"Angst ist unser Motor"

Im Gespräch Der Psychotherapeut Borwin Bandelow erklärt, warum gute Vorsätze fürs neue Jahr vor allem aus unserer Furcht vor dem Exzess entstehen – und Angst auch ihr Gutes hat
"Angst  ist  unser  Motor"
Zu viel Angst kann lähmen. Ein mittleres Angstniveau macht aber produktiv
Foto: Duncan1890/Istockphoto

Der Freitag: Herr Bandelow, warum machen wir uns eigentlich gute Vorsätze für das neue Jahr?

Borwin Bandelow: Weil die Menschen über die Festtage nachdenklich werden, aber auch, weil man ein Datum braucht, und da bietet sich der Neujahrstag an. Es geht bei den guten Vorsätzen immer um den Widerstreit zwischen dem Angst- und dem Belohnungssystem. Letzteres will hemmungslos essen, trinken, Sex haben. Das Vernunftgehirn warnt uns aber vor den Folgen – wie Übergewicht, Leberschäden oder Alimentezahlungen. Es sorgt über das Angstsystem dafür, dass wir uns Sorgen über unseren Lebenswandel machen.

Neujahrsvorsätze zielen meist drauf ab, ein als schädlich angesehenes Verhalten zu ändern. Also werden diese Vorsätze von unseren Ängsten angetrieben?

Ja, sie sind in der Regel ihr Motor. Ein klassischer Vorsatz zum neuen Jahr ist es, mit dem Rauchen aufzuhören, weil man Angst vor Lungenkrebs hat. Dabei warnt das Angstsystem vor den Folgen, die durch das unkontrollierte Ausleben des Belohnungssystems entstehen. Dass ein bestimmter Lebensstil die Existenz bedroht, ist das häufigste Motiv für Vorsätze. Neben den Süchten ist es oft auch der Hang zur Bequemlichkeit, der Anlass zu Selbstkritik gibt. Man hat Angst, dass man wegen seines Faulenzens den Job verliert und nimmt sich dann vor, mehr zu arbeiten.

Aber warum scheitern wir so oft an unseren Vorsätzen?

Weil die von der Vernunft motivierte Angst nicht immer gewinnt. Das liegt am übermächtigen Belohnungssystem. Die Vernunft ist im Gehirn der schwächste Part. Auch Faulsein wird über dieses System gesteuert. Wenn man sich nach einem langen Arbeitstag in einen Sessel fallen lässt, werden Glückshormone ausgeschüttet. Das ist eine natürliche Funktion, die dafür sorgt, dass der Organismus sich nicht überlastet und auch mal Pause macht. Wenn man aber diese Endomorphinausschüttung zu oft betreibt, wird man bequem. Faule Leute haben oft keine Angst.

Nützt ihnen das?

In jedem Betrieb gibt es einige Mitarbeiter, die überhaupt keine Angst zu haben scheinen, entlassen zu werden, obwohl sie fast nichts tun. Bei betriebsbedingten Kündigungen werden aber oft vor allem diejenigen Mitarbeiter entlassen, die zu wenig Angst haben. Bedenkenträger sind fleißiger, deshalb behalten sie häufiger ihren Job.

Das bedeutet Angst hat auch positive Effekte?

Ja, sie treibt die Menschen an. Ein mittleres Angstniveau steigert die Leistung ungemein. Viele Errungenschaften der Menschen in Wissenschaft, Technik oder Kunst gehen auf Menschen zurück, die unter der Angst litten, nicht perfekt zu sein.

Angst kann aber doch oft auch hemmend wirken.

Sie kann sich auch verselbständigen und wird dann zur krankhaften Angststörung. Zum Beispiel, wenn man sich vor einer ungefährlichen Hausspinne über alle Maßen fürchtet. Das ist eine sogenannte einfache Phobie, weil man sich vor einer bestimmten Sache fürchtet. Einfache Phobien gehören zu den häufigsten Ängsten. Gefolgt von sozialen Ängsten, Panikattacken und generalisierter Angst.

