Wenn Britannia klingelt

Krisensicher Der Brexit und eine Niederlage im Achtelfinale befeuern die Ambitionen der Anleger
Ausgabe 29/2016
Die Anlagemünze Britannia, hergestellt von der Münzprägeanstalt Royal Mint
Die Anlagemünze Britannia, hergestellt von der Münzprägeanstalt Royal Mint

Foto: STL/Imago

Beim Turnier neulich kriegte der Junge eine Goldmedaille, dabei war seine Truppe schon im Achtelfinale rausgeflogen. Es geht um die Würdigung des Einzelnen, klar, so will es die EU, äh die FIFA, beziehungsweise wir Eltern. Dabei sein ist alles, man kann es nicht oft genug sagen.

Für ein Erinnerungsfoto stellten sich die Teams nacheinander in ein Tor. Die Medaillen baumelten. Das Leben war schön. Nur warum blinzelte der Junge so enttäuscht unter der Schirmmütze hervor? Blendete die Sonne? Nein, das war es! Da ging ein Silberpokal herum. Der Pokal wurde abwechselnd geschnappt und in die Höhe gereckt. Nur unser Kind kam nicht ran. Es traute sich nicht, seinen Teamspieler namens Ruben oder Luca anzurempeln in der Art: „Gib mal her, die Schüssel!“ Dieser untröstliche Blick, beinahe hätte ich dem Ruben da den Pokal aus der Hand gerissen, beherrschte mich aber zum Glück, in dieser Liga ist man schnell draußen, gerade weil die Löwenmutter Krallen hat.

Es blieb ja die Goldmedaille. Für das Kind war klar, es ist Gold, was glänzt. All das ist Plastik und Rauch, dozierte ich, aber symbolisch teilzuhaben, hat eben auch einen Wert. Quatsch mit Soße, ich behielt das Martin-Schulz-Mantra für mich und dachte stattdessen an meinen noch nicht ganz ausgereiften Plan, in naher Zukunft ins Silbergeschäft einzusteigen. Für das Kind. Weil wir die Ausbildungsvorsorge sträflich vernachlässigen. Sowieso: Finden wir den (Finanz-)Kapitalismus nicht alle deshalb so doof, weil man uns nie mitspielen lässt?

Aus der Wirtschaft hört man derzeit wieder den Klassiker, dass die Leute nicht nur auf Krisenwährung setzen, sondern auch in Betongold flüchten, also in Immobilien investieren, was besser ist als ein Nullzinskonto, für das man zum Hohn ein Sparschwein aus Plastik kriegt. Kein Schwein wie früher von der Sparkasse (wertiges Hartplastik, hübsch gezackter Einsteckschlitz, damit man nicht die Münzen, schon gar nicht die Scheine heimlich rausfischen kann, einen Schlüssel, den Mama kriegt). Stattdessen ein Billigschwein zum Heulen aus eventuell China (ebenfalls von der Sparkasse). Will man das Schwein plündern, muss man es aufschneiden. Interessant ist, dass unser Sohn immer noch das Wort „zerschlagen“ verwendet, als wäre das Schwein aus Porzellan.

Ich könnte eine Silbermünze Britannia kaufen und auf die Ironie der Geschichte wetten, wie das George Soros gemacht hat, er gewann mit dem Ausgang des Brexit-Referendums irgendwas mit mehreren Millionen. Die Britannia in Silber ist eine Anlagemünze, die von der Münzprägeanstalt Royal Mint des Vereinigten Königreichs herausgegeben wird. Sie war die erste europäische Anlagemünze. Man kann auch die Britannia in Gold kaufen, Schlagzeilen wie „Goldpreis explodiert 2016“ klinge(l)n gut, Starinvestor Jim Rogers warnt jedoch vor einer Gold-Blase. Man solle erst nach dem Preisverfall einsteigen.

Aber noch mal Hand auf Herz beim Brexit. Verfolgt man das Drama ökonomisch, also psychologisch, klingt alles surreal, schwer nach self-fulfilling prophecy, der italienische Philosoph und Marxist Franco „Bifo“ Berardi würde sagen: „Im Finanzkapitalismus lässt sich keinerlei Wahrheit finden.“

So eine Britannia ist erhaben, rebellisch und ehrlich, weil haptisch. Sie ist beruhigend lächerlich. Sie scheint perfekt für Fatalisten und Witzbolde. John Cleese könnte sie in der Schublade horten. Und wenn das Kind groß ist, reicht das Silber vielleicht für einen Trip in die Arbeiterstadt Manchester.

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Geschrieben von

Katharina Schmitz

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Literatur“

Katharina Schmitz studierte Neuere Geschichte, Osteuropäische Geschichte, Politikwissenschaften, Vergleichende Literaturwissenschaften und kurz auch Germanistik und Romanistik in Bonn. Sie volontierte beim Kölner Drittsendeanbieter center tv und arbeitete hier für diverse TV-Politikformate. Es folgte ein Abstecher in die politische Kommunikation und in eine Berliner Unternehmensberatung als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ab 2010 arbeitete sie als freie Autorin für Zeit Online, Brigitte, Berliner Zeitung und den Freitag. Ihre Kolumne „Die Helikoptermutter“ erschien bis 2019 monatlich beim Freitag. Seit 2017 ist sie hier feste Kulturredakteurin mit Schwerpunkt Literatur und Gesellschaft.

Katharina Schmitz

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