Stolpert doch mal über die Plattensammlung!

Die Helikoptermutter Aufgabe der Eltern ist es, die Kinder behutsam und gleichsam unausweichlich an die schönen Künste heranzuführen. Wenn das so einfach wäre
Ausgabe 50/2017

Der Dezember ist für Mütter wie mich der Monat der verpassten Möglichkeiten. Den Kindern soll etwas geboten werden! Etwas, das kulturell anspruchsvoll ist und ihnen zugleich Spaß macht. Darunter machen wir es eigentlich nicht. Etwas wie Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Ballettklassiker. Demnächst auf einer der Bühnen der Hauptstadt! Fakt ist: Wir haben keine Karten. Deshalb tröste ich mich damit, es wäre vielleicht auch rausgeschmissenes Geld. Die Jungs sind in einem rüpelhaften Alter, sie interessieren sich ausdrücklich nicht für wunderschöne Prinzessinnen. „Aurora? Was’n das für’n komischer Name?“

Andererseits, Kunst kennt kein Geschlecht. Es sei denn, man lässt die Kinder KiKa schauen. Aber normalerweise kommt es doch einzig auf die Darbietung an. Von selbst kommen die Kinder aber nicht darauf, Aufgabe der Eltern ist es also, die Kinder behutsam und gleichsam unausweichlich ans Schöne heranzuführen: Deshalb stellen Mütter und Väter die Plattensammlung in den Weg, sie sollen drüber stolpern, über die guten alten Zeiten (ohne sich wehzutun!). Die Gefahr ist leider heutzutage immens groß, dass sie sonst vom Youtube-Quatsch „Die dümmsten Tore der Welt“ nie wieder wegkommen.

Im Dezember ist diese Aufgabe der Kulturvermittlung verstärkt gefordert, da sich die Gelegenheiten häufen. „Wir haben für den ersten Weihnachtstag Karten für Schwanensee organisiert, Torben kommt natürlich mit, er hält bestimmt durch, den Abend.“ Torben ist ein cooler Basketballjunge, er hört die Blues Brothers und spielt so gut Gitarre, dass er demnächst zu „Jugend musiziert“ geht. Unser Älterer verfügt durchaus über kulturelles Kapital, er hat einen Patchwork-Großvater, der Bachsonaten spielt, und einen Opa, der im Kirchenchor singt. Gebracht hat es nichts. Es wäre so schön, im Mietshaus gehen drei Kinder in diesen Spatzenchor. Sind aber Mädchen.

Ein Trost: dass nicht jedes Klassikerereignis ein Ereignis ist, auch nicht auf den Bühnen der Hauptstadt. Es kommt auf die Inszenierung an. Bei der Nussknacker-Premiere am Berliner Staatsballett hatte man letztes Jahr schon unerhört gebuht, bevor das Stück überhaupt losgegangen war. Die Nachricht erfüllte mich mit einer leichten Schadenfreude. Einen ähnlichen Skandal soll es zuletzt 1913 bei der Uraufführung von Strawinskys Le Sacre du Printemps in Paris gegeben haben.

Aber kann man die Augen meiner Kinder mit Tschaikowsky überhaupt irgendwie zum Leuchten bringen? Ich bin skeptisch. Da muss schon viel passieren. Eine gute Adresse ist das Berliner Musiktheater für Kinder: Atze. Ich erfuhr von einem Gastspiel aus Moskau am 2. Dezember, ich glaube, es war Nussknacker, und ich erfuhr davon am selben Tag aus der Berliner Zeitung, ich fragte mich, ob Zeitungen so noch eine Zukunft haben, aber das ist eine andere kulturelle Baustelle.

Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter wird am 16. Dezember im Atze gezeigt, ich denke, das wäre doch was für die Jungs. Eine Räubergeschichte! Aber leider, natürlich!, ist das Stück (längst) ausverkauft. Man müsste einfach mehr auf Zack sein. Für Februar gäbe es noch Karten, aber wer will vor Weihnachten schon an den Februar denken. Man muss sich vorstellen, im Atze ist sogar Die Ministerpräsidentin ausverkauft! Egal, am ersten Advent waren wir zusammen mit Torben in Paddington 2, mein Sohn hat eine Tüte Popcorn für über sieben Euro spendiert. Er ist supergroßzügig, dafür liebe ich ihn auch. Und der Film war sehr schön.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

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Geschrieben von

Katharina Schmitz

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Literatur“

Katharina Schmitz studierte Neuere Geschichte, Osteuropäische Geschichte, Politikwissenschaften, Vergleichende Literaturwissenschaften und kurz auch Germanistik und Romanistik in Bonn. Sie volontierte beim Kölner Drittsendeanbieter center tv und arbeitete hier für diverse TV-Politikformate. Es folgte ein Abstecher in die politische Kommunikation und in eine Berliner Unternehmensberatung als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ab 2010 arbeitete sie als freie Autorin für Zeit Online, Brigitte, Berliner Zeitung und den Freitag. Ihre Kolumne „Die Helikoptermutter“ erschien bis 2019 monatlich beim Freitag. Seit 2017 ist sie hier feste Kulturredakteurin mit Schwerpunkt Literatur und Gesellschaft.

Katharina Schmitz

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