Die Kraft des Zuhörens

Kämpferin Thérèse Mapenzi hilft in der Demokratischen Republik Kongo Frauen, die missbraucht wurden
Katharina Finke | Ausgabe 14/2016

Sie traut sich das, was nicht mal die UN-Soldaten wagen: Thérèse Mema Mapenzi reist in der Demokratischen Republik Kongo in Gebiete, wo brutale Rebellen wüten. Am Rand der Berge lauern sie im Dschungel. Durch den Wald führen nur wenige Straßen. Immer wieder gibt es tiefe Löcher, die zu Schritttempo zwingen. Eine besonders gefährliche Situation. „Denn dann kann jemand aus dem Busch springen, einem die Knarre vorhalten und man hat keine Chance“, sagt Mapenzi. Doch das hält sie nicht auf. Die 33-Jährige fährt zu den Leidtragenden der Konflikte – um ihnen zuzuhören.

Begonnen hat der Krieg im Kongo vor zwei Jahrzehnten. Und trotz eines Friedensabkommens 2002 geht er immer weiter. Über vierzig bewaffnete Gruppen kämpfen nach wie vor gegeneinander: regionale Milizen wie die LRA (Lord’s Resistance Army) und die CNDP (Congrès national pour la défense du peuple) sowie ruandische Rebellen. Es geht um Rohstoffe wie Gold, Kupfer und Coltan, die für die Herstellung von elektronischen Geräten, vor allem Smartphones, unverzichtbar sind. Über fünf Millionen Menschen sind bislang getötet worden. Die Gewalt gegen Frauen ist besonders schlimm. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Demokratische Republik Kongo als „Welthauptstätte der Vergewaltigungen“. Mehr als eine halbe Millionen Frauen sind dort missbraucht worden. Im Ost-Kongo, wo sich die meisten Coltan-Minen befinden, jede dritte. In vielen Dörfern, die Mapenzi besucht, sogar jede Frau.

Von der Familie verstoßen

„Es geht um Erniedrigung“, sagt Mapenzi. Ziel sei es, die örtliche Bevölkerung auszurotten, damit die Bodenschätze ausgebeutet, exportiert und vom Erlös neue Waffen gekauft werden können. Dörfer werden zerstört, Familien flüchten in sichere Regionen. Wie an den südlichen Zipfel des Kivu-Sees, an der Grenze zu Ruanda, wo Mapenzi mit ihrem Mann und ihren vier Kindern lebt. Um ihr Haus herum haben sich viele Geflüchtete Hütten gebaut.

Die meisten vergewaltigten Frauen sind allein. „Weil sie in der Regel von ihren Männern verstoßen werden“, sagt Mapenzi. Sie bringt die Frauen, denen häufig Waffen oder Stöcke in den Unterleib gestoßen wurden, ins Krankenhaus, sorgt dafür, dass die Verletzungen behandelt werden.

Wenn die physischen Wunden versorgt sind, widmet sich Mapenzi den psychischen. „Denn die Seele ist doppelt zerstört: zuerst durch die Vergewaltigung und dann durch die Abweisung der eigenen Familie.“ Viele Frauen bekommen Kinder von den Vergewaltigern, „teuflische Geburten“ genannt, die genau wie ihre Mütter stigmatisiert werden. Um ihnen zu helfen, hat Mapenzi vor sieben Jahren begonnen, Trauma-Zentren zu errichten. Zusammen mit der katholischen Organisation Justice & Peace. Um weitere Stigmatisierung zu vermeiden, heißen die Trauma-Zentren Centres d’ Écoute (Zuhörräume). In jedem arbeiten zwei Sozialarbeiter, je eine Frau und ein Mann.

Das sei extrem wichtig, da nicht nur Frauen unter dem Missbrauch leiden, sagt Mapenzi. „Aber erst seit wenigen Jahren kommen auch Männer in die Zentren. Und auch nur, wenn sie so starke Schmerzen haben, dass sie es nicht mehr aushalten. Normalerweise schweigen sie, weil sie sich so schämen.“ In der kongolesischen Kultur sollen Männer Beschützer sein. Wenn sie diese Rolle nicht erfüllen können, weil sie Angehörige nicht vor der Vergewaltigung bewahren können oder in einigen Fällen sogar selbst missbraucht werden, können sie damit nicht umgehen. „Es ist schwer für sie. In der Regel wollen sie nur mit männlichen Sozialarbeitern reden“, sagt Mapenzi.

Regelmäßig besucht sie die Trauma-Zentren. Ihre Muttersprache ist Swahili. Daneben spricht Mapenzi Französisch, Englisch und drei weitere afrikanische Sprachen. Das hilft ihr bei ihrer Arbeit, genau wie ihre Bescheidenheit. Denn sie nimmt die lange Reise zu den Gruppen auf sich, auch wenn die während der Regenzeit schon mal den halben Tag dauert. Und weil es als Frau im Kongo zu gefährlich ist, im Dunkeln unterwegs zu sein, bleibt sie dann über Nacht.

