Wir alten weißen Frauen

Ageism Im Geschlechterkampf siegt jetzt immer öfter die Frau. Aber sie ist meist jung. Der Rest wird diskriminert

Rezo, der die CDU in einem Youtube-Clip „zerstörte“ und inzwischen eine Kolumne bei Zeit Online betreibt, wollte ein wenig die Luft aus dem Kessel lassen. In einer Satiresendung des WDR hatte ein Kinderchor die rüstige Oma, die in dem bekannten Volkslied in einem Stall Motorrad fährt, als „Umweltsau“ besungen, eine, die Kreuzfahrten macht, mit dem SUV zum Arzt fährt und Discounter-Fleisch kauft. Das fanden einige sehr böse und ein paar rechte Seniorenversteher hatten sich sogar zum Protest vor dem Kölner WDR versammelt. Das Video wurde aus der Mediathek entfernt. Rezo schrieb, das Ganze sei trotzdem kein echter Shitstorm gewesen, weil nur die wenigsten überhaupt bei Twitter sind, und: wozu überhaupt die Aufregung. Statistisch gesehen sei die Oma eines achtjährigen Kindes heutzutage Jahrgang 1956. Wenn überhaupt hätte man Tom Buhrow beleidigt, Jahrgang 1958, und nicht zum Beispiel den über 90-jährigen Vater des Intendanten. Die Spätgebärende rechnet kurz durch. Ja, wäre sie denn bald schon Oma eines Achtjährigen?

Im Jahr 2004 schrieb der damalige FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher seinen Methusalemkomplex. Er beschrieb die dramatische Überalterung der Gesellschaft und befand, dass das Älterwerden unbedingt positiver betrachtet werden muss. Schirrmacher zitierte eine andere Version des Liedes, wie man es wohl zum Höhepunkt der Inflation in Deutschland sang: Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen und interpretierte: „Die Lebensleistung der Alten ist in Zeiten der komplexen Kapitalentwertung gerade gut genug, um verschwendet zu werden. Wahrscheinlich war keine Generation prägender für die Geschichte des 20. Jahrhunderts als jene, die das damals sang.“ Und heute? Angeblich sind es die sogenannten OK Boomer, die die Zukunft der Jungen verzocken, wenn sie den Klimawandel geradezu infantil ignorieren. Die OK Boomer, das sind grob umrissen die geburtenstarken Jahrgänge von Mitte der 1950er bis 1968.

Distinktionsbemühungen

Man fragt sich, wo steckt eigentlich der „alte weiße Mann“? Lösen ihn die OK Boomer – jetzt quasi geschlechtsneutral – ab? Der heutige FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube hat für ihn eine Abkürzung geprägt, den AWM. Aber wie alt ist er eigentlich? Die Netz-Feministin Sophie Passmann hat in ihrem Interviewband Alte Weiße Männer unter anderen den Sterne-Koch Tim Raue befragt. Raue ist Jahrgang 1974. 1974? Mit „alt“ sei ja gar nicht das biologische Alter gemeint, erklärt Passmann, sondern mehr ein ausgeprägter Starrsinn. Der alte weiße Mann sei blind für seinen Status und seine Privilegien. Der Soziologe Kaube befand, das Etikett sei willkürlich, reiche nicht zur Beschreibung eines soziologischen Typus. Im Extremfall könne „auch eine farbige alte Frau von Einfluss, sofern sie nur reaktionär genug ist, ein AWM sein“. (Und in der Zukunft könnte somit auch die Feministin Passmann eine alte weiße Frau sein, eine AWF.)

Mir standen jedenfalls immer schon auch „alte weiße Frauen“ als Bild vor Augen, wenn vom alten weißen Mann die Rede war. Die AWF ist jedoch nur biologisch „markiert“, ansonsten unsichtbar oder marginalisiert. Kein Wunder. Sie geht und sitzt nicht so breitbeinig. Sie ist kein Feindbild. Ihre Probleme sind Problemchen, die sie für sich behält, weil sie Distinktionspraktiken für die klügere Strategie hält. Distinktion meint: Egal ob Mann oder Frau, man grenzt sich ab. Gegenüber Älteren oder Gleichaltrigen, die ihr Alter nicht akzeptieren wollen (und in Botox investieren). Eine andere Strategie nach vorne ist: die Haare nicht mehr färben. Richtig Alte grenzen sich gegenüber richtig Alten ab, die immer nur jammern. Die Soziologie spricht von einer Distinktion nach oben, nach unten und zur Seite.

Eva Illouz stellt in ihrem Buch Warum Liebe endet fest, dass die ältere Frau in einer durchökonomisierten Gesellschaft, in der Attraktivität einen hohen Wert hat, weniger Kapital mitbringt als andere. Die alternde Frau verliert dabei schneller als der alternde Mann an sozialem und kulturellem Kapital. Die AWF steht also nicht nur mit weniger Kapital da, in einer Gesellschaft, die möglichst progressiv und divers sein will, sinkt ihr Marktwert zusätzlich.