Haben sich unsere Ängste über die Jahre verändert?

Die Individuellen nicht, da stehen immer solche, wie ein Pflegefall im Alter zu werden, Angehörige zu verlieren oder Finanzprobleme zu bekommen, ganz vorne. Bei den gesellschaftlichen Ängsten sieht das etwas anders aus. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, gab es da schon andere Ängste als heute.

An was denken Sie?

Im Vordergrund stand die Furcht vor dem Atomkrieg, die wir ja heute nicht mehr haben. Stattdessen existieren heute Ängste vor Terrorismus, was es zu meiner Kindheit praktisch nicht gab. Daneben prägen uns auch immer Modeerscheinungen. Wenn zum Beispiel ein bisher unbekannter Krankheitserreger gefunden wird, fürchten sich die Menschen extrem davor. Solche ereignisbedingten Ängste vergehen aber schnell wieder, meist binnen weniger Wochen.

Gibt es heute insgesamt mehr Ängste als früher?

Nein, das wird zwar in den Medien oft beschworen, weil Journalisten solche Immer-Mehr-Texte lieben. Das beginnt dann mit: „Immer mehr Menschen leiden unter …“ Nur ist das gar nicht so. Weder bei den alltäglichen noch bei den medizinischen Ängsten. 18 Prozent der Menschen haben Angststörungen, das hat aber über die Jahrhunderte weder ab noch zugenommen.

Woraus speisen sich diese Ängste genau?

Man geht davon aus, dass ungefähr 50 Prozent der Angst genetisch bedingt ist und über Generationen vererbt wurde. Beispielsweise die Angst vor wilden Tieren. Sie war früher zum Überleben sinnvoll und wurde deswegen weitergegeben.

Und die andere Hälfte?

Sie stammt von traumatischen Erfahrungen im Umfeld, wenn man zum Beispiel in der Kindheit von den Eltern getrennt wurde oder wenn man sexuell missbraucht worden ist. Jeder Mensch wird mit einem gewissen Set von Ängsten geboren und eignet sich im Laufe des Lebens auch neue an. Dazu gehören soziale Ängste, wie sich zu blamieren oder andere Leute zu übervorteilen.

Gibt es bei Ängsten auch kulturelle Unterschiede?

Nein. Leute, die in sehr gefährlichen Gegenden leben wie Bagdad sind nicht ängstlicher als Leute, die in Stockholm leben. Eigentlich gab es früher sogar noch mehr Grund zur Angst, weil man beispielsweise manche Krankheiten gar nicht behandeln konnte. Heute haben wir eine so hohe Lebenserwartung, und auch auf andere Lebensfelder kann man viel mehr Einfluss nehmen, was die Angst eher geschmälert hat.

Erich Kästner hat einmal gesagt: „Wer keine Angst hat, hat auch keine Fantasie.“ Sehen Sie das auch so?

Das stimmt. Erich Kästner hat seine Angst zwar gern mit Alkohol bekämpft, aber er war natürlich auch ein großer Autor. Und sehr viele fantasievolle Künstler leiden unter Ängsten, weil sie immer denken: ‚Ich werde von allen verlassen, wenn ich nicht der Beste bin.‘ Wenn man immer unter dem Druck steht, dass man sich von anderen Leuten kritisch beurteilt fühlt, entstehen die besten Ideen. Dann wird man fantasievoller. Jemand, der unter Angst steht, der denkt die meiste Zeit darüber nach, wie er seine Performance verbessern kann. Angst macht ehrgeizig.

Und wovor haben Sie als Angstforscher selbst Angst?

Davor, dass sich mein schönes Leben, was ich gerade habe, ändern könnte.

Das Gespräch führte Katharina Finke

Borwin Bandelow, geboren 1951, ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Er lehrt als Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen und leitet eine Spezialabteilung für Patienten mit Angststörungen. Er hat zahlreiche Artikel und Bücher über Ängste verfasst.

09:00 05.01.2013
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