„Spiel ohne Ende“

Interview Christian Ankowitsch findet, dass Beziehungsprobleme auch Folklore sein können und dass man so manches Problem besser behält

Wir Alltagsmenschen haben ein ziemlich großes Talent, uns und anderen das Leben schwer zu machen. In seinem Buch Die Kunst, einfache Lösungen zu finden zeigt Autor Christian Ankowitsch, dass gerade die krampfhafte Suche nach Lösungen oft das eigentliche Problem ist.

Der Freitag: Ich bin gerade etwas nervös: Die Batterien meines Aufnahmegerätes sind ziemlich leer. Geht jetzt alles schief?

Christian Ankowitsch: Kann sein. Kommt Ihnen das Setting denn bekannt vor?

Ja. Ertappt.

Dann scheint das Ihre Eigenart zu sein, solche Situationen zu managen. Sie sparen sich die Zeit, vorzusorgen, und hoffen, dass alles irgendwie klappen wird. Sehr ökonomisch, finde ich.

Trotzdem stresst mich die Sache.

Das ist der Preis, den Sie dafür zu zahlen bereit sind. Sobald er zu groß wird, werden Sie sich auf die Suche nach frischen Batterien machen. Macht aber auch Mühe.

Zur Person

Christian Ankowitsch wurde 1959 in Klosterneuburg, Niederösterreich geboren. Ankowitsch gründete 1999 gemeinsam mit Tex Rubinowitz das legendäre Internetforum Höfliche Paparazzi. Der Sachbuchautor und Moderator lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Berlin

Foto: Josef Fischnaller

Also verschwenden wir keine Zeit: Worum geht’s in Ihrem Buch?

Ich versuche zu zeigen, wie man komplexe Probleme möglichst einfach lösen kann. Die Welt ist unüberblickbar, das Handeln der anderen unberechenbar. Das heißt: Wir können nur Flickwerk produzieren, müssen nach Abkürzungen und Tricks suchen, um nicht unterzugehen. Es stellt sich also nicht die Frage, ob simple Lösungen legitim sind oder nicht, sondern vielmehr, welche einfachen Lösungen hilfreich sind.

Nennen Sie ein Beispiel.

Die einfachste Lösung besteht darin, einem Phänomen die Anerkennung als „Problem“ zu entziehen. Also das Kinderzimmer nicht mehr in der Vorstellung zu betreten, es müsse darin Ordnung herrschen. Dann ist es egal, wie es aussieht.

Man könnte über die Ursache des Problems nachdenken …

Ein naheliegender Gedanke, der bei kaputten Fahrrädern sinnvoll erscheint. Aber in menschlichen Beziehungen kommen Sie damit nicht weiter.

Wieso denn nicht?

Weil die nicht an defekten Liebes-Schrauben scheitern. Zwischenmenschliche Probleme entstehen, weil zwei Menschen auf stets dieselbe Weise aufeinander reagieren und diese Schleife als „Problem“ bezeichnen. Das ist das „Spiel ohne Ende“, von dem Paul Watzlawick gesprochen hat.

Wie kann ich das Spiel beenden?

Indem sie aufhören mitzumachen oder neue Regeln einführen.

Als ob das so einfach wäre ...

Mal angenommen, Sie haben ein Beziehungsproblem. Sie könnten zu dem Schluss kommen, dass es keine Störung darstellt, sondern als Klebstoff wirkt, weil es Sie ablenkt, für Drama und Leidenschaft sorgt. Sobald Sie diesen Blick auf Ihr privates Durcheinander haben, stehen die Chancen gut, dass Sie es neu bewerten. Als Folklore zum Beispiel.

Viele Ursachen für Probleme liegen vielleicht in der Kindheit, das muss ich doch bedenken?

Reisen in die eigene Vergangenheit sind wichtig, weil wir dadurch eine Vorstellung davon entwickeln, wer wir sind. Lösungen werden Sie so aber keine finden, bloß Erklärungen – und selbst die sind mit größter Vorsicht zu genießen, weil sie ja das Produkt unserer autobiografischen Fantasien sind.

Es gibt aber lebensgeschichtliche Erfahrungen, die uns prägen.

