„Westdeutschland war langweilig“

Interview Jakob Hein ist seit über 20 Jahren Psychiater und Schriftsteller. Ein Gespräch über Hypochonder, normale Macken und Hefeteig

Nicht sehr höflich ist es, den Schriftsteller und Psychiater Jakob Hein noch immer zuerst als Sohn von Christoph Hein vorzustellen. Da ist einer fast 50, hat selbst einige Romane geschrieben, arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Psychiater (worüber er in seinem gerade erschienenen Buch Hypochonder leben länger berichtet), stand 23 Jahre jeden Sonntag auf der Reformbühne Heim & Welt zusammen mit Wladimir Kaminer, Bov Bjerg, Ahne und anderen AutorInnen, aber: Es hilft nichts: Fragt man, kennst du diesen Hein, lautet die Antwort vermutlich: klar kenn’ ich Christoph Hein!

Treffen in der Praxis in Kreuzberg, an den Türen sind keine Nummern, sondern Kinderbuchfiguren. Sie machen die PatientInnen nicht nervös. Wir treten ins Karlsson-vom-Dach-Zimmer, nehmen Platz an einem ovalen Tisch, runde Formen harmonisieren die Gesprächssituation.

Zweite Generation Ost

Vorm Psychiater verhält man sich immer dumm. Und so frage ich, ob denn der Kurt Krömer, mit dem er zusammen eine Show gemacht hat, „der einzige Westfreund“ sei. Aber mitnichten, Hein muss sofort ausholen, seine Familie ist weitverzweigt, „die Tante Dorothea war eine sehr schöne Frau und der Opa war ja Pfarrer. ‚Pfarrer Hein, ich will Ihre Tochter heiraten‘ “, sei eines Tages ein Diakon gekommen, „dann entstieg sie auf ein BMW-Motorrad und entschwand Richtung Rheinland“. In die Weltstadt Köln. Dachte man. Nach der Wende stellte sich heraus: eine Troisdorfer Mischpoke! Und: Der Vater habe ja noch in Westberlin Abitur gemacht. Kurz: die Mutter, Christiane Hein, eine Dokumentarfilmerin, bei der Defa angestellt, der Vater, ein international bekannter Schriftsteller: Wenn er durchsortieren müsste, kämen so einige „Westfreunde“ zusammen, aber: „Westdeutschland war das Uninteressanteste der Welt.“

Auf gruselige Art akzeptabel

Die Idee zu seinem Buch Hypochonder leben länger (Galiani, 240 S., 20 Euro) sei von der Wissenschaftsjournalistin Kerstin Kullmann gekommen, schreibt Jakob Hein. Kullmann habe sich gewundert, warum der Schriftsteller Hein noch nie über seine Arbeit als Psychiater geschrieben hatte. Seine Antwort damals: weil viele Menschen bereits eine genaue Vorstellung von seinem Beruf hätten, „ohne den Schatten einer Ahnung“.

Es wurde ein guter Ausgangspunkt für ein Buch, in dem über diverse Missverständnisse, lustige Vorurteile und unzählige Klischees liebevoll aufgeklärt wird – sowie über die Leiden des Arztes: „Als Psychiater musst du damit leben, dass die Leute ein klares Bild von deiner Arbeit haben.“ Es gebe zwei Bilder, der vollbärtige, seltsame Herr mit der Couch, „sein ganzer Berufsstand ist Ausdruck und Beweis der Dekadenz unserer Welt“. Das andere Bild sei der Sadist im weißen Kittel, der in einer Nervenklinik am Stadtrand sein Unwesen treibe, die sinistre Nebenfigur quasi in jedem vierten Tatort. Schon als Jugendlicher stand der Berufswunsch fest: „Ein angenehmer Nebeneffekt meiner Begeisterung für die Psychiatrie war, dass ich endlich eine Antwort auf die Frage parat hatte, mit der Jugendliche von Erwachsenen am häufigsten gequält werden. Ich konnte jetzt sagen, dass ich Psychiater werden wolle. (...) Das klang kompliziert und spezifisch. (...) Sogar unter Gleichaltrigen war mein Berufswunsch auf eine leicht gruselige Art akzeptabel.“

Hein kann bis heute nicht genau sagen, warum er Psychiater werden wollte und nicht Psychologe, jedenfalls nicht, um Medikamente zu verschreiben. Denn er kannte damals schlicht den Unterschied nicht.

