Scheiß Allmanyha

Flüchtlingsschicksal Abbas Khiders Roman „Ohrfeige“ gefällt nicht jedem. Dabei unterhält er, ohne zwanghaft zu werden, und belehrt, ohne zu moralisieren
Katharina Schmitz | Ausgabe 09/2016

Es ist der vierte Roman des Deutsch-Irakers Abbas Khider, die ersten Kritikerstimmen sind dieses Mal geteilt. „Zu schnell geschrieben, lieblos lektoriert“ befand die Zeit und meinte, dass der Autor dafür sehr gut ausschaue. Wenn die anderen Romane noch besser sind als Ohrfeige, denkt man, werden die hiernach gelesen.

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren, als 19-Jähriger verteilte er Flugblätter gegen Saddam Hussein. Er wurde verhaftet und gefoltert, verbrachte zwei Jahre im Gefängnis. 1996 floh er, lebte in Jordanien und Libyen, seit 2000 nun in Deutschland.

Über Autoren der neuen „migrantischen Literatur“, die man als Genre gar nicht so nennen will, wird man jetzt wohl oft solche Biografien lesen. Verfolgung und Flucht sind naturgemäß die Themen bei Khider. Er spielt mit der eigenen Erfahrung, heiter, ironisch und grotesk ist sein Stil, mitnichten so, wie Maxim Biller noch 2014 über „Migrantenliteratur“ im Allgemeinen schrieb: „Ihre geballte Lebenserfahrung verleugnen sie und entscheiden sich für einen kalten, leeren Suhrkamp-Ton“. War einmal und stimmte ja da schon nicht. Ist migrantische Literatur die „neue Weltliteratur“? Der Titel einer Diskussion mit migrantischen Erzählern in Berlin lautet jedenfalls so.

Während die Kritikerin noch nachdachte, wie sie über Ohrfeige schreiben soll, traf sie einen Kritikerkollegen. Man sprach über Ferienplanung und wie verdammt teuer doch so ein Familienurlaub ist. „Ihr fliegt nach Kreta?“ Vorsichtig will man wissen, ob man dort nicht konfrontiert sei mit dem Flüchtlingsdrama wie auf Lesbos etwa, wo Facebook-Freunde an Rettungswesten vorbeilaufen (die mit Styropor gefüllt sind) und Bilder davon auf Facebook posten.

Der Kritiker hat gerade über Riad Satouffs Graphic Novel Der Araber von morgen – Eine Kindheit im Nahen Osten (1978-1984) geschrieben („Sehr zu empfehlen!“). „Das Flüchtlingsthema“, sagt er verlegen, „verfolgt uns ja überall.“ Natürlich schätze er Abbas Khider, sein gefeiertes Debüt Der falsche Inder (2008) oder Die Orangen des Präsidenten (2011). Das aktuelle Buch will er nun nicht lesen – wegen der Kritiken.

Ohrfeige ist bestimmt plakativ und schnoddrig, aber vielleicht muss ein Roman so klingen, wenn sich einer etwas von der Seele schreibt, so unmittelbar und unkomponiert. Vielleicht ist uns auch das Pathos peinlich. Wir Nord-Bio-Europäer reden nicht so, weil kaum einer von uns je in eine existenzielle Not geraten ist, in der man vielleicht so redet. Das alles passiert ja jetzt. Wäre also nicht ein durchkomponierter Roman die eigentliche Sünde?

Nie die Wahrheit sagen

Khiders Protagonist Karim Mensy nennt das, was er vor seiner Sachbearbeiterin Frau Schulz von der Asylbehörde ausführt, ironisch eine „christliche Beichte“. Freilich gibt sie der Iraker auf Arabisch, erst musste er zwei Jahre auf den Deutschkurs warten, dann kam der Irakkrieg dazwischen, die Angst und die Sorge um die Daheimgebliebenen. Es ist unterhaltsam, wie Khider die Gemengelage zwischen Kriegsbefürwortern, Bush-Hassern, Palästinenser-Omas und Punks auf einer Demo beschreibt. Karim hat Frau Schulz gefesselt, vermutlich nur in einem Albtraum. Er hat sich einen Joint angezündet und erzählt nun seine Geschichte.