Zweifellos! Aber sie liefern immer nur Antworten auf das „Warum?“ und nie auf das „Wie-weiter?“. Aber nehmen wir mal an, dass Sie recht haben und sich sagen lässt, dass es in Ihrer Beziehung hakt, weil der andere an einem biografischen Fehler leidet: Die einzige Lösung würde doch darin bestehen, dem anderen diesen Fehler auszureden. Sie müssten also zu ihm sagen: „Vergiss deine Kränkung.“ Für wie realistisch halten Sie solche Erziehungsprojekte?

Da ist was dran. Wie werde ich denn nun meine Probleme los?

Der wunderbare Steve de Shazer hätte gesagt: „Machen Sie etwas anders.“ Punkt. Das Problem ist jetzt, dass Sie vermutlich denken: „Geht’s noch trivialer?“ Man muss paradoxerweise ein wenig kompliziert werden, um die Genialität zu vermitteln.

Machen Sie mal!

Wie angedeutet entstehen Probleme, weil Menschen auf immer wieder gleiche Weise aufeinander reagieren. Der eine klammert, der andere rückt ab, worauf der eine noch mehr klammert und der andere noch weiter abrückt. Die Lösung besteht darin, etwas „anders“ zu machen. Irgendetwas – nur nicht so weiter wie gewohnt.

Wie könnte das aussehen?

Schon die kleinste Abweichung vom Ritual reicht, um Ihre Problemproduktionsmaschine aus dem Tritt zu bringen. De Shazer hat zum Beispiel einer Mutter geraten, sich eine Wasserspritzpistole zu besorgen. Sie hatte darüber geklagt, dass ihr Kind unbegründete Tobsuchtsanfälle bekommt, auf die sie immer gleich hilflos reagiert. Sie möge dem Kind damit zwischen die Augen spritzen, wenn es wieder so weit sei. Das wollte sie dann tatsächlich machen – musste aber so lachen, dass sie es bleiben ließ. Das Kind war derart irritiert, dass es auch lachte, und vorbei war’s mit dem Stress.

Ich muss an Trump denken …

Stimmt. Bei dem weiß man auch nie, was als Nächstes kommt. Aber Trump ist eine unguided missile. Er zeigt radikal, was geschieht, wenn man es mit den Systemstörungen massiv übertreibt.

Dann geht es hinten raus?

Zweifellos. Daher auch der Rat: Stören Sie in kleinen Dosen und ändern Sie Ihre Strategie, wenn Sie eine Verschlechterung zu beobachten glauben. Eines dürfen Sie nicht vergessen: Wer Ihre Problemroutine stört, wer Ihre Wohnung umbaut oder Ihnen ein neues Einbahnschild hinstellt – dieser Jemand dringt in Ihre Komfortzone ein. Er zwingt Sie umzudenken, sich neu zu arrangieren.

Das Leben ist doch schon anstrengend genug!

Daher behalten wir auch eine Menge von Problemen. Deren großer Vorteil besteht darin, dass wir sie kennen und managen können. Wiederkehrende Probleme sind wie funktionierende Maschinen, die wir kennen und bedienen können, auch wenn sie Krach machen und uns nerven.

Lösungen sind ein Problem?

Genau. Jede Änderung im System bedeutet Aufwand. Jeder, der eine Krise erlebt, die Stadt gewechselt oder eine Trennung erlebt hat, weiß, wie anstrengend das ist.

Woran erkenne ich denn, was besser ist: bleiben oder gehen?

Das sagt Ihnen Ihr Gefühl. Wenn Sie eine Zeit lang mit einem Problem leben können und gesund dabei bleiben, dann ist es so dringend nicht. Wenn es Sie zu verschlingen droht, wird es Zeit, aktiv zu werden.

Sie empfehlen zur Problemlösung auch die Pflege von Vorurteilen.

Von bestimmten, ja. Dass wir hier im Café sitzen und bedenkenlos unseren Kaffee trinken, tun wir nur, weil wir davon ausgehen, dass man uns nicht vergiften will. Ein klassisches Vorurteil, weil wir von alten Erfahrungen auf Neues schließen. Wir urteilen, ohne den konkreten Sachverhalt geprüft zu haben.

Das Bauchgefühl ...

