Wo Uhly den Most holt

Porträt Der Secession Verlag ist der Newcomer 2011. Das Buch "Adamsfuge" ist ein ziemlicher Erfolg – und längst nicht der einzige

Auf dem Klingelschild steht nicht der Verlagsname, sondern nur der Name des Verlegers, doch Christian Ruzicska öffnet nicht. „Wenn er nicht zu Hause ist, ist Christian meistens in der Meierei da drüben“, weiß der Nachbar. Dort aufgespürt, legt der Gründer des Secession-Verlags für Literatur gleich los. Arzt wollte er eigentlich werden, doch sein Deutschlehrer im Abitur hatte das anders gesehen: „Ich möchte, dass Du bei der Literatur bleibst.“ Ruzicska studiert also Philosophie, Germanistik und noch ein paar geisteswissenschaftliche Fächer in Bonn. Ein Studium, wie es in den Neunzigern typisch war. Nebenbei jobbt er bei Müller, einer großen Autorenbuchhandlung in Düsseldorf.

Noch im Studium gründete der heute 41-Jährige zusammen mit Michael Zöllner in Köln den Tropen-Verlag (heute Berlin), während eines Bratkartoffelessens in einem einsturzgefährdeten Altbau. Die Jungverleger agierten selbstbewusst, mit wenig Geld, aber viel Instinkt. Man hatte den Riecher für Christine Angot und ihren Skandalroman Inzest, kein anderer deutscher Verlag hatte zugeschlagen. Man kaufte das wunderbare Epos Motherless Brooklyn, obwohl dessen Autor Jonathan Lethem als unübersetzbar galt. Angot kostete 3.000 Mark, 60.000 Euro brachten allein die Taschenbuchrechte. Ähnlich lukrativ wurde Lethem. Doch was da noch als verrücktes Verlegermärchen von den Medien gefeiert wurde, endete für Ruzicska 2008. Zöllner verkauft Tropen an den Klettverlag und sich dort ein – gegen den Willen von Ruzicska, Verträge hatte man keine gemacht.

Desillusioniert, wie er behauptet (Ruzicska wirkt dafür eigentlich viel zu umtriebig), besucht er einen Freund in Brasilien, entflieht dort mit Dostojewski, arbeitet danach als freier Lektor und Dramaturg in Wien und Graz. Auf der Frankfurter Buchmesse kommt er mit Susanne Schenzle vom Schweizer Amman Verlag ins Gespräch – und später mit ihr zu einem neuen Verlag. Schenzle arbeitete da noch als Vertriebsleiterin für Amman. Ein Verlag mit Legende, da geht man nicht einfach. Fast waren beide erleichtert, als Egon Amman im August 2009 nach fast 30 Jahren überraschend das Ende des Verlags bekannt gab.

Die Rolle des Radios

„Das ist unser erster Roman, den machen wir“, hatte Susanne Schenzle wohl nicht gerade geschrien, dafür klingt ihre Stimme nun am Telefon viel zu schweizerisch ruhig, aber mit vielen Ausrufezeichen wird sie es gedacht haben. Die Rede ist von Steven Uhly, einem Kommilitonen aus Bonner Studententagen, dem Freund aus Brasilien und seinem Debüt, dem Auftakt-Roman von Secession. Mein Leben in Aspik sei ein irrwitziger Barock-Poetry-Slam, schwärmte Florian Illies 2010 in der Zeit. Aber wie kam der überhaupt zu dem Buch? „Intensivste Pressearbeit“, sagt Ruzicska, „wir arbeiten 16 Stunden am Tag“. Beim Spiegel hatte er 15-mal vor der Tür gestanden, den Roman Inzest fünfmal zugeschickt.

Auch die anderen Autoren des Verlags zeugen von einem verlegerischen (Über-)Mut, der in die Connaisseurschaft des Publikums vertraut und ihm sperrige Literatur zutraut. Da ist die vergessene Autorin Hélène Bessette. „Marguerite Duras bewunderte Bessettes Formwillen, ihre Ein-Wort-Kaskaden und suggestiven Wiederholungsschlaufen“, hieß es in einem Feature von Deutschland Radio Kultur. Überhaupt das Radio. Während im Print-Feuilleton bekanntlich immer alle über die Gleichen schreiben, ist von Anfang an viel Aufmerksamkeit vom Hörfunk gekommen. „Bessette wurde im Radio rauf und runter besprochen“, erzählt Ruzicska. 

Im Programm auch der komplizierte Altmeister Lars Gustafsson oder die weithin wenig bekannte ungarische Lyrikerin Magda Szabó. Die Prinzessin von. der Schriftstellerin Emanuelle Bayamack-Tam entwickelt beim Reinlesen rasch einen harten, gleichzeitig poetischen Sound, das Ganze spielt in Pariser Nachtclubs, grob geht es um einen jungen Mann, der eine Frau sein will. Genauer betrachtet, sagt Ruzicska, handeln unsere Romane immer von den Fragen und Wirrnissen menschlicher Identität.