Doing Age

Man nennt es Doing Age. Genauso wie in der Gendertheorie, die das Geschlecht nicht nur als biologischen Fakt, sondern auch als soziale Konstruktion in den Blick nimmt, muss das Altern als Effekt gesellschaftlicher Zuschreibungen und Machtverhältnisse verstanden werden: mit zunehmendem Alter wird man alt gemacht. Bei einem Kompliment wie „jung geblieben“ sollte man sich daher auch fragen, ob man sich wirklich freuen soll. Denn mit Alterszuschreibungen lassen sich „soziale (Nicht-)Zugehörigkeiten herstellen und legitimieren“, schreibt der Soziologe Ludwig Amrhein.

Jahrgang 1970. Irgendwie zählt man also bald schon zu den jungen Alten, und soll trotzdem bis Ende 60 damit rechnen, seine Arbeitskraft verkaufen zu müssen. Vielleicht hört man auch gar nicht auf, weil die Rente niemals reichen wird, schon gar nicht für ein Motorrad. Ein hartes Brot in einer Gesellschaft, die Menschen schon ab Anfang 40 alt aussehen lässt, aus dem Arbeitsmarkt unauffällig rauskickt (wenn Bewerbungen von Somethingfortys rasch zu den Rücksendungen gelegt werden). Altersdiskriminierung ist zwar per Gesetz verboten, jedoch schwierig zu beweisen, schwieriger vielleicht als Diskriminierung aufgrund sexueller Identität, Behinderung oder ethnischer Zugehörigkeit. Den Beruf zu wechseln gilt als Riesen-Risiko. Studieren mit über 40? Gilt als kurios. Die Hochschulen sind dafür auch nur kläglich ausgerichtet. Schon mal überlegt, in eine private Krankenversicherung zu wechseln, mit 45?

Kollateralschaden

Es tut weh. Im Geschlechterkampf siegt jetzt zwar des Öfteren die junge weiße Frau. Aber die alte weiße Frau verliert. Und der AWM verliert natürlich auch, weil die junge Kollegin jetzt dran ist. Sorry, weiß der Feminismus, das ist ein „Kollateralschaden“ von Fortschritt und Gerechtigkeit. Weil aber die alte weiße Frau noch nicht einmal mitgemeint ist, wenn vom irgendwie alten weißen Mann die Rede ist, existiert ihr Problem erst gar nicht.

Ageism hat nicht nur im Feminismus, sondern auch im Zuge der Identitätspolitiken kaum eine Rolle gespielt. Wieso auch? Die OK Boomer sind ja keine Minderheit. Und selbst im Nachwendediskurs geht es vor allem um die Schieflagen zwischen Ost und West. Die meisten Wendeverlierer*innen verloren aber, weil sie als zu alt für einen Neuanfang abgestempelt wurden. Berufliche Umschulungen wurden zu Orwell’schen Warteschleifen. Die kämpferischen jungen Frauen dampften ab in den Westen. Und die mittelalte, mittellose West-Frau nach der Scheidung war selbst schuld. Hätte sie mal voll gearbeitet wie die Frauen im Osten.

Best Ager. So bezeichnet das Marketing Leute ab 50 und adressiert eine kaufkräftige, konsumfreudige Zielgruppe. Googelt man den Begriff, ploppt als Erstes eine sehr fröhliche Frau mit grauem Haar auf, der Mann mit seniorenhaftem Schal trägt sie im Huckepack und schaut aktiv. Mann, sehen die alt aus, weil sie so unternehmungslustig aussehen! Klarer Fall von positiver Diskriminierung. Für „richtige“ Alte gibt es in Deutschland gefühlt gerade mal ein Bild, drei Senioren*innen auf einer Bank, mit dem Rücken zum Betrachter. Es geht dann immer um Altersarmut.

Finnlandisierung

Noch mal zu den reifen Frauen. Sind sie nicht doch sichtbar? Ja, als Kommissarin zum Beispiel, omnipräsent im deutschen TV. Meist verhärtet im Charakter, Beziehungsstatus: kompliziert. Die alte weiße Frau ist hier vor allem mit Scherbenhaufen im Privaten beschäftigt. Manchmal legt sie noch mal richtig los und eröffnet ein Café, dann verliebt sie sich in den ersten Gast, (der dann aber kein junger Macron ist). Oder sie zieht eiskalt Strippen, so wie Désirée Nosbusch in Bad Banks. Oder. Um das ganz große Fass aufzumachen: Im großen #Metoo-Komplex gab es eine Reihe von „alten“ Frauen, die sich vorbehaltlos mit der Sache solidarisierten. Und es gab andere, die ambivalente Ansichten vertraten und an Tabus rührten, was vielerorts als Kriegserklärung gesehen wurde. Alte weiße Frauen können im Krieg aber nur verlieren.

Vielleicht kommt die AWF noch am besten weg im Theater von René Pollesch und in persona von Sophie Rois. Freilich hochneurotisch. Und ihr Sidekick ist oft Martin Wuttke, der auch nichts mehr versteht. Auf der politischen Bühne übernehmen derweil die Jungen: Die neue finnische Regierungskoalition wird durchweg von Frauen geführt, vier von ihnen sind knapp über 30 und alle überaus attraktiv. Was für ein wirkmächtiges Bild.

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06:00 09.02.2020
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Ausgabe 32/2020

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