Exakt der gleiche Mechanismus. Die einfache Regel lautet: Wenn Sie keine Ahnung von einer Sache haben, vergessen Sie Ihr Bauchgefühl. Wenn Sie aber Bescheid wis-sen, verlassen Sie sich vorbehaltlos darauf. Auch wenn Sie nicht sagen können, warum Sie in einer Sache ein mieses Gefühl haben.

Kann zu viel Mitgefühl mit Freunden problematisch sein?

Ja. Wenn Sie Ihren Freunden bei immer denselben Klagen zuhören, aber nie etwas geschieht, dann sind Sie Teil eines Problemstabilisierungsprogramms. Wenn es allen damit gut geht – weitermachen. Wenn Sie aber das Gefühl haben, dass was geschehen muss, dann sollten Sie sagen: „Du hast vollkommen recht, ein solcher Idiot ist mir noch nie untergekommen!“ Jede Wette, nach ein paar Minuten wird Ihnen Ihr Gegenüber widersprechen: „Er hat auch seine liebenswerten Seiten!“ So verfährt die provokative Therapie. Sie stär-ken die Selbstbehauptungskräfte der anderen.

Wenn ich im Job nicht weiterkomme, nützt mir das nicht.

Da würde ich es dann mit den Tricks der systemischen Therapie versuchen. Wollen Sie an den Hierarchien rütteln, setzen Sie sich auf den angestammten Platz von jemandem, den Sie herausfordern wollen. Schauen Sie, was geschieht. Der Hintergedanke: Rangordnungen, Wertungen et cetera bilden sich in realen Ordnungen ab.

Und wenn die anderen fragen? Erklären?

Keinesfalls. Sagen Sie einfach, dass Sie ein lustiges Spielchen machen oder sich geirrt haben. Nur kein Gewese drum machen. Hauptsache, Sie nehmen die Sache ernst, denn es geht um Ihre subjektive Wahrnehmung von der Welt, um Ihre Bilder davon. Und die dürfen Sie sich so lange umbauen, bis sie für Sie schlüssig sind.

Und dann einfach nicht weiter darüber nachdenken?

Doch. Dann können Sie zum Beispiel sehen, dass Kinder in Beziehungen an bestimmte Orte gesetzt werden, um Konflikte zwischen Partnern zu regeln. Dann haben wir die Pflicht, sie aus der Schusslinie zu nehmen.

Zurück zur Liebe. Wie soll man den Partner einfach vergessen?

Alles unternehmen, um die Beziehung zu kappen. Fetische wegschmeißen. Wir Menschen sind animistische Wesen, die Dinge mit Bedeutungen aufladen. Eine berühmte Studie zeigt, dass niemand einen – klinisch reinen – Pullover anziehen würde, der angeblich mal Hitler gehört hat.

Das ist doch Aberglaube.

Wenn Ihnen der Begriff hilft, ja. Aber offensichtlich glauben die meisten von uns, dass leblose Materie mit dem Wesen eines Menschen aufgeladen wird. Daher gehen Sie als Altklamottenhänd-ler in Japan auch sofort bankrott, weil jeder glaubt, dass die Seele des Menschen in seine Kleidung übergeht. Und wer will schon mit einer fremden Seele im Jackett herumgehen?

Wenn ich bei meiner neuen Wohnung wüsste, dass darin eine Oma gestorben ist …

Sehen Sie, das lässt niemanden kalt. Aber Sie können die Oma im Geist darum bitten, dass sie freundlich auf Sie schaut, weil Sie ihr dankbar sind, dass sie Ihnen Platz gemacht hat. Wirkt Wunder.

Warum ist es manchmal gut oder sogar besser, ein Problem zu behalten?

Wenn Ihnen etwas zu schnell geht, dann suchen Sie sich ein Problem und beschäftigen sich damit. Ich mache das immer wieder, wenn ich nicht weiterweiß – dann betrachte ich die Unordnung im Büro als Problem und räume umständlich auf. Dabei schlage ich nicht die Zeit tot, wie fälschlicherweise behauptet, sondern ich verschaffe mir Zeit, ein wenig nachzudenken. Hilft angeblich manchmal, dieses Nachdenken.

06:00 17.09.2018
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