„Die Lektüre knistert“

Im Gespräch Nach 22 Jahren als Chefredakteur der legendären „Sinn und Form“ übergibt Sebastian Kleinschmidt nun die Geschicke der Zeitschrift an seinen Nachfolger Matthias Weichelt
Katharina Teutsch | Ausgabe 29/2013 3
„Die Lektüre knistert“

Der Freitag: Die Literaturzeitschrift Sinn und Form wurde 1949 vom Dichter und DDR-Kulturminister Johannes R. Becher gegründet. Sie, Herr Kleinschmidt, sind 1984 Redakteur geworden. Sollte das Blatt zum Exerzierfeld einer sozialistisch-realistischen Staatskunstdoktrin werden?

Sebastian Kleinschmidt: Becher war zwar Kommunist, und das in demonstrativ geschichtsphilosophischer Ausrichtung, mit einer bestimmten Perspektive der Geistes-und Kulturkritik, aber die Dinge waren am Anfang ja noch recht weitläufig. Das linke Gesellschaftsprojekt wurde fast überall auf der Welt mit Sympathien bedacht. Und Becher berief mit Peter Huchel einen Mann mit systemübergreifendem Literaturgeschmack zum Chefredakteur.

Gibt es eine Gründungslegende?

Kleinschmidt: Man könnte sagen, das Hauptereignis war die Findung des Namens. Becher wollte ja ursprünglich, dass die Zeitschrift Maß und Wert heißt wie Thomas Manns Exilzeitschrift. Becher, der sich ja als Klassiker verstand, dachte, das sind ja klassizistische Begriffe. Er hat Mann dann um Freigabe des Titels gebeten, aber der hat abgelehnt – natürlich mit freundlichen Worten.

Aus heutiger Perspektive klingt es fast schon absurd, dass eine junge linke Literaturzeitschrift allen Ernstes mit bürgerlichen Formbegriffen operieren wollte.

Kleinschmidt: Wenn man die Nazizeit als Kulturbruch interpretiert, und das war sie doch, dann ist die natürliche Gegenposition dazu die Restitution der Kulturnorm. Das ist also gar nicht so abwegig und hatte auch zur damaligen Zeit nichts Beengendes. Vom Standpunkt eines Avantgardisten ist das natürlich eine Schreckensbotschaft. Wenn die Documenta unter der Parole „Maß und Wert“ gestanden hätte, hätten 99 Prozent der Akteure nie teilnehmen dürfen.

Trotzdem sind Sie heute froh, dass es anders gekommen ist.

Kleinschmidt: Der Vorteil des jetzigen Namens besteht darin, dass der Begriff „Maß“ definitionsbedürftig, der Begriff „Sinn“ hingegen undefinierbar ist. Sinn – das ist ein offenes Gelände. Bei der Form ist es ähnlich, obwohl die lange Zeit auch schlechte Karten hatte. Nach Norbert Elias‘ Auslegung von Gesellschaftsfortschritt liegt das Progressive in der „Informalisierung“. Für die Geschichte der Kunst lässt sich das gut belegen. Heute aber kommt selbst die jüngste Generation von Künstlern und Dichtern wieder dahin, den Formbegriff zu schätzen.

Woran mag das liegen?

Kleinschmidt: Auf allen Gebieten herrscht Überproduktion, in der Literatur ganz besonders. Und wie wollen Sie die drosseln? Indem Sie die Qualitätskriterien verschärfen. Der Formbegriff gehört dazu.

Herr Weichelt, Sie werden als designierter Chefredakteur von Sinn und Form auch diesen merkwürdig biegsamen Formbegriff erben. Ist der Wunsch nach seiner Erhaltung nicht auch nostalgisch? Die Suche nach den guten alten Formen?

Matthias Weichelt: Form ist ja nicht automatisch nostalgisch. Es kann ganz avantgardistische Formen geben, und es ist ja jetzt auch nicht so, dass wir nur Balladen bringen oder Hexameter. Wir halten den Formbegriff auch in der Hinsicht hoch, dass wir auf die Form der Texte großen Wert legen. Zusammen mit den Autoren bemühen wir uns um Sprachpflege im emphatischen Sinne.

Sinn und Form wurde in der DDR erfunden, die marxistische Kritik prägte die intellektuelle Stoßrichtung, dennoch war ein Rückzug auf klassische Kulturbegriffe möglich und somit nach 1989 auch der Schulterschluss mit dem intellektuellen Westdeutschland.

