„Ich bleib an deiner Seite“

Im Gespräch Der Feuilletonist Tobias Rüther hat ein kluges Buch über Männerfreundschaften geschrieben und kommt zu dem Schluss: Männer wollen auch nur reden – genau wie ihre Frauen
Katharina Teutsch | Ausgabe 30/2013 2
„Ich bleib an deiner Seite“
Ernie & Bert

Bild: Cinetext/MRO

Der Freitag: Herr Rüther, Sie haben das sehr persönliche Buch Männerfreundschaft. Ein Abenteuer geschrieben. Ist es Ihnen darin gelungen, das Geheimnis der bekanntesten Männer-WG zu ergründen, der von Ernie und Bert?

Tobias Rüther: Die Frage ist schwieriger, als Sie wahrscheinlich denken. Ich würde generell sagen: Geduld und Großzügigkeit. Darauf bin ich immer wieder gestoßen in meinen Interviews mit Freunden. Es geht darum, den anderen gewähren zu lassen. Im konkreten Fall: Bert, das ist dieser komische Intellektuelle, der einem auf die Nerven gehen kann. Und Ernie natürlich auch, obwohl er irgendwie mehr im Leben steht. Und so wie Bert verzeiht, dass Ernie nicht das Genie ist, das er sich zum Freund wünscht, verzeiht Ernie, dass Bert so ne Nervensäge ist.

Man könnte auch sagen, ihre Freundschaft besteht gerade darin, dass die beiden zu feige sind, sich die Wahrheit zu sagen. Eine gängige Definition von Männerfreundschaft wäre ja die folgende: Männer beherrschen die Kunst, sich gegenseitig nie das Gesicht verlieren zu lassen. Wenn der eine den anderen verletzt, lässt man Gras über die Sache wachsen und kann sich später bei einem Bier wieder wortlos aussöhnen.

Die klassische Forschung ist immer der Meinung gewesen: Männer, das bedeutet gemeinsam verbrachte Zeit, die ein Medium benötigt. Also Hobbys zum Beispiel. Frauen hingegen wollen mit ihren Freundinnen vor allem reden. Interessant ist, dass ich bei meinen Recherchen keines dieser Klischees wirklich bestätigt gefunden habe. Wen ich auch gefragt habe, immer gründete sich die Männerfreundschaft auf so eine Art Erleuchtungsmoment, in dem man etwas gemeinsam entdeckt oder begreift. Und dieses Erlebnis, das haben mir die Freunde jedenfalls so erzählt, ergab sich eher im Gespräch und nicht beim Angeln.

Was ist dran an der Mär von der männlichen Verschwiegenheit?

Ich halte Schweigen für die schlimmste Affekthandlung, die es gibt. Stoisch einen Konflikt vertagen, bis man eines Tages ein Bier zusammen trinkt und sich alles wieder löst – so funktioniert das ja nicht. Gerade wenn man viel miteinander geredet hat, ist Schweigen eine Strafe. Man schadet sich einfach selbst damit.

Der wortkarge Freund, der das Herz am rechten Fleck hat und über Tugenden wie Loyalität und Treue verfügt, ist ein sehr wirkmächtiges Bild. Schillers Ballade Die Bürgschaft, in der ein Freund den Kopf für den anderen hinhält, kann einem durchaus Tränen der Rührung abtrotzen.

Stimmt. Das passiert mir aber eher, wenn ich Bruce Springsteen höre, der viele Songs über beste Freunde geschrieben hat.

Oft geht es beim Besingen der Männerfreundschaft um den Zusammenhalt in kriegerischen Zeiten. Dort, wo das Leben auf dem Spiel steht, bekommt die Freundschaft als Pathosformel eine idealistische Bedeutung; sie wird ein Gegenwicht zur Realität.

Es gibt diesen Mythos von der Männerfreundschaft über den Tod hinaus. Springsteens Lieder über Blutsbrüder zum Beispiel aber handeln nicht davon, dass zwei losziehen und Kriege anzetteln. Es geht eher ganz naiv darum: Ich bleib bei dir, ich bleib an deiner Seite, und jetzt lass uns eine Band gründen. Ich habe in der Männerfreundschaft also immer eher das Zivile und Verträumte gesehen und weniger das Politische und Militärische. Das Bedürfnis, mit einem Bein immer auch in einer anderen Realität zu stehen. Es gibt natürlich in jeder intensiven Freundschaft so etwas wie ein „Wir gegen den Rest der Welt“. Aber das sind dann meistens Stilfragen vom Typ: Die verstehen unsere Lieder nicht. Die verstehen unsere Bücher nicht. Die verstehen unseren Humor nicht.