Was war dann interessant? Ein Schriftsteller aus dem Senegal. Oder: Nicole Bary aus Paris, die bedeutende Buchhändlerin. Kurt Vonnegut zu Hause – „der Hammer“. Klingt nach Aufwachsen in einer faszinierenden Boheme? „Meine Eltern waren jetzt nicht so Szenetypen. Bin ich auch nicht.“ War oder ist er denn in so einer Art Nachwende-Boheme? „Du meinst, so nach dem Motto: Wir aus dem Amalienpark? Klar, wenn man sich so trifft, dann sehe ich vielleicht die Kinder von Corinna Harfouch, Ulrich Mühe und so.“ Aber „so“ 30 Jahre nach der Wende und „so“ als zweite Generation Ost, „da würde ich gern mal eine Anmerkung machen“, sagt Hein jetzt, wo man beim Thema ist. „Wenn ein ZDF-Fernsehspiel über den Osten einen Preis bekommt und von 30 Leuten aus dem Cast null Leute aus dem Osten sind, da ist doch ein Fehler in der Geschichte.“ Es gibt immer noch keinen ostdeutschen Sender, der einen Chef oder eine Chefin mit einer ostdeutschen Biografie hat. „Ich glaube, es gibt an den Unikliniken keinen Universitätsprofessor mit einer Ostbiografie.“ Im Osten habe es eine Kombinatsdirektorin gegeben. Die Gleichberechtigung ging im Osten bis in die Führungsetagen, und im Politbüro „war der Männeranteil immerhin 90 Prozent. In den Führungsgremien der CDU ja lange 100 Prozent“. Hein hat das auf Facebook gespostet. „Das ist 50-mal geteilt worden. Ich gratulierte da dem Team aus Opladen, Zürich, Dänemark. Ich habe einfach nur geschrieben, wo die Leute herkommen.“ Hein ist angriffslustig, behält einen freundlichen Witz und simuliert doch keine Tiefenentspanntheit. Humor, sagt er, sei ein häufiges Kommunikationsinstrument in seiner Familie, ein übliches sozusagen. Sehr, sehr viel stärker in der Familie des Vaters. Aber ganz sicher auch von der Mutter.

Disharmonien oder Probleme, sagt Hein, würde er gerade durch seine besondere Konstellation lieber mit sich selbst ausmachen; er will so etwas nicht öffentlich verhandeln wie andere Kollegen. Er will auch nicht über seine Kinder reden. Findet das unangenehm.

Mittagsschlaf, jeden Tag

Sprechen wir also über die Psychiatrie. Im Buch schreibt Hein, dass er schon als Jugendlicher Psychiater werden wollte, weil er in der Jugend auf „intensive Weise seine Psyche“ nicht verstand. Nicht nur dieses Dilemma zu lösen, sondern auch noch die „Psychen anderer Menschen zu verstehen“, erschien ihm verlockend. „Geradezu paradiesisch kam mir damals der Gedanke vor, die Psyche von Frauen verstehen zu können.“ Schwere Pubertät? „Wer hat schon ’ne leichte Pubertät“, sagt Hein. Es gebe da so einen Trend der Pubertätsmenschenbeschreibung als Pubertist und Pubertier, aber öfter würden die Eltern schlicht große Probleme mit sich selbst beschreiben, „aber wehe, du sagst ihnen das“.

Im Hypochonder leben länger geht es auch um die hartnäckige Vorurteile gegenüber der Psychotherapie, die viele immer noch für eine Pseudowissenschaft halten, es geht um landläufige Horrorvorstellungen, zum Beispiel, dass einige als „weiß bekittelte Sadisten“ in einem „Irrenhaus am Rande der Stadt“ arbeiten. Hartnäckig hält sich auch die Idee, dass die allermeisten Psychiater selbst nicht alle Tassen im Schrank haben.

Was sind denn die Macken des Psychiaters Hein? „Ich habe unendlich viele Macken. Ich habe Probleme, im Hier und Jetzt zu bleiben. Ich treibe mich selber total anstrengend durchs Leben. Wenn ich jetzt also am Montag um 20 Uhr einen Hefeteig beginne, dann sind Teile meines Lebens bis Dienstag um 22 Uhr verplant. Wenn es dann nicht so geht, wie ich mir das vorgestellt habe, dann bin ich auch gereizt. Und: Nach dem Mittag muss ich mich zehn Minuten hinlegen. Jeden Tag. Das ist schon auch ’ne Macke.“ Medien? „Absolut ja. Wenn ich schreibe, schalte ich es inzwischen aus, bei uns zu Hause. Es ist erstaunlich, wie häufig der Impuls bei mir ankommt, noch etwas nachschauen zu wollen. Mittlerweile schreibe ich es mir auf den Zettel.“