Kleinschmidt: Wenn man Sinn und Form sich jetzt als philosophischen Raum vorstellt, dann war es ja so, dass in der DDR als Weltanschauungsstaat gewisse geistige Standpunkte faktisch verboten wurden, weil sie als konterrevolutionär oder fortschrittsfeindlich gebrandmarkt waren. Aber es gibt ja diesen Vers von Wolf Biermann im Heine-Sound: „Das, was verboten ist, das macht uns gerade scharf.“ Wenn man also ein intellektuelles Leben führt – das ist im Dritten Reich nicht anders gewesen als in der DDR –, dann hat man sozusagen die magnetische Hand, die in der Bibliothek genau die Bücher findet, bei deren Lektüre es knistert. Und ob Sie in einem solchen Regime nun unbedingt mit dem Kopf gegen die Wand laufen wollen, ist Ihre Sache. Jedenfalls macht das nicht jeder. Aber wenn sich auf einmal die Möglichkeit zur freien Entfaltung bietet wie 1989, dann ist da ein Füllhorn, das man auf einmal ausschütten kann.

Weichelt: Es war nicht so, dass bis 1989 alles so auf Linie gewesen ist. Dass zu Ostzeiten immer wieder Autoren erscheinen konnten, deren Texte offiziell angegriffen worden sind, ist prägend für die Zeitschrift, der oft genug mit Verbot gedroht wurde. Deswegen gibt es ja auch den ersten Chefredakteur Peter Huchel gleichsam als Märtyrerfigur, der abgesägt wurde, weil er in erster Linie auf das literarisch und nicht das politisch Wertvolle in seiner Zeitschrift abhob.

Welche Rolle spielte Sinn und Form für die Kultur des Westens?

Kleinschmidt: Die Zeitschrift ist immer schon zur Hälfte in Westdeutschland gelesen worden. In der DDR ist sie gar nicht erst rezensiert worden, aber die westdeutschen Rundfunkanstalten haben jede Nummer besprochen.

Herr Kleinschmidt, Sie selbst haben in den Siebzigern einem oppositionellen Zirkel angehört. Hat es Sie nie in den Fingern gejuckt, Ihr Dissidententum auf dem Kampfplatz der Kultur auszutragen?

Kleinschmidt: Glauben Sie, dass man, wenn man in der politischen Opposition ist, auch automatisch eine konstruktive Idee von literarischer Opposition hat? Wenn das so wäre, würde das doch bedeuten, dass die großartigste Epoche in der DDR-Literatur die des Prenzlauer Bergs war, wo die literarische Opposition ihre Verse schmiedete. Die bedeutendsten Schriftsteller waren aber diejenigen, die sich in die innere Auseinandersetzung mit Staat, Partei und Idee begaben. Christa Wolf war bis zum Schluss Mitglied der Partei, Erwin Strittmatter auch, aber die entscheidenden geistigen Auseinandersetzungen mit dem DDR-Sozialismus findet man bei diesen Autoren. Also, wenn Sie fragen, ob es mich nicht politisch in den Fingern gejuckt hat, dann muss ich sagen: Ich bin immer gegen eine Politisierung von Sinn und Form gewesen. Mit der Politisierung richtet man so eine Zeitschrift nämlich zugrunde, und zwar ganz schnell.

Warum ist das meistens so?

Kleinschmidt: Weil die politischen Parolen nicht die Halbwertszeit von Atomkernen haben, sondern die von Äpfeln und Birnen, von höchstens einem Sommer also. Und dann ist alles verfault, also historisch. Wenn man heute aber die alten Jahrgänge von Sinn und Form ansieht, dann zeigen sich die Dinge offen, man kann sich an neue Kontexte binden, sich mit anderer Subjektivität ins Verhältnis setzen.

Im Jahr 1993 machten Sie Furore mit einer Entscheidung, die gegen jeden politischen Instinkt zu verstoßen schien. Sie druckten Auszüge aus den späten Tagebüchern Ernst Jüngers, der bis dahin vor allem als Autor profaschistischer oder kriegsverherrlichender Schriftenwahrgenommen, später rehabilitiert wurde.

Kleinschmidt: Natürlich war das ein großes Problem, denn es hat mich ja beinahe meinen Kopf als Chefredakteur gekostet. Walter Jens, damals Akademiepräsident, war entsetzt. Er hat mir mit Konsequenzen gedroht.

Was genau hat Sie an dem Mystagogen Jünger interessiert?

Kleinschmidt: Ich hab ihn von hinten nach vorne gelesen, also nicht mit dem „bösen Jünger“ angefangen, sondern mit dem milden und weisen. Das ergibt einen ganz anderen Zugang. Und dann hatte ich plötzlich das Gefühl, das ist doch eigentlich ein Autor, der zu Sinn und Form passt.

Herr Weichelt, wie wird sich die Zeitschrift in Zukunft positionieren? Ein Skandal à la Jünger ist heute kaum noch zu erwarten.

