Wenn die Giftblätter drohen

Die Helikoptermutter Kompetenzblätter statt Schulzeugnis? Voll doof, findet unsere Kolumnistin. Giftblätter aber nicht minder
Wenn die Giftblätter drohen
Don't you know that you're toxic?

Foto: Joker/Imago

Mein Sohn besucht die vierte Klasse einer Berliner Grundschule. Vor den Winterferien raunt er: „Gibt bald Giftblätter.“ Giftblätter? Kommt bestimmt aus der DDR, der Ausdruck für Zeugnisse, frotzle ich leise – und, liebe Leserin, schimpfen Sie, stellen Sie richtig, denn ich liege damit sicher falsch. Ich will sagen, unsere Schule ist super, meist optimal „ostig“, sie hat bewahrt, was sich bewährt hat.

Ich komme aus Rheinland-Pfalz und habe nie von Giftblättern gehört. Ich denke: Was ist denn am Zeugnis gefährlich? Vielleicht fehlt mir der Sinn, an der richtigen Stelle im Leben meines Sohnes den richtigen Nervenkitzel zu erzeugen, denn ich beschwichtige ihn. Sein Zeugnis sei nicht „toxisch“, um ein Modewort zu verwenden, sondern ein Durchschnitt aus Tests und Klassenarbeiten, oder allgemein: Es ist die Quersumme seiner Leistungen. Konkret: In Mathe oder Sport müsse er sich wohl keine Sorgen machen. In Deutsch: riesige Fortschritte! Keine Eins in Kunst: ein Adelsschlag. „Bei dir ist der Himmel eben nicht blau oder das Gras grün. So formatiert ist die Welt nicht, wie Frau Habicht das gern hätte.“ „Giftblätter“, sagt das Kind und verschwindet in seinem Zimmer.

Ich finde die Bezeichnung doof. Sie suggeriert, dass man sich fürchten soll. Besser man ist gewappnet. Was soll das? Für die dritte Klasse durften wir Eltern noch für oder gegen Noten stimmen statt der „pädagogisch wertvollen“ Kompetenzblätter, die es in der ersten und zweiten Klasse zur Leistungsbeurteilung gibt. Die offene Wahl selbst war eine Farce gewesen. Der Klassenlehrerin ist es zwar untersagt, eine Empfehlung abzugeben, gar einen tendenziösen Vortrag über das Pro und Contra von Noten zu halten, aber man sah ihr doch an der Nasenspitze an, dass sie die Noten wollte und keine Augenwischerei. Man mache sich nichts vor: Sind in den vier Spalten der Kompetenzblätter die Kreuze immer in Spalte drei und vier, liegt das Kind hinten, nicht vorne. Den Rest muss man sich allerdings zusammenreimen, die Kompetenzblätter sind sehr ausdifferenziert.

Ein Leben ohne Frustration. Das Zuckerbrot ohne die Peitsche. Ob das verbale Zeugnis geeignet ist, ein Kind zu motivieren, statt zu traumatisieren, ist die große Frage, die nicht nur unter Eltern gern kontrovers, nicht selten hochemotional diskutiert wird. Manche haben die eigene Schmach nie überwunden. Die anderen sagen: Kinder schreiben vielleicht keine guten Noten, aber blöde sind sie trotzdem nicht. Jene Eltern (wie ich), die das Zeugnis vom Kind auch heimlich als ihren Erfolg werten, sehen sowieso lieber die nackte Note. Andere können das Giftblatt kaum erwarten, sie wollen Gewissheit, ob ihr Einser-Kind schon jetzt auf ein Gymnasium wechseln kann oder später doch um die Restplätze im Kiez gerangelt werden muss. Für Mütter wie mich, deren Mittelfeld-Kind tatsächlich ein Kandidat ist, wo viel Druck vielleicht schadet, war die Sache mit den Noten zumindest eine Überlegung wert. Am Elternabend stimmte die erdrückende Mehrheit aber für Noten. Da war unsereins kleinlaut.

Tag der Zeugnisvergabe. Das Kind mit düsterem Blick. „Ich habe eine Drei in Mathe!“ Ausgerechnet! Sein ganzer Stolz. Die Erzieherin erklärt, dass Frau Patzke das Mündliche dieses Mal stark bewertet habe. Sie hatte also an so manchem Störer ein Exempel statuiert. Meine Lektion an das Kind: Auf dem Giftblatt steht eine Drei, ich sehe aber praktisch eine Eins. Deine Mathelehrerin rechnet sich den Himmel vielleicht grün, dabei leuchtet er heute blau.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 02.04.2018
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