Wäre der Topos von der Männerfreundschaft etwas, das vor allem in der Gegenüberstellung zur angeblich volatileren Frauenfreundschaft, in der man sich schon mal anzicken kann, funktioniert?

Im Laufe meiner Recherche habe ich immer weniger zu sagen gewusst, was das spezifisch Männliche sein soll. Das verschwamm immer mehr, sobald die Männer anfingen, über ihre tatsächlichen Freunde zu reden. Die neuere soziologische Forschung zeigt ja passenderweise auch, wie ähnlich sich weibliche und männliche Freundschaften oft sind. Andererseits heißt das Buch auch deshalb Männerfreundschaft, weil ich gesehen habe, dass einem weitaus mehr Beispiele einfallen von männlichen Freundschaften in Kunst, Kino und Literatur.

Gibt es dafür historische Gründe?

Es gibt in der Kulturgeschichte etliche Zeugnisse inniger Männerfreundschaften. Etwa die schwärmerischen Briefeschreiber aus dem 18. Jahrhundert. Das sind auch oft idealisierte „intellektuelle Freundschaften“: Männer tauschen sich im Medium der Schrift über geistige Dinge aus – den Frauen blieb das im gleichen Maße über Jahrhunderte hinweg versagt.

Es gab schon schreibende Frauen, aber die klassische Geschichtsschreibung ist ja eine aus männlicher Perspektive.

Die Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer sagt, Männerfreundschaften seien früher vor allem öffentliche Verhältnisse gewesen, Clubverhältnisse. Egal ob beim Militär oder im Gesangsverein, das waren öffentliche Räume, zu denen Frauen erstmal keinen Zugang hatten.

Das hat sich ja nun heute – zumindest in der Theorie – stark verändert. Dennoch persistiert das Bild von der unverwüst-lichen Männerfreundschaft. Männerbünde gibt es in Bezug auf Karrieren heute noch immer. Den Frauen hingegen traut man eine solche Form der Solidarität nicht zu.

Ich habe oft das Gefühl, ich lebe in einer Welt, die schon viel weiter ist als der Diskurs, weil da Sachen noch einmal besprochen werden müssen, die im Grunde längst geklärt sind. Mittlerweile ist das Geschlechterverhältnis in heterosexuellen Paaren doch so, dass Mann und Frau die Probleme, die sie miteinander haben, auf eine Art selber klären können, wie das im 18. oder 19. und auch noch im frühen 20. Jahrhundert einfach nicht der Fall war. Die Mächteverhältnisse waren ganz andere. Man könnte deshalb heute viel eher fragen: Wozu braucht der moderne Mann eigentlich noch einen besten Freund, wenn er die Fragen, die ihn beschäftigen, auch mit seiner modernen Frau besprechen kann?

Haben Sie darauf eine Antwort?

Ich habe versucht zu klären, was es heutzutage eigentlich heißt, dass jemand, mit dem man nicht verheiratet ist, einem genauso wichtig sein kann wie der Partner. Und dass man es nicht aushalten würde, wenn er fehlte. Wie gesagt, Männerfreundschaft heißt das Buch jedenfalls nicht, weil ich damit ein Urteil über Frauenfreundschaften fällen wollte. Ich wollte persönlich über Freundschaft erzählen, und ich bin nun mal ein Mann. Die Großzügigkeit, von der ich am Anfang gesprochen habe, ist sozusagen die Währung, auf die ich hinaus will, die Grundlage unseres sozialen Miteinanders. Der Schlüssel dazu ist Kommunikation. Das ist alles schwierig genug. Aber ich war sehr glücklich festzustellen, dass ich offensichtlich nicht der einzige Typ auf der Welt bin, der mit seinem besten Freund unendlich viele Gespräche führt.

Tobias Rüther, 39, in Georgsmarienhütte geboren, ist seit 2010 Redakteur der FAS. Dort schreibt er über Pop und Literatur. 2008 erschien seine viel beachtete Biografie über David Bowie. Sein neues Buch Männerfreundschaft. Ein Abenteuer ist gerade im Rowohlt Berlin Verlag erschienen

Das Gespräch führte Katharina Teutsch
06:00 30.07.2013
Geschrieben von

Katharina Teutsch

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