Uns gibt’s auch als Comic

Die Helikoptermutter Unsere Kolumnistin wird von einem kinderlosen Freund Helikoptermutter genannt. Wenn der wüsste ...
Uns gibt’s auch als Comic
Helikopter-Avantgarde aus den 1920ern
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Vor zehn Jahren erfand die Zeit die Bionade-Biedermeier und etwa genauso lange nennt mich mein Freund R. (Single, gut verdienend, keine Kinder, viele Hobbies) eine Helikoptermutter. Und das, obwohl er mich in meiner Mutterrolle selten sieht: Wir treffen uns immer auswärts und abends. Über die Helikoptermutter denkt R., dass sie zwischen schönen Möbeln wohnt, weil sie zwar eine Akademikerin ohne geregeltes Einkommen ist, dafür aber Geschmack hat. R. weiß aus den Medien, dass sie jeden Schritt des Kindes intensiv plant. Zuerst wird gestillt, es folgen die orthopädisch sorgenfreien Schuhe, dann die richtige Schule, das erste große Drama. Bis zum Abitur surft die Helikoptermutter durchs Netz und sucht nach Ankern für ihre Zweifel, sie liest Nido, Mom, Flow oder das neue SZ-Familienmagazin, sie denkt schüchtern, so schlimm bin ich doch gar nicht!

Gut, dass R. nicht alles weiß. Viel Zeit verbringt die Helikoptermutter nämlich auch mit dem Suchen nach Finkid-Schnäppchen auf Ebay. Finkid? Das ist ein Outdoor-Kinderlabel, markant sind die zipfeligen Kapuzen an Pullis und Jacken. Finkid-Sachen sind teuer, so dass Helikoptermütter in der freien Natur, besonders bei Regen, nervös werden, weil sie sich um die Finkid-Sachen sorgen – mit Flecken kann man sie unmöglich wieder bei Ebay verkaufen!

Auch typisch für uns: keinen Mann finden. Deshalb sind viele H-Mütter weit über 30, wenn sie schwanger werden. Ungefragt kriegt die Mutter dann den glamourösen Titel „Spätgebärende“ geschenkt und arbeitet wacker am MILF-Image (Mom I’d like to fuck). Meldeadresse: Berlin-Prenzlauer Berg. Der Rest ist Witz, uns Mütter vom Kollwitzplatz gib’s auch als Comic.

Und bei mir so? Kurz nach der Zeugung ging der Kindsvater nach Australien. Ich machte Bekanntschaft mit der Oma. Ich ein Wessi, sie ein Ossi. Die Oma vom Kind wollte die Mutter vom ersten Enkelkind sofort kennenlernen, mehr gab es da dann auch nicht zu palavern. „Ditt wäre im Westen so nich möglich jewesen!“

Urvertrauen und Skepsis. Beim überkandidelten Frauenarzt stimmte ich ausschließlich den klassischen Voruntersuchungen zu, musste unterschreiben, dass ich die Privatleistungen auf eigene Verantwortung nicht in Anspruch nehmen will. Kostenpflichtige Ultraschallbilder? Befremdlich. Zwar ließ ich mir ein Nährstoffpaket aufschwatzen, stornierte es aber zu Hause und stellte fest, dass Arzt und Vitaminbude eine Telefonzentrale teilen.

Kinder, wie die Zeit vergeht. Der Nachwuchs sollte in die Schule, weil die Berliner Politik sich in den Kopf gesetzt hatte, die Früheinschulung durchzusetzen. Für alle Kinder, die in einem Jahr sechs Jahre alt wurden, bestand nun Schulpflicht. Viel zu früh! Die Schulärztin meinte über ihre böse Brille hinweg, Mutter, du hast keine Chance, der Junge ist vollkommen gesund! Davon war die Mutter überzeugt, jedoch nicht von der Schulpflicht. Sie schrieb herzzerreißende Briefe. Erzählte von schwierigen Patchwork-Konstellationen, irgendwas von kognitiver und emotionaler Reife. Sie plante mit der Oma, dass sie mit dem Enkelkind noch weiter, tief in den Westen flüchten würde, sollten alle Stricke reißen.

Dann ging sie mit dem Kind noch zum Schulpsychologen, Auflage vom Schulamt. Der wollte das Kind gar nicht sprechen. Meine Argumente interessierten ihn auch nicht. Er meinte, wenn Sie nicht wollen, müssen Sie nicht. So einfach war das. Lieber Freund R., wir Helikoptermütter lieben Psychologen.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag von Juli 2017 an als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 02.08.2017
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