Zurück zur Verlagsgründung. Es fehlte ja noch das Geld. Die beiden erhalten einen Kredit von privat, es muss viel Geld gewesen sein. So viel, dass genügend Budget für Qualität auch im Design bleibt. „Ich liebe Reclam-Heftchen, es sind nur keine Bücher, gestalterisch gesehen.“ So sieht es aus. Das Design von Secession kommt dagegen wertig daher. Man hat bewusst auf einen Einband verzichtet. Die Gestalter unter den Lesern dieses Artikels werden gleich eine Vorstellung haben: Die Texte sind in 9/13 Cordale regular/italic gesetzt, auf Fly 05, 100 g/qm. Ein Roman von Secession liegt gleichsam klug in der Hand.

Nach Mein Leben in Aspik ist seit dem Herbst nun Steven Uhlys zweiter Roman auf dem Markt. Er kommt für den Verlag noch besser an als dar Erste. Die Tages­themen bejubelten die Adamsfuge als furiose Antwort auf Thilo Sarrazin: „Brutal, komisch, chaotisch.“ Seither klopfen sie an: Welt, Zeit, FAZ, Brigitte, auch der Freitag, der Hörfunk und das Blaue Sofa. Verkaufte Taschenbuchrechte. Vielleicht wird das Buch verfilmt, vielleicht mit Uhly in der Hauptrolle.

Beziehungsarbeit

Das Buch Adamsfuge erinnert ein wenig an Meister und Margerita, sagt Ruzicska. Beim Versuch, das Buch literarisch einzuordnen, könnte man an eine Teillektüre, aber auch an Kolportage denken. Ruzicska nimmt es gelassen: „Lesen Sie weiter!“

„Es wäre fatal, sich auf Uhly auszuruhen. Aber wir können ruhiger arbeiten“, betont Susanne Schenzle, die neben dem Verlag noch zwei Tage in einer Buchhandlung in Zürich arbeitet. „Die Autoren wollen zu uns“, sagt sie selbstbewusst. Das trifft vor allem auf die Schweizer Kultur-Avantgarde zu. Der Slam-Poet Christian Uetz mit seinem interessant verstörenden Debütroman. „Der beste Schweizer Einkauf.“ Endo Anaconda, bekannt geworden mit der Mundart-Band Stiller Has. Jürg Halter, Lyriker, Performer. Er sei der wichtigste Künstler in der Schweiz. Gewiss, nur funktioniert diese Mischung aus Text, Lebensgefühl und Performance über die Grenzen hinaus? Vielleicht nicht, vielleicht muss sie das auch nicht.

Jedenfalls war es mit einem solchen Programm schwierig, die richtigen Vertreter zu finden und zu überzeugen. Viel Beziehungsarbeit ist nötig. Ein Vertrauensverhältnis unabdingbar. Vertraut ist auch das Verhältnis zu den vielen Vertragsbuchhändlern in Österreich, in der Schweiz, in Deutschland. Man gewinnt den Eindruck, dass die beiden mit der ganzen Branche auf Du und Du sind, obwohl gesiezt wird.

Die Arbeit lohnt sich. Secession ist der „Newcomer Verlag“ 2011. Der Preis wird vom (Schweizer) Buchhandel selbst vergeben, man hat sich also schon nach zwei Jahren großen Respekt erarbeitet, wird wahrgenommen. Auf Facebook hat Secession Verlag für Literatur 4.200 Freunde. Die betreut ein Freund, jeden Tag für 1,5 Stunden, ehrenamtlich. Ihn, Ruzicska, der ja auch der Übersetzer, Lektor und Pressemensch im Verlag ist, mache das nervös. Seine E-Mails haben einen altmodischen Charme. Der Verlagsname zitiert vergangene Zeiten, ja Ruzicska selbst erinnert an einen Verleger alten Schlags. Es ist eines der Geheimnisse seines Erfolgs.

Dann gehen wir zurück zur Berliner Verlagsdependance, die ja tatsächlich primär eine schöne Privatwohnung mit Blick auf den Jüdischen Friedhof, vielmehr seine Mauern ist. Hübsch dunkel ist es hier. Man muss eine Lampe einschalten. Ein großer langer Esstisch ist Schreibtisch, überall Papiere. Ruzicska zeigt auf den Haufen, wie man so sagt, unverlangt eingesandter Manuskripte. Es kommt so jeden Tag eins. Er liest alles, antwortet allen Einsendern (wenn es manchmal auch dauert), man kann ja nie wissen, und einen, verrät Ruzicska, haben sie so gerade entdeckt.

Katharina Schmitz rezensierte für den Freitag zuletzt von Jan Brandt

16:00 04.11.2011
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