So einfach geht das

Alltagskommentar Geschlechterverhältnisse, Säkularisierung, Tierschutz - an Ostern kommen die ganz großen Themen unserer Zeit auf den Tisch. Wenn es nämlich ans Eier ausblasen geht
Katharina Schmitz | Ausgabe 13/2013 16

Diese Eier bringen die berufstätige Mutter vollends aus dem Konzept. Ihr Auftrag von der Erzieherin: Ausgeblasene Eier für die Kinder zum Anmalen mitbringen. Zu morgen, bitte. Alles, was die Emanzipation sonst so gebracht hat, in der Kita ist immer noch die Frau erste Ansprechpartnerin für derartige Anliegen – und für all die anderen tausend Dinge, an die die Eltern denken sollen. Den vorwurfsvollen Blick sieht die Erzieherin nicht mehr; er gilt ohnehin dem Vater der Kinder, der selbstverständlich noch bei der Arbeit sitzt. Zwar ist er unschuldig an den Verhältnissen, wie sie an diesen läppischen Eiern jetzt in diesem Moment zutage treten, trotzdem – irgendwie schuld ist er doch, rumort es in der Mutter.

Aber bloß kein Rumgeeiere jetzt, denkt sie dann, und versucht die Sache positiv zu sehen, die Rituale! Wir Säkularisierten sind an Ostern ja tolerant und froh, dass es Ostern gibt, Kinder reanimieren die verschütteten spirituellen Bedürfnisse. Wir müssten zu Hause ein passendes Buch vorlesen, denkt die Mutter, für den transzendenten Überbau. Nein, das denkt sie nicht, sie denkt aber: Blöd, dass wir kaum noch die alten Traditionen pflegen und hinter jedes Fest ein Fragezeichen setzen. An Ostern brunchen. Brunchen, allein schon dieses Wort! Und weil das alles so ist, sind Eier ein Problem, und Eier, die man ausblasen muss, ein Riesenproblem. Wie geht das gleich noch mal?

Erstmal müssen sie gekauft werden, später müssen Dotter und Eiweiß verarbeitet werden. Heute gibt es also wohl oder übel Pfannkuchen. Den ethischen Konflikt bespricht die Mutter jetzt nicht mit den Kindern. Sie entscheidet sich für Pfannkuchen und gegen Batterie-Eier, deren essbare Reste in der Mülltonne landen würden, verdrängt den Worum-ging-es-gleich-noch-Skandal von neulich und greift zu einem Ökolabel.

So ein Ei wirft eben grundsätzliche Fragen auf: Wie weit ist die Emanzipation? Wie tief geht die Säkularisierung? Wo fangen Tierrechte an? Wichtige Fragen, die aber später erörtert werden müssen. Zu Hause sieht zunächst alles nach Problemlösung aus. Schüssel bereitgestellt. Mit einer Nadel Löcher ins Ei pieken, an einer Seite ein größeres Loch bohren, kräftig blasen. Das erste Ei zerschellt an der Schüssel. Das dritte fließt die Tischplatte herab. Die Kinder rufen: „Igitt, eklig!“. Die Mutter konsultiert Youtube. Im Film Eier ausblasen. So einfach geht das sagt die Frau: „Einer muss ja die Drecksarbeit machen.“ Die Kinder staunen. Einer hat heute Schuld, weiß Gott. Grimmig schickt die Mutter dem Mann eine SMS: „Bring Eier mit!“ Dann ruft sie ihre Mutter an.

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09:00 29.03.2013
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