Sind alle Küchenmotten tot?

Die Helikoptermutter Von Zwangsneurosen, ungeliebtem Ungeziefer und südeuropäischen Wolldecken
Sind alle Küchenmotten tot?
Vergrößerung macht die Bettwanzen auch nicht sympathischer

Foto: UIG/Imago

Die Zwangsneurotikerin auf dem Feld der Hygiene – eine häufig vorkommende Nebenspezies der Helikoptermutter – ist Profi darin, ihre Marotten zu verstecken. Im Gesicht steht: Alles unter Kontrolle! In Wahrheit ist sie oft schon morgens eine gequälte Natur: Wie sicher ist es, dass wirklich alle Küchenmotten erledigt sind, nur weil seit Wochen keine einzige mehr zu sehen war? Jedenfalls bis auf den bräunlichen Falter in der lauen Sommernacht, den sie nicht zweifelsfrei bestimmen konnte, der dann aber weg war.

Jeder hat mal Motten gekriegt, aber nur wenige sprechen zwanglos drüber. Denn es sind zwar harmlose Plagen, aber sie stehen für mehr. Sie sind ein Symptom unserer Neurosen, die wir (seit die Politik den Begriff ins Bewusstsein gebracht hat), zum „Kontrollverlust“ adeln.

Schön also, wenn sich mal eine verwandte Neurotikerin zu erkennen gibt. Neulich gestand mir die Bekannte mit Bezug zur Punk-Szene (!), dass ihr der Gedanke an Bettwanzen die Ferien, Pardon, madig gemacht hatte. „Ihh!“, schrie man motivierend und konnte endlich in geschützter Atmosphäre loswerden, dass der krustenartig verkalkte Wasserhahn im Bad der Ferienwohnung einfach ekelhaft war. Unangenehm auch diese Marotte aus wärmeren Gefilden, fuhr man fort: uralte Wolldecken auf den Betten, die in keine Waschmaschine passen, demzufolge niemals gewaschen würden. Man sei in den nun schon etwas kühlen Nachsaisonnächten also sehr damit beschäftigt gewesen, die Wolldecke nicht direkt zu berühren, hatte das weiße Laken immer bis zum Kinn gezogen. Aber was war passiert, während man schlief?

Die Literatur kann hier etwas Trost spenden: Der preisgekrönte Schriftsteller Eugen Ruge berichtet in seinem Buch Cabo de Gata von ähnlichen Qualen mit der Wolldecke. „Wovor ich mich auch fürchte“, setzte ich (inzwischen hysterisch erheitert, weil wieder zu Hause) noch eins drauf: „Unters Bett zu schauen! Auch nicht am Abreisetag!“

Man kann leider nicht alles weglächeln. Im Februar 2013 war ich einem Nervenzusammenbruch nahe, als der Haushalt erstmalig Läuse beherbergte. Und nur wenige Tage später kamen die Würmer. Niemandem wünsche ich dieses Erlebnis: ein Campingwochenende. Man macht gerade einen Ausflug in die Wiesen, das Kind muss mal in die Rabatten und siehe da, so eine Kacke, voll die ekligen Würmer. Eine Zwangsodyssee im Kopf, sich besser klarzumachen, dass womöglich alle Mitbewohner befallen sind. Die unerschrockene Internistin sammelt montags die Versicherungskarten der ganzen Familie in Abwesenheit ein und empfiehlt: „Die Waschmaschine muss rattern! Trösten Sie sich. Ich verordne das dauernd.“

Das Leben der Helikoptermutter ist eben von meist zwanghaft empfundenen Wiederholungen geprägt. Die Psychoanalyse macht es sich allerdings zu leicht, wenn sie diesen Wiederholungszwang nur in unserer Psyche verortet. Er kommt schon auch aus den Verhältnissen! Nehmen wir die Würmer: Das Kind klagte schon wieder länger über verdächtiges Jucken, jetzt, im Urlaub, unter der fremden, niemals gewaschenen Wolldecke, findet man das nicht mehr witzig. Weg mit denen! Googelt man schlaflos nach dem Zeug, das man zwar ohne Verordnung kaufen kann, das aber in Deutschland sehr teuer ist, wenn man es privat bezahlt. In der italienischen Apotheke kostet die Packung lächerliche drei Euro. Ich liebe die, äh, Südländer. Endlich kann der Urlaub so richtig losgehen. Ich kaufe gleich mal zehn Packungen auf Vorrat.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 16.12.2017
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