Terror in Wien

Islamismus Olen Steinhauers „Der Anruf“ vermischt so packend wie fundiert Realität und Fiktion
Katharina Schmitz | Ausgabe 16/2016

Der Flughafen Wien-Schwechat im Jahr 2006: Eine Passagiermaschine nach Amman, Jordanien, wird gekapert und steht nun wie ein Landshut-Albtraum auf dem Rollfeld. Die Wiener Außenstelle des CIA vermutet, dass die islamistische Gruppe „Aslim Taslam“ dahintersteckt. Kurz vorher hat es eine Warnung aus Damaskus gegeben. Zu spät. Eine Stewardess wurde getötet. Kurz darauf ein CIA-Mann, der zufällig in der Maschine saß. Er hatte sich durch SMS-Nachrichten mit den Kollegen in Verbindung gesetzt und war aufgeflogen. Die Terroristen schubsen ihn aus der Maschine, da hat der Österreichische Rundfunk schon eine Liveschalte eingerichtet, auch im Geheimdienst-Quartier der Wiener Botschaft läuft nun nonstop ORF. 120 Menschen kommen ums Leben, sie sind erstickt, die Terroristen haben bei laufendem Motor Sarin in den Innenraum des Flugzeugs geleitet. Sechs Jahre später muss sich CIA-Agent Henry erneut mit dem Horror konfrontieren. Gab es einen Verräter in den eigenen Reihen?

Damit keine Missverständnisse aufkommen. Der Anruf ist kein Thriller, der wohlfeilen Suspens durch Ähnlichkeiten mit realen Ereignissen erzeugt. Olen Steinhauer hat zwar geschickt reale Ereignisse in seinen Roman integriert, zum Beispiel den Überfall auf das Moskauer Dubrovka-Theater 2002, bei dem „129 Geiseln, die meisten durch Gasvergiftungen infolge der für die meisten Beobachter unverständlichen Entscheidung, die behandelnden Ärtze nicht darüber aufzuklären, was die Opfer genau eingeatmet hatten“, starben. Er erwähnt die Morde an Alexander Litwinenko oder Anna Politkowskaja. Aber Olen Steinhauer benutzt den Schrecken des Terrors und seine politischen Folgen nicht. Das beklemmende Gefühl, dass das „Wiener Trauma“ genauso stattgefunden haben könnte (oder stattfinden kann), stellt sich beim Leser zwar unwillkürlich ein, aber Steinhauer geht es um das Motiv, um die Hintergründe. Wollten die Terroristen nur irgendein „weiches Ziel“ treffen? „Man muss nicht in Frankfurt oder Berlin landen, um mit Deutschland ins Gespräch zu kommen“, sagt Henry, vielleicht will die Gruppe Gefangene freizwingen.

Steinhauer, der seit seinem Spionagethriller Die Kairo-Affäre mit dem Meister des Genres John le Carré verglichen wird, hat sein Buch in nur einem Monat im Haus der Schwiegereltern im serbischen Novi Dad geschrieben. Es sei eine „gedrängte Phase der Inspiration“ gewesen. Genauso atemlos (und elegant) liest sich das Buch. Im Mittelpunkt steht ein Kammerspiel in einem kalifornischen Restaurant, ein Pingpong sehr guter Dialoge, ein Kreuzverhör, dazwischen gibt es Rückblenden nach Wien aus wechselnder Perspektive. E-Mails, Albträume. Henri hat seine Ex-Kollegin und Geliebte Celia nie vergessen. Sie hat nach der Tragödie ihren Dienst quittiert und sich ein neues Leben in Carmel-by-the-Sea aufgebaut, sie ist verheiratet mit einem General-Motors-Manager, einem Republikaner. Sie hat zwei Kinder. Jetzt sitzen die beiden wegen der Untersuchung „Frankler“ in diesem verlassenen Lokal der gehobenen Kategorie.

Wer ist der Maulwurf?

Der Anruf ist ganz nebenbei auch ein Sittenbild der kosmopolitanen Mittelklasse. Man kann sich die Szenerie bestens vorstellen, wenn einem bei Kaninchenrisotto mit Chorizo oder gebratenem Red Snapper mit Grünkohl auch das Wasser im Mund zusammenläuft. Zum Katz-und- Maus-Spiel wird viel Chardonnay gereicht, (auch deswegen gerät der Abend bald aus den Fugen). In Henrys Tasche steckt sein altes Siemens-Telefon. Alles dreht sich um diesen einen folgenschweren Anruf, damals aus dem Büro des Chefs. Ist Celia vielleicht der Maulwurf?

Olen Steinhauer schafft es, ohne Schnickschnack nicht nur den Plot aufzuziehen, er zeigt souverän, wie die Welt an manchen Orten aussieht – oder sich anfühlt. Die Stimmung von Henry ist narzisstisch-deprimiert. Lange weiß der Leser nicht, ob er es hier nur mit einem Mann in der Midlife-Crisis zu tun hat, der ausgerechnet an einem besonders schönen Ort apokalyptische Assoziationen hat. Das Milieu, der Zeitgeist unserer globalisierten Welt und die politische Lage werden beiläufig gezeichnet mit den „Codenamen“ von Marken, Medien, Computerspielen. Da ist eine Frau, die ihren Kindle auspackt, Leute stehen am Hertz-Schalter, Henry leiht sich einen Volvo C 70 Cabrio aus, die Kellnerin mit Pferdeschwanz schaut auf ihr i Pad, Celias Sohn spielt Angry Birds. Und Ex-Kollege Larry erinnert witzigerweise an den österreichischen Außenminister. Auch Henry ist verdächtig. In Moskau musste er die tschetschenische Quelle Shishani verraten, für die Russen.

„Tragödien dieser Art ereignen sich mit alarmierender Häufigkeit, und wer sich mit drei Jahre zurückliegenden Ereignissen aufhält, könnte sich genauso gut über die römische Geschichte aufregen“, sagt Henry einmal Das trifft unsere Befindlichkeit ins Mark. Man denkt an Brüssel, weil man Brüssel schon vergessen hat.

Info

Der Anruf Olen Steinhauer Friedrich Mader (Übers.), Karl Blessing 2016, 282 S., 19,99 €

Über die Bilder des Krimi Spezials

Die Illustratorin Lisa Rock hat diese Beilage exklusiv für den Freitag bebildert. Als Vorlage für ihre Tusche­zeichnungen verwendet sie Fotos von realen Tatorten. Lisa Rock lebt in Berlin und arbeitet für Magazine, Zeitungen und Verlage

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06:00 25.04.2016
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