Wie ich die Kiezbuchhandlung hassen lernte

Glosse Willst kein Thalia oder Dussmann sein, willst alles gut machen. Zu gut.

Liebe, gemütliche Kiezbuchhandlung, dir geht es leider wie einer Figur in Julian Barnes neuem Buch Unbefugtes Betreten: Wollte alles richtig machen, auf die freundliche Art. Und wurde von seiner Liebe verlassen. Du siehst diesem Geoff ein wenig ähnlich.

Wer dich betritt, sieht als Erstes ein Plakat mit Fotos von deinen Verkäufern. Sie grüßen mit einem authentischen Lächeln und einem fröhlich geneigten Kopf. Sie heißen Svenja, David und Bernd. Ein Slogan verspricht, dass die drei jetzt für den Hereintretenden da sein werden. Dein Inneres ist tatsächlich warm und so gar nicht großstädtisch kühl. Wer hier reinkommt, der kauft seine Bücher nicht schnöde im Internet. Wer hier reinkommt, ist der haptische Typ. So einer, denkst du, möchte am Ende des Tages nicht nur ein Buch, sondern auch einen sinnlichen Gegenstand mit ins Bett nehmen. Viel Mühe hast du daher auf ein bibliophiles Flair verwendet. Bist ambitioniert bis ins Detail.

Deine Regale sind von A bis Z handschriftlich gekennzeichnet. Eine hübsche „Ich-studiere-Literatur-im-ersten-Semester-und-habe-hier-einen-400-Euro-Job“-Kursivschrift zeigt, dass sich Svenja mit ihrer Arbeit und der Stadt identifiziert. Vor zwei Jahren ist sie in diese hübsche Einraumwohnung um die Ecke gezogen: „Berlin ist ja so spannend!“ So fantasiert man und fühlt mit, denn genau so war es ja bei einem selbst. Überhaupt – die innige Sympathie mit jedem einzelnen Leser ist nicht zu übersehen. Über den Regalen hängen freundliche Kreidetafeln zur weiteren Orientierung. Launige Wortpaare wie „Kochen und Genießen“, „Kreativität und Inspiration“, „Nachhaltig leben“ oder „Träum Dich weg“ (für Reiseliteratur) heben sich ab von bösen Bücherketten. Ja, du bist anders, du gibst dem Leser mehr als nur ein Buch. Gibst ihm auch ein Gefühl. Das gute Gefühl, dass es sogar in dieser Gegend noch Orte mit Seele gibt. Uns Kiezbewohnern ist manchmal nämlich sehr nach Wegziehen oder wenigstens einem langen Urlaub in Südfrankreich, gerade jetzt im Winter, und weil das nicht geht, wollen wir allerwenigstens das einzig richtige Buch, jetzt, in diesem Augenblick.

Dafür, auch dafür, bist du da. Man spürt es, Kiezbuchhandlung, du freust dich sehr, dass wir eine kleine, verschworene Literatur-Genuss-Gemeinde sind. Deshalb sollen wir auch erfahren, wie du die Bücher persönlich findest. Auf einer Neuerscheinung klebt ein handgeschriebenes Post-it: „Wir sind hin und weg“, Paul Austers neuer Roman sei „der Hammer seines Lebens“ schreibt Bernd. Davids Analyse zu Daniel Woodrell: „großes Kopfkino“. Svenja findet DonDeLillo „außergewöhnlich intensiv“. Sowieso – überall stehen eure „Lieblingsbücher“.

Dann ist da die Auslage mit English Books und Children Books. Echt okay, wie du dich auf die Gentrifizierung eingestellt hast, ganz unverkrampft. An der Wand hängen die Fotos eurer Autorengäste in Schwarz-Weiß. Martin Suter war hier, Horst Evers, Roger Willemsen, Murakami, Jonathan Safran Foer.

Du hast zum Glück auch eine große Auswahl an Moleskines. Wir Lesefreunde schreiben ja auch gerne, machen uns Notizen – über unsere Beobachtungen im Kiez, über den normalen Alltag, nichts Großes. Bei dir ist überhaupt nichts groß. Alles ist kiezig analog echt, wirklich schön, man würde jetzt gerne mit Bernd einen Kaffee trinken. Andererseits – und dann denkt man wieder an Julian Barnes. Und wenn in diesem Augenblick so ein Jeff oder ein Dave den Laden betritt und sich über dein freundliches Wesen freut, dann kann es sein, dass er Zeuge wird, wie ein anderer Kunde gerade ein wenig durchdreht und, oh my god! beim Herausrennen gleich noch das Plakat da runterreißt.

Katharina Schmitz porträtierte zuletzt im Freitag die Autorin Iris Hanika

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Geschrieben von

Katharina Schmitz

Redakteurin Kultur

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