Wenn der Klempner klingelt

Seitensprung Unsere Kolumnistin öffnet einem Fremden und bewahrt trotzdem die Contenance
Wenn der Klempner klingelt
Brenzliger wird es nur, wenn man mit dem Klempner verheiratet ist

Foto: Imago Images/United Archives

Vorgestern wälzte ich mich mit dem Klempner auf unserem schmutzigen Küchenboden, die Helikoptermutter noch halb im Business-Outfit (Bluse!), der Klempner im Blaumann, also in der berufstypisch bekannten Latzhose mit jeder Menge Taschen für allerlei Gerätschaften und Tools sowie der Schlaufe im Hüftbereich, um den Hammer wie in einen Halfter wegstecken zu können.

Moment und Contenance! Jetzt aber mal das Kopfkino nicht automatisch einschalten, verehrte/r Leser/in, das wird keine Fantasiereise hier. Der Klempner und ich lagen da ja nicht etwa, weil sich die Wochenzeitung Zeit in einer ihrer letzten Ausgaben doch recht anregend mit dem Thema Monogamie befasst hat und uns nun bei der erstbesten Gelegenheit die Pferde durchgingen („es ist einfach so passiert“– die größte Lüge unter den Ausreden), sondern weil es dem Nachbarn unter uns durch die Decke tropfte.

Aber gut, ich schrieb ja auch etwas effekthascherisch von „wälzen“. Tatsächlich lag der Klempner (bitte die laxe Berufsbezeichnung nicht ehrverletzend deuten, aber Gas-, Heizungs- und Wasserinstallateur bringe ich doch schwer in der korrekten Reihenfolge über die Lippen) seriös angeschrägt am Boden, ich zur anderen Seite. Wir bildeten vor der aus ihrer Verankerung gelösten Spülmaschine eine Art V und suchten das Leck, welches gar nicht so leicht zu lokalisieren war. Die Feuchtgebiete, Pardon!, Rückfall, befanden sich hinter der Küchenblende, die nun freigelegt war, der Klempner mit seiner Taschenlampe leuchtete in die dunklen Ecken.

Der Nachbar hatte am Abend zuvor noch zaghaft geklopft, die Helikoptermutter schon im Schlafanzug, der Ehemann noch unterwegs. In Anbetracht der Lage hatte sie den Nachbarn natürlich sofort reingebeten, die Lage unter der Küchenspüle mit ihm zusammen (in der Hocke) zu begutachten. „Nachbar“, „Klempner“, du gute Güte, es fällt mir ja selbst auf, wie frivol aus dem Zusammenhang gerissen das klingt. Der Haupthahn wurde schnöde abgedreht, um Schlimmeres zu verhindern, danach der Hausmeister aus dem Bett geklingelt. Ich frage mich nun, wem sonst hat die Zeit ein ordentliches Kopfkino besorgt? Zurück zur unverfänglichen Havarie in unserer Küche. Der Klempner erklärte mir in extended version, wie er das Leck lokalisiert. Er erklärte das mit Verve und der speziellen Handwerker-Männlichkeit. So lagen wir auf dem Boden, seine Taschenlampe leuchtete und ich imponierte ihm mit gar nicht so dummer Assistenz!

In der Zeit stand über den Seitensprung, dass Leute nicht etwa fremdgehen, weil sie fremdküssen wollen, sondern vielmehr, weil sie die fremde Person in sich endlich kennen lernen wollen, eine, die hoffentlich existiert. Weniges dürfte desillusionierender sein als ein Ich, an dem nicht zu rütteln ist. Zwar wird uns ständig vorgegaukelt, man könne sich neu erfinden, und besonders im Frühling geht es in Zeitschriften um Aufbruch und Neuanfang. Andererseits: Man darf sich einiges von Diäten erhoffen, jedoch keine Wunder. Zuhause kennen einen immer alle. Von den Kindern ist sowieso nicht zu erwarten, dass man eine komplett Andere sein dürfte. Vielleicht würde man weniger schimpfen, aber wäre man wirklich komplett ausgewechselt, würde das entweder schwer bekifft aussehen oder wie jemand, der auf dem Sprung ist, Zigaretten zu holen. Die so genannte bessere Hälfte würde den Einzug einer zweiten Unbekannten sicher sexy finden, aber das Pendant dazu wäre diese Hälfte doch vermutlich gern selbst.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 21.03.2020
Geschrieben von

Ausgabe 13/2020

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