehören. Verunsichern, Druck machen, immer haarscharf am Zulässigen oder, noch besser, sich lautstark auf Gesetze und Prinzipien berufend, so kennt man diese Leute.

Wer jetzt von „Sippenhaft“ und „Selektion“ spricht, spielt dieser Strategie in die Hände. Denn dass sich private Schulen schon immer die Schüler aussuchen, die zu ihrem Bildungs- und Wertekonzept passen, ging in der Aufregung unter, und auch, dass es eine Auswahl natürlich auch an öffentlichen Schulen gibt, schlicht, weil besonders in Großstädten nicht genügend Schulplätze zur Verfügung stehen. So verbessern Eltern die Chancen auf einen Platz an einer Gesamtschule (kein Gymnasium!) in Berlin-Prenzlauer Berg, wenn ihr Kind neben sehr guten Zensuren idealerweise ein Blasinstrument mitbringt. Tja, aber wer kann sich schon eine Tuba leisten?

Die Rede war also von „Gesinnungsterror“. Mal langsam. Es scheint, dass hier auch das Ventil für die mit Witz kaschierten Ressentiments gegenüber der Reformpädagogik geöffnet wurde. Man muss ja nur an ihren Gründer Rudolf Steiner erinnern und dessen Rassenlehre, kann dann feixen, ob nicht gerade Kinder von AfD-Eltern am richtigen Ort sind. Über die Waldorfschule, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiert, kursieren viele Storys. Die Kinder würden mit Aberglauben und Esoterik konfrontiert. Viele Klischees stimmen ja sogar, aber die Gefahr, mal ehrlich, dass hier ideologisch verstrahlte Bürger herangezogen werden, dürfte gering sein. Denn auch die Zahlen sprechen dagegen.

Recht auf freie Schulwahl

In Deutschland besuchen von den rund 10,8 Millionen SchülerInnen im Schuljahr 2015/16 nur rund neun Prozent eine freie Schule (der OECD-Durchschnitt liegt bei knapp 14 Prozent). Und den größten Anteil (23,8 Prozent) machen immer noch die Grundschulen aus. Man kann sie also nur ein paar Jahre „indoktrinieren“. Was die weiterführende Schulzeit angeht, sollte man sich eher noch über die horriblen Orthografiekenntnisse echauffieren, mit denen sich Waldorf-Absolventen angeblich zeitlebens rumplagen. Vergleicht man mit dem Niveau von Schulabgängern staatlicher Schulen, sollten sich Kritiker aber besser zurückhalten. In Waldorfschulen wird versucht, das Musische zu fördern und den Umgang mit Medien später zu lehren. Ist das verkehrt? Und was ist von Eltern zu halten, die ihre Kinder oft gar nicht primär auf Privatschulen schicken, um sie „konkurrenzfähig“ für eine ungewisse Zukunft abzurichten, sondern weil sie sie vielmehr vor Zurichtung schützen wollen, auch vor einer Bildungspolitik, die auf die totale Digitalisierung setzt, während zu Hause viele Kinder sowieso schon mehr sind als medienaffin, eher mediensüchtig? Vielleicht braucht es wirklich mehr Privatschulen, wie manche meinen. Das Argument der „Selektion“ würde wegfallen, denn es gäbe ja genügend Plätze für alle Kinder. Stattdessen würde die Position der Eltern gestärkt – die ja ein Recht auf freie Schulwahl haben.

Staatliche Schulen übrigens kopieren seit Jahren mehr schlecht als recht reformpädagogische Ansätze, Schreibenlernen nach Gehör zum Beispiel (was ja in etwa so ist, wie seinen Namen zu tanzen) oder das viel beschworene individualisierte Lernen. Womöglich besuchen immer mehr Kinder (auch die mit Migrationshintergrund und aus weniger begüterten Häusern) vor allem deshalb vermehrt Privatschulen.

06:00 28.01.2019
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