In Bayreuth fing alles an, vor dem Zweiten Golfkrieg, vor 9/11. Auch das ist witzig, weil Karim erst Beirut verstand. Endlich war er angekommen, er hatte nur keine Ahnung wo, nach dieser Flüchtlingsodyssee, die ihn eigentlich nach Paris zu seinem Onkel bringen sollte. Man muss Abbas Khiders Sinn für Witz und Situationskomik betonen, denn er konterkariert das Klischee vom „Flüchtlingsroman“. Ich selbst habe um Jenny Erpenbecks Gehen, ging, gegangen einen Bogen gemacht, bitte keine didaktische Literatur! Dazu die erdrückende Weltlage, Flüchtlinge nebenan in der Turnhalle. Man tut sein Bestes, umschifft (leidlich) moralische Konflikte, bangt ganz profan um die Zukunft der eigenen Kinder. Wieder ein Anschlag in Istanbul. Clausnitz. Bautzen. Will man auch noch Romane über all das lesen?

Nein, und doch liest man natürlich in diesem Roman vom Alltag des Flüchtenden und von seinem Schicksal. Karims Zimmergenossen, später im Asylbewerberheim in Niederhofen an der Donau, fragen nach den Asylgründen. Fahnenflucht, antwortet Karim, was gelogen ist, in Wirklichkeit hat er ein „Luxusproblem“ von der Sorte‚ das nicht nur für „den Westen“ reserviert ist. Ihm sind nämlich seit der Pubertät Brüste gewachsen – man kann sich vorstellen, wie das ist, damit im Irak zu leben, oder in einem Flüchtlingsheim.

Fahnenflucht? Die Zimmergenossen sind fassungslos, besonders Rafid: „Ich sag dir mal was: Du musst dir eine komplett neue Lebensgeschichte einfallen lassen ... Die Grundregel ist: niemals die Wahrheit sagen! Sag, dass du mit der Opposition zusammengearbeitet hast. Der Staat sucht dich seit Jahren ... Ist ja nicht so, als würde Saddam für jeden eine Akte anlegen und eine Kopie davon an alle Asylländer schicken.“ Oder schwul zu sein wäre auch eine Idee, lachen später alle drei an einem Abend im „Christenblock“ des Heims. Man trinkt Weihwasser mit Schaum (Bier), es gibt den famosen Ärger zwischen Ethnien und Religionen, manche sind einfach nicht nett (die H&M-Bande), manche machen krumme Geschäfte, es gibt Prostitution. Über allen schwebt das Damoklesschwert. Wird Asylrecht gewährt, wenigstens eine Duldung? Bei manchen hängt das Schwert tief. Es droht die Abschiebung.

Nach schlaflosen Nächten erzählt Karim schließlich eine Geschichte, die er sich angeeignet hat, für die er nicht allzu viel erfinden musste, es ist die Geschichte seines ehemaligen Schulkameraden Meki, der Flugblätter gegen Saddam Hussein verteilt hat. Und dann spurlos verschwand.

Heute will man Syrer sein

Karim erscheint seine Vergangenheit mit einem Mal albern und nichtig. Dabei hatte er wie alle Iraker so viele schreckliche Dinge erlebt, „dass sie für mehrere Leben gereicht hätten“. Nur, dass sie noch lange kein Asylgrund sind. Auch nicht die Brüste. Und so wirkt der Roman auch ohne aufgesetzte Didaktik erziehend auf den Leser: Völlig nachvollziehbar erscheint einem nun, dass es im existenziellen Interesse jedes Flüchtlings liegt, sich selbst (je nach Asylrechtslage) neu zu erfinden, seine Lebensgeschichte oder Nationalität zu „fälschen“ (was auch immer das heißt).

Wen kann es wundern, wenn sich Kurden als Araber verkaufen oder Palästinenser im Flüchtlingsheim nach Sehenswürdigkeiten in Bagdad fragen, um später als Iraker durchzugehen. Während des Golfkriegs gaben sich sogar Syrer als Iraker aus. Ein Irrsinn, und logisch, dass heute Asylbewerber Syrer sein wollen.

Und wir? Wir sprechen von Scheinasylanten oder heute von Asylmissbrauch, von sicheren Herkunftsländern. Khider erzählt, wie die Praxis eines Asylbewerbers aussieht. Die Lüge ist ein Kavaliersdelikt, man will sich sofort solidarisieren (solange der Lügner ein netter Mensch ist). Ohrfeige will nicht auf Teufel komm raus der große Flüchtlingsroman sein, kann man sagen. Warum die Iraker „Scheiß auf Deutschland“ (Charab Allmanyha) sagen, muss man unbedingt nachlesen, die Erklärung ist lustig, und wir sind gar nicht gemeint.

Info

Ohrfeige Abbas Khider Hanser 2016, 224 S., 19,90 €

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06:00 16.03.2016
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