Weichelt: Ich bin ja nun auch schon sieben Jahre bei Sinn und Form und so ist es gar nicht mein Bedürfnis, jetzt alles umzuwerfen. Die äußere Anmutung der Zeitschrift hat sich über die Jahrzehnte erhalten, und das soll auch so bleiben. Gegründet worden ist sie ja als Literaturzeitschrift mit Affinität für philosophische, ästhetische und religionswissenschaftliche Fragen. So soll es bleiben.

Sie haben keine Vision fürs 21. Jahrhundert?

Weichelt: Was ich schon für wichtig halten würde, ist, dass man in dieser sich immer mehr ausdifferenzierenden Welt die Begriffe „Sinn“ und „Form“ hochhält und die Möglichkeit nutzt, zu den Zeitgeschehnissen Stellung zu beziehen. Was ist Konservatismus? Was ist Kultur? Und gleichzeitig darf das Ganze nicht museal werden. Wir wollen Texte bringen, die eine eigene Brisanz haben und die geistig interessierte Menschen heutzutage umtreiben: Gespräche, Gedichte, Essays.

Was ist mit den Frauen? Nach wie vor wird Ihre Zeitschrift, wie übrigens Merkur und Neue Rundschau, ja auch von Männern dominiert.

Kleinschmidt: Wir haben in Sinn und Form noch keine Angriffe von der Genderfraktion erlebt. Unsere Tore sind weit offen für Frauen. Wir sind ein Organ für die poetische Wahrnehmung der Welt, dafür will die Zeitschrift ein Schleppnetz sein, das ist jene Perlenfischerei, die Sinn und Form betreibt. Und deswegen muss man überall suchen, aber man sucht eben die Perlen und nicht den Schlamm.

Weichelt: Also, wir haben in jedem Heft Frauen in einem Verhältnis 10:3, das ist schon so, aber das muss aus Dingen resultieren, die vor der Redaktion liegen. Wir haben jedenfalls noch nie jemanden aufgrund seines Geschlechts aussortiert.

Ich werfe Ihnen keine maliziöse Verabredung vor. Aber es scheinen sich ja nicht so schrecklich viele weibliche Intellektuelle von Ihrem Blatt repräsentiert zu fühlen.

Weichelt: Ja, aber das müssten Sie dann die Frauen fragen. Wir haben öfter Texte von Frauen, die keiner kennt. Im Mai/Juni-Heft gibt es einen wunderbaren von Marianne Glaßer über synästhetische Wahrnehmungen eines Kindes. Sie hat ihn uns geschickt, wir haben ihn gedruckt.

Kleinschmidt: Der poetische Weltzugang ist kein phallokratischer. Das Weibliche ist ganz normal integriert in diese Geistesform. Das ist also kein Gebiet, auf dem bei uns etwas aufgearbeitet werden müsste. Das poetische Moment enthält alles, was man im fruchtbaren Sinne mit dem Weiblichen in Verbindung bringt, besonders diese schöne schöpferische Passivität, diesen Goetheschen Begriff des Weiblichen.

Herr Kleinschmidt, Sie waren früher ganz männlich aktiv bei der Marine und haben, nachdem Sie Ihre Liebe für Bücher und die Philosophie entdeckt hatten, 22 Jahre lang Sinn und Form gelenkt. Jetzt gehen Sie im Sturm der digitalen Ära von Bord.

Kleinschmidt: Ja, aber ich trete nicht in die Dienste der Hafenbehörde ein. Ich werde ab und zu mal am Kai auf einer Bank sitzen und endlich all die Sachen lesen, die ich die letzten 20 Jahren nicht geschafft habe. Aber wenn ich dann dort sitze und das künftig von Matthias Weichelt gesteuerte schöne Schiff von Sinn und Form vorbeisegelt, dann werde ich vom Buch aufschauen.

Sebastian Kleinschmidt wurde als Sohn eines Dompredigers in Schwerin geboren. Nach dem Abitur ging er zur Marine, wurde dort Funker und Büchernarr. Kleinschmidt, der Geschichte und Philosophie studiert hat, war seit dem Jahr 1984 Redakteur und ab 1991 Chefredakteur von Sinn und Form Matthias Weichelt ist seit 2006 Redakteur bei Sinn und Form . Jetzt rückt er auf den vakant werdenden Chefsessel von Kleinschmidt vor. Der promovierte Literaturwissenschaftler und ehemalige Suhrkamp-Lektor will die Tradition des von der Akademie der Künste finanzierten Organs fortführen

 

Das Gespräch führte Katharina Teutsch
06:00 23.07.2013
Geschrieben von

Katharina Teutsch

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