Unglücklich, sonntags

Online Was macht Facebook aus uns? Roberto Simanowski liefert ein paar gründliche Antworten
Katharina Schmitz | Ausgabe 35/2016

Ein Freund postete neulich eine entzückende Sommergeschichte. Das meiste davon schien wahr, aber offensichtlich hatte er auch geflunkert. T hatte den Nachmittag am Berliner Wannsee verbracht. Die Mobiltelefone waren im Auto geblieben hieß es, es war ein wichtiger Hinweis, dieser Nachmittag war wohl gerade deswegen so zauberhaft gewesen. Tschrieb lustig antiquiert. Er spielte auf Billy Wilders Menschen am Sonntag (1929) an, den Film hatte er just im Kino gesehen.

In der Anekdote steckt viel von dem drin, was unser digitales Leben ausmacht. Wir Facebookmenschen teilen uns immerzu in Bezügen zu etwas andrem mit. Der Philosoph Byung-Chul Han sagt, „das Zeiterleben des modernen Menschen ist eine zerklüftete, diskontinuierte Ereigniszeit (...) Man zappt sich durch Lebensmöglichkeiten“. Mit Facebook verscheuchten wir unseren Horror Vacui, sagt Roberto Simanowski in seinem Essay Facebook-Gesellschaft. Ein Foto, in dem Roland Barthes noch ein Dokument des Todes erkannte, bedeute – übertragen auf Facebook – nichts mehr als einen Augenblick, an den man sich paradox sofort „erinnert“, ohne dass dieser je verdichtet gewesen sei.

Klingt nach Kulturpessimismus. Kennen wir schon, wollen wir nicht. Wollen wir nicht? In einer Reihe von zehn Menschen an einer Bushaltestelle wird man selten einen finden, der nicht auf sein Smartphone starrt. Ein zeitgenössischer (Anti-)Witz ginge wohl so, schreibt Simanowski: Da steht einer und schaut einfach in der Gegend herum.

Anders als die Generation X

Ist es nicht müßig (womöglich mit einem Adorno-Paperback in der Tasche), über digitale Zeitverschwendung zu lamentieren? Jedenfalls könne die Kritische Theorie in unserer digitalen Welt schon deshalb nicht funktionieren, argumentiert der Kulturwissenschaftler in seiner Vorbemerkung zu seinem Essay, weil es kein normatives Zeitverwendungskonzept (mehr) gibt. Wer also könnte mit Recht sagen, dass unsere alten Kulturtechniken wirklich besser waren und noch sind als unser digitales Treiben auf Facebook, Instagram, Whatsapp, Twitter? Wer entscheidet, ob Facebook uns der Heidegger’schen Möglichkeit kontemplativen Verweilens beraubt oder einfach das beste Rezept gegen unsere metaphysische Obdachlosigkeit ist, die anders als die Generation X gar nicht erst nach einem Sinn des Lebens sucht? Das ist die Ausgangsfrage.

Roberto Simanowski, gelegentlicher Freitag-Autor, promovierte zur Massenkultur um 1800 und habilitierte zur Ästhetik digitaler Medien. Mit Gewinn liest man seinen Essay allein darum, weil er für seine These der Facebook-Gesellschaft die großen Philosophen, Schriftsteller und Medientheoretiker herbeizitiert, Goethe, Lessing, Schopenhauer, Walter Benjamin und Jean-Luc Nancy, um nur einige zu nennen. En passant bietet er einen Beitrag zur „kybernetischen Gouvernementalität“, also wie das Internet „vom back end aus“ das Politische durch das Mathematische ersetzt, wie sich Demokratien vom „Diskursiven“ und „Narrativen“ in Richtung „statistischer Demokratie“ entwickeln.

Die Kritik am digitalen Konsum sei zwar berechtigt, sagt Simanowski, sie müsse nur woanders ansetzen. Warum ist Facebook für die digitale Kultur expemplarisch? Ist Facebook überhaupt eine Kultur? Simanowski findet, ja, mindestens als Platzhalter für die Funktionsweise anderer sozialer Netzwerke. Weil Facebook es zu jener kritischen Masse gebracht habe, der sich kaum jemand entziehen kann. Konkret: Jeder vierte Mensch ist auf Facebook. Was macht das mit den Menschen? Wie verändert Facebook die gesellschaftlichen Narrative oder die Autorschaft des Einzelnen, und warum scheint uns das nicht so sehr zu stören?

Seine Antwort lautet, die Facebookkulturtechnik (Posten, Liken, Kommentieren) führe zu reflexionsarmer Weltwahrnehmung. Oder auch: Es ist immer was los, einer schreibt immer an der Facebookautobiografie mit. Entweder die Freunde oder die Mathematik. Oder beide. Tröstlich ist dabei, dass wenige Likes sich auch durch mathematische Prozesse im Hintergund erklären lassen.

