Stadt, Land, Hartz

Literatur Annalena Baerbock präsentiert sich in ihrem Buch als sozialverträgliche Kanzlerkandidatin
Ausgabe 25/2021

Zusammen mit dem Schriftsteller Michael Ebmeyer hat Annalena Baerbock ihr Buch geschrieben, es basiert auf Gesprächen, die beide Anfang des Jahres führten. Wie die meisten Politikerbücher, die im Vorfeld von Wahlen gewissermaßen an das Volk gerichtete Bewerbungsschreiben sind, ist dieses Buch grundsolide geraten. Für die erste Kanzlerkandidatin in der Geschichte der Grünen, die mit ihrer Partei ziemlich ernst machen will, vor allem mit der ökologischen Transformation des Landes, muss die Arbeit an diesem Buch sogar noch mehr die Quadratur des Kreises gewesen sein, muss sich Baerbock doch einer sogenannten Mehrheitsgesellschaft als „sozialverträgliche“ Kandidatin präsentieren. In dieses Quadrat müssen Milieus, Regionen, Branchen rein, die dieser Transformation mit Skepsis entgegensehen. Zuallererst also der Osten, wo die Grünen keinen Fuß fassen, dann die „Kohlekumpel“, die ganze alte Industrie. Baerbock muss Stadt, Land, Hartz-IV-Empfänger, Frau, Mann adressieren und tunlichst das Genderthema nicht überstrapazieren. Und selbstverständlich wollen ihre Kritiker die Skepsis nähren, grüne Verbote finden. Fündig wird man nicht, es gibt keine programmatischen Überraschungen.

Interessant sind naturgemäß die Passagen, in denen die grüne Kanzlerkandidatin ihre Anliegen und ihre Motivation mit ihrer Biografie verknüpft, man Persönliches erfährt. Baerbock kann hier Geschichts- oder Klassenbewusstsein zeigen, wenn sie etwa von den Großeltern erzählt, die aus Oberschlesien nach Niedersachsen kamen. Die Oma putzte in einer Sparkasse, mit einem gewissen Stolz, denn sie war nicht „outgesourct“. Die Oma inspirierte sie dazu, Völkerrecht zu studieren. Oder: Sie reklamiert ihre Bodenständigkeit, weiß als Dorfkind nur zu gut, dass man ohne Auto aufgeschmissen ist. Von ihrem Vater hat sie gelernt, Autoreifen zu wechseln. Wie wichtig ein gutes Gesundheitssystem ist, hat Baerbock nicht erst in der Pandemie erkannt – eine ihrer Töchter war an Corona erkrankt –, als Studentin in London, wo „Margaret Thatcher 1979 begonnen hatte, den Sozialstaat zu schreddern“, erkrankte sie an einer Nierenbeckenentzündung, der Krankenwagen brauchte Stunden. Um gern genommenen Missverständnissen vorzubeugen, beschreibt sie den Werdegang der Grünen, die nach ihr heute die „engagiertesten Verfassungspatriot*innen“ sind. Und 2018, in Chemnitz, war sie „erstmals froh, als eine Hundertschaft von komplett vermummten Polizist*innen auf uns zu rannte, um uns Demonstrant*innen (...) gegen gewaltbereite Pegida-Anhänger*innen zu schützen“.

Staatstragende Stellen

Nicht ohne erzählerischen Reiz (hier führte vielleicht Ebmeyer die Feder, vielleicht auch nicht) berichtet Baerbock von ihrer Berliner Wohnung am Rosenthaler Platz, von der Gentrifizierung des Viertels, vom Ochsenblut-Dielenboden, den sie und ihr Mann mühevoll abgeschliffen haben, von der legendären Hausfassade in der Brunnenstraße 10, an der die großen Lettern prangen „Dieses Haus stand früher in einem anderen Land“. Ein Foto der Fassade hängt nun in ihrer Potsdamer Wohnung: „Was mich berührt, ist, erinnert zu werden, dass wir in einem Land leben, in dem Menschen vor gar nicht so langer Zeit unter widrigen Bedingungen ihre Zukunft in die Hand genommen und eine friedliche Revolution für demokratische Freiheit in Gang gesetzt haben.“ Dass sie Kanzlerin können will, davon zeugen solch staatstragende Stellen.

Wie wichtig nicht nur Bildung, sondern speziell der zweite Bildungsweg ist, veranschaulicht Baerbock am Beispiel ihrer Mutter, die spät ihr Studium in Sozialpädagogik abschloss. Gelungen und „authentisch“: der Sportexkurs. Das sind keine Worthülsen, die an die immense Bedeutung des Breitensports appellieren, die verhinderte Profi-Trampolinspringerin und begeisterte Fußballerin schildert recht eindrücklich, was Sport alles zu leisten vermag. Ihr „Goldener Plan“ überzeugt: „Dieses Vertrauen auf die eigene Kraft. Sport reizt mich bis heute in seiner ganzen Vielfalt. Auch in seinen Extremen und Widersprüchen.“

Info

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Geschrieben von

Katharina Schmitz

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Literatur“

Katharina Schmitz studierte Neuere Geschichte, Osteuropäische Geschichte, Politikwissenschaften, Vergleichende Literaturwissenschaften und kurz auch Germanistik und Romanistik in Bonn. Sie volontierte beim Kölner Drittsendeanbieter center tv und arbeitete hier für diverse TV-Politikformate. Es folgte ein Abstecher in die politische Kommunikation und in eine Berliner Unternehmensberatung als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ab 2010 arbeitete sie als freie Autorin für Zeit Online, Brigitte, Berliner Zeitung und den Freitag. Ihre Kolumne „Die Helikoptermutter“ erschien bis 2019 monatlich beim Freitag. Seit 2017 ist sie hier feste Kulturredakteurin mit Schwerpunkt Literatur und Gesellschaft.

Katharina Schmitz

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