Warmes Gefecht

Schwärmintelligenz Joachim Meyerhoff ist mein Held – aber wird das „Literarische Quartett“ ihn kapieren?

Meist verpasst man blöderweise den Sendetermin des Literarischen Quartetts, die alten Fernsehgewohnheiten sind perdu, der analoge Vorhang zu. Lustigerweise denkt man, wenn denn überhaupt, auch nur freitags an die Sendung. Das Literarische Quartett wurde, soviel man erinnert, auch zu Reich-Ranickis Zeiten schon freitags ausgestrahlt, gegen 23 Uhr im ZDF. Viel zu spät bekanntlich, das Zielpublikum hat da schon zu gähnen begonnen, bei Facebook ist seit langen 20 Minuten tote Hose. Und selbst wenn man eine verpasste Sendung nachschauen wollte, würde man sie über die Mediathek unbedingt nur freitags gegen 23 Uhr abrufen, keinesfalls montags, es ist ein Ritual, bitte lassen Sie uns das!

Siehe da, die letzte Ausstrahlung in diesem Jahr ist am 8. Dezember, und „mein“ Joachim Meyerhoff, sein neuester Roman Die Zweisamkeit der Einzelgänger,steht neben Handkes Die Obstdiebin und Stephen und Owen Kings Sleeping Beauties auf dem Programm. In Kings neuem Thriller, den er mit seinem Sohn geschrieben hat, „werden die Frauen zu barbarischen Bestien und die zurückgebliebenen Männer zu Primitivlingen“. Oha.

Ekliger wäre besser

Soll ich mir die Sendung antun? Weil: mein Joachim Meyerhoff. Da ist jetzt plötzlich etwas Panik – weniger vor dem Gastgeber Volker Weidermann und seiner Performance, für gewöhnlich ein mit Verve vorgetragenes Lob, ein solide strukturierter Verriss. Mir graut auch nicht vor der Philosophin Thea Dorn. Au contraire. Aber vor wem dann? Endlich habe ich jetzt einmal die Gelegenheit, etwas über die Dritte im Trio, Christine Westermann, loszuwerden. Nichts, wirklich nichts gegen diese grundsympathische und lebenskluge Frau. Sowieso: Westermanns flammende Plädoyers sind ja auch ein guter Indikator für Leseeinladungen, die man lieber ausschlägt. Mein Problem mit ihr ist, dass sie über Literatur auf diese warmherzige Art spricht. So als würde sie Bücher am liebsten am Strand lesen, auf einer Coach, in eine Decke aus Pachinowolle gehüllt, wogegen ja gar nichts einzuwenden ist. Westermann ist der Typ Leserin, der Romane „verschlingt“, zuletzt erschien von ihr Da geht noch was. Mit 65 in die Kurve. Ich identifiziere mich lieber mit Maxim Biller, literarisch gesehen wäre ich gern ein Unsympath.

Mit seinen Geschichtentrat der Schauspieler Joachim Meyerhoff zuerst auf die Bühne, 2011 erschien der erste Band seines gefeierten Romanzyklus Alle Toten fliegen hoch. Im Mai 2017 wurde der Schauspieler in der Sektion Darstellende Kunst in die Akademie der Künste aufgenommen und von der Fachzeitschrift Theater heute zum Schauspieler des Jahres 2017 gewählt. Sein jüngster Soloabend ist die umjubelte Adaption von Thomas Melles Die Welt im Rücken, worin er seine bipolare Störung verhandelt (Biller hatte Melles Roman gnadenlos verrissen). Jetzt also der vierte Band, den ich – nun ja – verschlungen habe, und ich fürchte, dass die Westermann ihn auch „wahnsinnig gern gelesen hat“. Womöglich hat sie ihn selbst vorgeschlagen, oder er wurde ihr zugeteilt. Wem denn sonst?

Ich stelle mir nun sehr genau vor, wie die Westermann schwärmt über Meyerhoffs Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Zusammen mit Weidermann, der ja auch gerne mal schwelgt. Weidermanns Tränen wären sehr okay. In der ersten Sendung ohne Biller bekannte er, dass er bei Hanya Yanagiharas Ein wenig Leben geweint habe. Ziemlich denkbar ist, dass Biller mit Meyerhoff nicht viel hätte anfangen können. Seine Literatur wäre ihm zu „gut“, zu wenig bitterböse, zu wenig Oskar Roehler. Und das hätte mich dann doch geärgert. So ein Unsympath, dieser Biller. Aber schlimmer wäre für mich, die ich Meyerhoff so überragend finde, zu hören, dass Frau Westermann beim Lesen wie ich auch Tränen in den Augen gehabt hat. Vor Lachen, vor Trauer. Irgendwie hatte mich schon der humorig augenzwinkernde Klappentext genervt. Weil: Meyerhoffs Geschichten sind zwar tragisch und urkomisch, was daran große Literatur ist, hätte ich gern von Thea Dorn beschrieben, Billers Nachfolgerin.

Um was geht es? Der Held stolpert in eine Ménage-à-trois. Da sind die Freundin, ein Sylvia-Plath-Fan, vielleicht eine Selbstmordkandidatin, die sexhungrige Geliebte, eine dicke Bäckerin, allerlei Verstrickungen, diese Meyerhoff’sche Melancholie. Immer wieder taucht der „mittlere Bruder“ in der Erinnerung auf, den man aus den vorhergehenden Bänden Amerika und Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke kennt. Die Familie des Helden ist einem inzwischen so ans Herz gewachsen wie zuletzt vielleicht jene aus John Irvings Hotel New Hampshire – der Flugzeugabsturz!

Ach, eigentlich will ich unbedingt einschalten ins Literarische Quartett und meine Begeisterung teilen. Von mir aus auch mit Christine Westermann und Herrn Weidermann. Und wie gesagt, sehr gespannt bin ich darauf, was die Dorn wohl sagt.

Info

Die Zweisamkeit der Einzelgänger Joachim Meyerhoff Kiepenheuer & Witsch 2017, 352 S., 24 €

06:00 08.12.2017
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