Natürlich muss man Facebook auch als Symptom der postkritischen Gesellschaft verstehen. An der Oberfläche zeleberiert Facebook einen affirmativen Gesellschaftsbezug, ist deshalb „so beliebt, weil es erlaubt die Gesellschaft, die die unsrige ist, zu lieben“. Aber was wäre falsch daran? Vielleicht einfach dann doch die verlorene Zeit: Facebook vernichte Gegenwart, indem sie diese permanent festhält, findet Simanowski, da braucht man nur an die eigene Timeline zu denken. Indem Gegenwart archiviert werde, würde sie zugleich verneint. Was, sagt Simanowski, nicht mit Hegels Dialektik zu verwechseln sei. Gegenwart würde eben nicht erkenntnistheoretisch auf eine höhere Stufe gehoben. Wahre Zeitgenossenschaft, zitiert Simanowski den Philosoph Giorgio Agamben, sei im Modus absoluter Unmittelbarkeit nicht möglich.

Zur Depolitisierung

Aber was genau passiert stattdessen (mit uns) auf und durch Facebook? Unsere kollektive Selbsterfahrung erfolge jenseits „kultureller Erinnerungen“ oder „großer Erzählungen“. Die neue Kultur ist ganz im Sinne der Postmoderne von den Ansprüchen der Vergangenheit und Zukunft befreit. Wir ahnen es ja selbst, dass der postmoderne Mensch sich (im Großen und Ganzen) zwar von kulturellen, nationalen, ideologischen Bezügen befreit. Das wollten „wir“ so. Andererseits schaffen „wir“ es eben auch nicht, um den Anti-Witz aufzugreifen, einfach in der Gegend herumzustehen.

Das vielleicht Verführerischste an Facebook: Es verbindet Menschen so gut wie unabhängig von Weltanschauungen und ideologischer Verpflichtung, allein durch das Ritual des Technischen. Die Folge: Wir sind zusammen, und wir sind unglücklich, schrecklich tolerant, erschreckend unpolitisch. Simanowski sieht einen „faktischen Kosmopolitismus“ in der Facebookgesellschaft. „Vielleicht liegt die Basis der Kommunikation über Grenzen hinweg nicht im Aushandeln, sondern im Ignorieren gegensätzlicher Positionen. Vielleicht resultiert die gegenseitige Akzeptanz in sozialen Netzwerken aus einer Verbindung, die im Modus des Phatischen den Anderen gar nicht erst als Anderen zur Kenntnis nimmt.“ Facebook depolitisiere, sagt Simanowski. Und der Eindruck, Facebook sei der Ort des Politischen im 21. Jahrhundert, täusche. Daran ändert auch die Arabische Revolution nichts, die man auch „Facebookrevolution“ nannte. Und auch nicht Profilbilder, die „Je suis Charlie“ zeigen. Vieles davon wissen wir selbst, ahnen es, wir haben dafür den Ironieknopf oder andere Mittel zur Distinktion. Aber Simanowski analysiert das alles sehr sophisticated.

Wie sähe nun ein „Widerstand“ aus? Gibt es ihn überhaupt? Manchmal erlebt man, dass sich einer für eine Zeitlang verabschiedet von Facebook. Das Rauschen der Timeline wurde zu viel, es gab einen Sturzflug des Horror Vacui oder Ennui oder beides. Und selbst dann fallen wieder drei typische Tätigkeiten zusammen. Man formuliert den Abschied, zählt Likes, liest Kommentare. Verblüffend ist eben auch, wie sehr man an der Facebooknadel noch im Offlinemodus hängt.

Oder einer sagt tschüss, weil er von einer Kontroverse kalt erwischt wurde. Weil ja doch auch politisch gestritten wird auf Facebook. Polarisiert. Entfreundet. Simanowski fragt, wie gewappnet man sei gegenüber „neuen Propheten“, die für komplexe Fragen einfache Antworten hätten. Soziale Netzwerke bildeten im Rahmen der Oberflächenkommunikation zwar eine Art kosmopolitische Gemeinschaft jenseits politischer und kultureller Differenzen, sie „entwickelten aber kein Toleranzmodell, das vor der Rückkehr totalitärer Sinngebungsgeschichten“ schütze. Überhaupt: Die Überzeugung, dass individuelle Rechte über kollektiven Zielen stehen, sei vielleicht doch wieder nichts weiter als verdeckter Hegemonismus der westlichen Kultur.

Man will dann also doch ein wenig kulturpessimistisch werden. Facebook verändert uns, weil es ein „Angriff auf das kollektive Gedächtnis der Kultur ist, der das Individuum angehört.“ Diese These stützt Simanowski auch mit Lessings Nathan der Weise. In einer der vielen Anmerkungen dieses bemerkenswerten Essays steht dazu: „Der Vergleich von Toleranz und ideologischem Pluralismus mit dem kapitalistischen Konsummodell hat Tradition.“ In Nathan der Weise wehrt sich Daja. Sie kann das letztlich elitäre Toleranzmodell des Kosmopolitismus nicht akzeptieren. Wir Menschen am Sonntag gehen einfach für kurz mal weg von Facebook.

Info

Facebook-Gesellschaft Roberto Simanowski Matthes & Seitz 2016, 238 S., 20 €

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06:00 14.09.2016
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