Tönt verschärft

Medien Der Roman „Bad News“ ist verstörend realistisch – nicht nur weil er an die Schweizer „Weltwoche“ erinnert

Rums. „Und – sollen die Amis in den Irak rein?“, will der Chefredakteur zum Auftakt vom hoffnungsvollen Journalisten gleich mal wissen. T und M haben sich in einer Zürcher Nobelbar verabredet, um den Einstieg von M bei der „wichtigsten Wochenzeitung des Landes“ dingfest zu machen. Via Handy erreichte den nur Tage zuvor eine Laudatio des künftigen Chefs, auf die viele Journalisten ihr Leben lang vergebens warten: „Die Wahl der Themen: überraschend, aber nicht überoriginell. Die Umsetzung: differenziert, aber nicht beliebig! Der Ton: ironisch, aber nicht zynisch.“

Die Ähnlichkeit zur Schweizer Weltwoche in Bruno Ziauddins Roman Bad News ist beabsichtigt. Und selbstverständlich erinnert dieser T stark an den Schweizer Journalisten mit der listigen Brille: Roger Köppel. Acht Jahre hat Ziauddin unter Köppel bei der Weltwoche gearbeitet. Vor ein paar Jahren wurde die früher linksliberale, dann zunehmend wirtschaftsliberale Zeitung an einen Investor verkauft, heute gehört sie Köppel himself und versteht sich als rechtsliberal. Letztes Jahr zog er für die rechtskonservative SVP ins Schweizer Parlament. Kritiker sagen, die Weltwoche sei inzwischen die Prawda der SVP. Ein strammer Ruf, der auch Cicero und seinem Salon-Chef Alexander Kissler in der Flüchtlingskrise anhängt (auch wenn es sich das Politmagazin gerade wieder liberal zu öffnen scheint).

Schon deshalb ist Bad News viel mehr als ein Schlüsselroman über eine Zeitschrift und ihren Chef. Das Buch spielt vor dem Hintergrund des Irakkriegs. Ziauddin beschreibt, wie sich das Klima vergiftet, innerhalb der Redaktion, in der Gesellschaft. Es war der Anfang des digitalen Stammtischs, der Lügen und Neurosen. Verblüffend aber ist: Bad News könnte genauso gut im Jetzt spielen, mitten in der Flüchtlingskrise, als befänden wir uns am Zenit der polarisierten Gesellschaft.

T ist ein charismatischer Medienmacher. Er kann charmant und brutal sein, er hat etwas Diabolisches, was man noch viel besser begreift, wenn man den Thriller rekonstruiert. Chefredakteur T ist noch da, als M spätabends ins Büro kommt, er taucht plötzlich irgendwo auf oder kommt M zuvor, als Kündigungen ausgesprochen werden. Das ist ein bisschen so unheimlich wie in Bulgakows Meister und Margarita. Aber Bad News ist kein fantastischer Realismus, eher ziemlich raffiniert realistisch. Es ist, als hätte Bruno Ziauddin Gespräche mitgeschnitten , die man in Journalistenkreisen seit Jahren selber führt oder hört.

Steckt nicht auch ein wenig Schirrmacher in diesem T?, fragt man sich. Wie viel Konservatismus flösse eigentlich aus Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, wenn man ihn in einer Zürcher Bar auf ein Glas treffen würde? Oder aus Ulf Poschardt, dem stellvertretenden Chefredakteur der Welt? Aber man darf T nicht auf T reduzieren, um seinen Effekt zu verstehen: Man reibt sich an ihm, und das garantiert eben auch Geistreichtum, wie in den rasanten Dialogen zwischen T und M, der zunehmend zwischen die Fronten der „Peace-Stalinisten, die sich nur gegenüber einer einzigen Meinung – der eigenen – tolerant zeigen“ und der Neokons gerät. Und wie in Houellebecqs Unterwerfung ist eben nicht alles ganz falsch an Ts Weltbild und an der Selbstreflexion von M, manches klingt verführerisch, und zugegeben: Konservative sind eben oft witzig.

Der kiffende Bosnier

Aktueller könnte nicht sein, wie Ziauddin parallel zum Medienplot die Geschichte von Damir montiert. Der ist zuerst ein netter kiffender Rapper-Junge aus Bosnien, der sich zunehmend radikalisiert, weil es mit dem „Ziegenficker“ in den Onlinekommentaren der „wichtigsten Wochenzeitung des Landes“ auch mal reicht.

Bad News ist mutig. Es gibt eine Holocaustleugner-Connection. Souverän auch, wie Ziauddin die Frauenfigur gezeichnet hat. Karina ist reines Klischee. Sie stammt ebenfalls aus Ex-Jugoslawien. Eine Kindergärtnerin. Ihr Hobby: Lifestyle. Dass ausgerechnet sie Haltung zeigt, ist ebenso glaubwürdig (und pädagogischer Anspruch in Literatur ja sowieso grässlich), wie Ms Entscheidung, bei der Wochenzeitung nicht länger den advocatus diaboli geben zu wollen. Und dass es am Ende – buchstäblich – den Falschen trifft, nun, man kann es sich sehr gut vorstellen.

Info

Bad News Bruno Ziauddin Nagel & Kimche 2016, 208 S., 19,90 €

06:00 24.02.2016
Geschrieben von
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

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