Was die missbrauchten Frauen erlebt haben und wie Mapenzi ihnen hilft, erzählt auch der Film Voices of Violence der deutschen Regisseurin Claudia Schmid. Zur Premiere ist Mapenzi nach Berlin gereist. Ungeschminkt, in schwarzen Jeans und lässigem Pullover erscheint sie zum Interview vor der Filmvorführung. Es ist nicht ihr erster Besuch in Deutschland. Der war 2010, als sie in Bonn einen einjährigen Kurs an der „Akademie für Konflikttransformation“ besuchte. Zuvor war es schwer für sie gewesen, sich psychologisches Fachwissen anzueignen. „Dabei hat mich das seit der Schulzeit interessiert, doch das Studium konnten sich meine Eltern nicht leisten“, sagt sie. Dafür ermöglichten die Eltern – der Vater Unternehmer, die Mutter Lehrerin – ihr, genau wie ihren fünf Brüdern und vier Schwestern, etwas anderes zu studieren. Die junge Mapenzi wählt englische und afrikanische Literatur, arbeitet danach als Übersetzerin. Bis sie bei einer Organisation anfängt, die Frauen betreut, die sexuelle Gewalt erlebt haben – und die Mapenzi für eine Weiterbildung als Trauma-Therapeutin nach Ruanda schickt. Es folgten Bonn und ihre jetzige Arbeit in der DR Kongo.

Kein Verdrängen mehr

Empathie ist das Wichtigste beim Umgang mit Traumatisierten, sagt sie. „Eigentlich eine kongolesische Eigenschaft. Und es ist furchtbar, dass sie bei den meisten verloren gegangen ist.“ Mapenzi ist fassungslos über die Ungerechtigkeit, die in ihrer Heimat herrscht. „Menschen, die nichts mit dem Krieg zu tun haben, werden einfach so zerstückelt“, sagt sie und hat dabei Tränen in den Augen. „Warum?“ In manchen Momenten würde sie sich selbst therapeutische Hilfe wünschen. Doch dafür gibt es, wie für vieles, kein Geld. Deswegen hat sie gelernt, sich selbst zu helfen. „Ich suche mir dann einen ruhigen Ort und singe, tanze und atme tief durch.“

Der Film Voices of Violence lebt davon, dass die Regisseurin Claudia Schmid nicht nur Mapenzis Vertrauen gewinnen konnte, sondern auch das der anderen Frauen, indem sie selbst sich auch in die gefährlichen Gebiete der DR Kongo wagte. „Das war mir sehr wichtig“, sagt Schmid. „Der Film soll schonungslos die Gewaltprozesse zeigen und kein Verdrängen mehr zulassen.“ Für einige Zuschauerinnen ist das aber zu viel. Eine verlässt den Kinosaal bei einer Szene, in der eine Frau davon erzählt, dass ihr als Schwangerer der Bauch von den Rebellen aufgeschlitzt wurde. Schmid geht zu der Zuschauerin, redet mit ihr, zeigt Verständnis. Genau wie Mapenzi es macht.

Nach der Filmvorführung erscheint sie umgezogen auf der Bühne. Ihr Pagne, das traditionelle afrikanische Gewand, strahlt gelb und rot. „Eine Powerfrau“, sagt Regisseurin Schmid über Mapenzi. „Ihre Warmherzigkeit und die Freude der anderen haben mir Kraft gegeben.“ Die Kongolesin fühlt sich geschmeichelt. Was gibt ihr selbst Hoffnung? „Die positive Entwicklung der Frauen zu sehen“, sagt sie. „Wie sie erst völlig unglücklich und zerstört sind – und sich nach der Trauma-Therapie wieder freuen können.“ Zudem sei es schön, zu sehen, dass sie sich gegenseitig helfen können, wenn sie miteinander über ihre Erfahrungen sprechen.

Auch Filme wie dieser seien wichtig, fährt Mapenzi fort und bedankt sich beim Publikum für das Interesse. „Damit gebt ihr ihnen die Menschlichkeit zurück, das ist der erste wichtige Schritt.“ Viele weitere Maßnahmen seien allerdings notwendig. „Internationale Preise für meine Arbeit reichen da nicht aus, es muss sich auch auf politischer Ebene etwas ändern“, fordert Mapenzi.

Immerhin, der Internationale Strafgerichtshof sprach Jean-Pierre Bemba, den ehemaligen Vizepräsidenten der DR Kongo, im März wegen Mord, Vergewaltigung und Plünderung schuldig. Das Strafmaß wurde noch nicht festgelegt. Aber solche Urteile sind die Ausnahme. „Die Täter kommen meist ungestraft davon“, sagt Mapenzi. „Obwohl die UN sexuelle Gewalt nicht mehr tabuisieren will.“

Doch von den UN-Mitarbeitern fühlt sie sich im Stich gelassen. „Sie begeben sich nicht in die Gebiete, wo ich arbeite“, erzählt sie. „Sie bekämpfen nur die Symptome, nicht die Ursachen.“ Mapenzi fordert, dass auch das Ausland mehr für den Frieden in ihrer Heimat unternimmt. Dass nicht mehr Rohstoffe geraubt werden, weswegen in der DR Kongo Millionen Menschen sterben oder sexuelle Gewalt erleben, die inzwischen vom Mittel der Kriegsführung zum normalen Alltag geworden ist. „Ich würde gerne zu meiner Regierung gehen und meine Forderungen vorbringen“, sagt Mapenzi. Aber das wäre lebensgefährlich für sie. Diejenigen, die das vor ihr versuchten, wurden erschossen. Genau wie ein Erzbischof, der sich kritisch geäußert hatte. Vor kurzem wurde auch versucht, Mapenzi zu vergiften. Doch sie kämpft weiter. Fürs Zuhören.

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06:00 11.04.2016
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