Waren in der DDR die Psychiater die Bösen? „Aber nein. Ein heute sehr umstrittener Psychologe wie Herr Maaz war eine unbestrittene Autorität.“ Hans-Joachim Maaz habe unheimlich vielen Leuten geholfen, indem er sie krankschrieb, sodass sie aus ihren toxischen Arbeitsprozessen rauskommen konnten. Aber was er heute sage, sei aus wissenschaftlicher Sicht Quatsch. Warum? Was macht man, wenn man in der DDR aufgewachsen ist und sich heute um seine Biografie betrogen fühlt? Karl Jaspers, der große Philosoph und große Psychotherapeut, sagt Hein, „der zum Philosophen wurde, um mit seiner Frau weiter in Deutschland leben zu dürfen, weil man keinen verjudeten Arzt wollte“, habe gesagt, es gäbe individuelle Faktoren der Psychotherapie; völlig gegensätzliche Grundannahmen könnten zum Ziel führen. „Gleich und gleich gesellt sich gern“, da falle einem sofort ein Paar ein, „Gegensätze ziehen sich an“, das Gleiche. Aber wenn man versuche, aus den Grundsätzen individueller Psychotherapie allgemeine Maximen zu formulieren, würden sie zu Ideologien. Religiös? Nein, Atheist. „Mein Vater ist agnostisch. Meiner Mutter ist der Judaismus aberkannt worden. Für mich hatte sich das dann auch erledigt.“ In Vielleicht ist es sogar schön, einem Roman von 2004, schrieb er darüber und verarbeitete den Tod seiner Mutter im Jahr 2002 mit 57 Jahren.

Als die Mutter die Diagnose Krebs bekam, war er 26. Als sie starb, war er 30 – und Facharzt. Sein schlimmstes Erlebnis bisher, sagt Hein. Traurig auch, dass die Mutter seine Kinder nicht kennenlernte? „Das ist dann eben so. Was soll’s. Ich probiere jetzt aber nicht, mir Sachen zu vergegenwärtigen, die die Sache noch schlimmer machen“.

Psychiater, Schriftsteller, zwischendurch Hefeteig ansetzen – muss man sich disziplinieren bei dem Pensum? „,Diszplinieren‘, komisches Wort“, findet Hein. Es klänge so, als gäbe es noch etwas Eigentliches, und dann vergisst man das. So empfindet er das nicht. „Noch eine Macke, wenn es sozial akzeptiert wäre, würde ich auf Partys nach zehn Minuten wieder gehen. Ich gehe supergern auf Partys , aber wenn ich mit allen gesprochen habe, kann ich wieder gehen.“

Hein trägt ein unoriginelles T-Shirt, was auch eine Art von Eitelkeit sein kann. Er verneint, er sei manchmal sogar zu uneitel, wenn man die beiden Söhne frage. Er ist ein großer Fan des US-amerikanischen Philosophen Thomas Nagel, der sinngemäß sage, in einer Million Jahren würde sowieso niemand mehr wissen, dass wir mal waren, dann könne man auch komisch sein, oder unmännlich aussehen, alles egal. Er definiere sich nicht primär aus seinem Gender heraus, „ich weiß nicht, wie viele Frauen ich rumkriegen könnte, aber das ist mir auch scheißegal, ich lebe in einer guten Beziehung“.

Ist er ein ehrgeiziger Schriftsteller? „Ja, auf jeden Fall, aber bei meinem Ehrgeiz bin ich Realist. Es gibt ja viele Faktoren, die gegen mich sprechen, als Preisträger. Ich bin ja in einem Könnte-man-auch-mal-drauf-gucken-Topf, und da wird man heutzutage immer – Gott sei Dank – Frauen bevorzugen. Und als Lesebühnenautor gilt man als höchst verdächtig. Lieber etwas ganz Depressives, wo man nichts versteht.“ Apropos. Kennt er Joachim Meyerhoff? Der zum Weinen schön und tragikomisch vom Aufwachsen auf dem Gelände der Psychiatrie erzählte, in der sein Vater Anstaltsleiter war? Hat er verschlungen. Er habe ja diesen Verrückt-Podcast, sei seitdem auf der Jagd nach Meyerhoff …

Ist ein „Dreiviertelwunsch“, von dem er schreibt, wenn Leute jahrelang vom eigenen Café quatschen und es doch nie wagen? Hein meint damit konkurrierende Lebenskonzepte. So ein bisschen wie in Modern Times. Er sieht Karusselle, die sich gegenläufig drehen. Man könne wechseln, aber das vollständige Loslassen und Verlassen des Alten sei das Problem. Noch eine Runde, aber dann. „Es ist das Dreiviertelhafte: Noch eine Runde. Derweil man ein nicht eigentliches Leben lebt. Jetzt noch bei der Versicherung, aber demnächst mit dem Papst eine Herrenboutique in Wuppertal.“ Und wo steht Jakob Hein selbst? „Ich führe ein ziemlich schönes Leben, habe zwei sehr interessante Berufe, ich bin seit 28 Jahren in einer sehr schönen Beziehung. Ich habe meine Defizite ausreichend kompensiert und kann meine Stärken erfahren. Sachen stören mich nicht.“

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06:00 03.09.2020
Geschrieben von

Ausgabe 16/2021

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